Weihnachten 2015 – wo soll der Friede herkommen?

Gewalt verstärkt sich von selbst, wir können es im Kleinen wie im Großen täglich beobachten. Kleine Reibereien genügen für den Anfang, aus denen dann schnell Anschuldigungen, Intrigen, Mobbing folgen. Der Friede braucht viel Arbeit. Die Gewalt hat die Flüchtlingszahlen von 30- auf 60-Millionen verdoppelt und es werden noch mehr Menschen in die Oasen ohne Krieg drängen. Dort sind sie aber nicht unbedingt willkommen. Wie soll man in einer solchen Welt, in der alles schlimmer wird, Weihnachten feiern?

Gewalt gehört zur Grundausstattung des Menschen. Sie wendet sich gegen ihn. Deshalb überlebt er nur, wenn er in sich selbst die Gedanken und Emotionen bändigt, die Antriebe, die ihn zu Abneigung, übler Nachrede, Hass drängen und in Gewalt münden. Noch schwieriger wird der Mensch mit Unterlegenheitsgefühlen fertig. Wird er dazu noch gedemütigt, dann springt Aggression aus dem Inneren, da wo sich Eingeweide, Herz und Gedanken verbinden. Wir wissen nicht, warum im Menschen diese gefährlichen Potentiale so zerstörerisch geworden sind. Bei Tieren werden sie durch Instinkte gebändigt, der Mensch muss sich selbst steuern. Wir können als Gattung aber nur erleben, wenn diese Potentiale eingehegt werden.

Die ersten Menschengruppen – alle Männer bewaffnet
Die menschliche Gattung war schon zu Beginn gefährdet. Wenn die Männer zur Jagd aufbrachen, bedurfte es nur eines kleinen Anlasses, dass sie mit Waffen aufeinander losgingen. Es haben deshalb nur die Gruppen überlebt, die diese Gewalt gebändigt haben. Dem von Eskimos realisierten Film „Atanarjuat – Die Legende vom schnellen Läufer“, 2.000 in Kanada gedreht, liegt eine Legende zugrunde, die die Gefährdung eines kleinen Stammes durch inneren Zwist zeigt. Der Stamm überlebt nur, weil die Großmutter den Gewalttäter wegschickt. Die Forschungen von René Girard zeigen, dass es vor allem die Opferkulte waren, die Gewalt einhegten. Wenn der religiöse Dissens in Konfessionskriege mündet, wirkt die Religion nicht mehr zur Dämpfung der Gewalt. Der jetzt schon 35 Jahre dauernde Krieg zwischen Schiiten und Sunniten erinnert die Christen an ihre Konfessionskriege und die mühsamen Lernprozesse zu einem Miteinander, das nicht darauf hinausläuft, die Religion durch gegenseitige Feindschaft zu diskreditieren.

Die Schwäche der Religionen
Ob im Abendland oder im Mittlerne Osten – religiöse Differenzen können den Einsatz der Waffen gegen die anderen legitimieren und emotional verstärken. Davor waren die Christen nicht gefeit, obwohl ihr Stifter den Gewaltverzicht eindeutig gefordert hat. Offensichtlich haben die Religionen auf Weltebene noch ein anspruchsvolles Lernprogramm vor sich. Sie müssen klären, ob Gott tatsächlich die Waffen segnet. Im Kern geht es darum, ob Gott will, dass in seinem Auftrag diejenigen bestraft werden, die sich über seine Gebote hinwegsetzen. Wird Gott beleidigt, wenn die Satiriker ihre Pfeile gegen die Gottesverehrer abschießen? Müssen bzw. dürfen andere Menschen umgebracht werden, um so die Ehre Gottes zu retten?

Ein Hirtenjunge zeigt den Weg zur Krippe Foto: hinsehen.net

Ein Hirtenjunge zeigt den Weg zur Krippe
Foto: hinsehen.net

Wie greift Gott ein?
Nach jüdischer und christlicher Auffassung soll der Mensch nicht im Namen Gottes als Rächer auftreten. Paulus schreibt unter Bezugnahme auf alttestamentliche Stellen in Kap 12, 19 seines Briefes an die Römer: „Rächt euch nicht selber, liebe Brüder, sondern lasst Raum für den Zorn (Gottes); denn in der Schrift steht: Mein ist die Rache, ich werde vergelten, spricht der Herr.“ Aber wie bringt Gott die Gewalt aus der Mitte der menschlichen Emotionen: Er schenkt einen Neuanfang. Mit jedem Kind beginnt die Menschheitsgeschichte neu. Mit dem Kin1d in der Krippe im Besonderen. Es gilt für jedes Neugeborene. Wenn die Erwachsenen nicht Macht, Besitz, Wachstum ihres Geldes oder ihres Einflusses an die erste Stelle setzen, sondern die Kinder das Wichtigste sind, dann lösen sich Gewaltregungen in dieser Hinwendung zu den Kindern auf. Wir sollten daher mit den Flüchtlingen, vor allem aber mit den Theologen des Islam und ihren Politikern über die Kinder sprechen. Wenn wir uns hier auf die Flüchtlings­kinder konzentrieren, dann entsteht eine andere Dynamik. Es würde dann nicht zu Ghettos kommen, aus denen heraus keine Weg für die Jugendlichen führt. Sie müssten dann nicht gewalttätig werden, um sich zu beweisen, dass sie doch „wer sind“.  Zur Biographie des Kindes von Bethlehem gehört die Gewalt. Bereits 3 Tage nach Weihnachten wird der Kinder gedacht, die Herodes umbringen ließ, weil der gerade geborene Immanuel sein illegitimes Königtum infrage stellte.  Und was ist mit den unschuldig Getöteten?

Wiedergutmachung für die Opfer

Es gibt keine menschliche Instanz, die auch in Zukunft wieder gutmachen könnte, was Menschen angetan wurde. Wir können zwar Menschen aufnehmen, ihnen eine Perspektive geben und sie so fördern, dass sie ihr Land wieder aufbauen können. Den Toten können wir aber nicht mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen. Wenn wir darauf vertrauen, dass Gott die Menschheit nicht vergessen hat – Weihnachten will uns diese Angst ja nehmen – muss es für die Unschuldigen, die getötet wurden, eine Lösung geben. Im 2. Buch der Makkabäer, Kap. 7, konfrontiert einer der 7 Brüder, die sich gegen den erzwungene hellenistischen Opferkult auflehnen, König Antiochus mit folgender Aussage: „Gott hat uns die Hoffnung gegeben, dass er uns wieder auferweckt. Darauf warten wir gern, wenn wir von Menschenhand sterben.“ Die Mutter, die ihre 7 Söhne in deren Martyrium beisteht und später selbst hingerichtet wird, sagt: „Der Schöpfer der Welt hat den werdenden Menschen geformt, als er entstand; er kennt die Entstehung aller Dinge. Er gibt euch gnädig Atem und Leben wieder, weil ihr jetzt um seiner Gesetze willen nicht auf euch achtet.“ Der jüdische Denker Walter Benjamin hat diese Überlegungen in der Zeit des Nationalsozialismus  wieder aufgegriffen. Das ist Glauben, nämlich Gott zu vertrauen, dass er wiederherstellt, was wir Menschen zerstört haben. Wir sollen tatsächlich darauf vertrauen, dass das Kind in der Krippe dazu fähig ist. Die Hirten geben uns eine Ahnung, die Weisen sind dem Stern gefolgt. Auch sie hatten nur den Glauben.

Eckhard Bieger S.J.

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