35 Jahre Krieg und noch kein Ende: Der islamische Konfessionskrieg

1980 begann Saddam Hussein einen Krieg gegen den Iran. Nicht nur schien Persien schwach, Chomeini hatte auch zum Sturz Saddams aufgerufen, weil dieser ein zu laizistisches Regime aufgebaut hatte. Dieser dauerte 8 Jahre. Saddam und die mit ihm regierenden Stämme gehören der sunnitischen Richtung des Islam an. Die Perser und die Mehrheit der Iraker sind Schiiten. Es folgte 1990 der Überfall des Irak auf Kuweit, 2003 der zweite Irakkrieg, der in interne Kämpfe zwischen Sunniten und Schiiten mit vielen Selbstmordanschlägen und sogar Angriffen auf Moscheen überging. Das Entstehen des IS-Staates ist nur ein weiteres Kapitel dieser Konfessionskriege. Europa wurde immer mehr in die Kriegshandlungen hineingezogen. Europa kennt ebenso Konfessionskriege. Der Vergleich mit dem Dreißigjährigen Krieg 17. Jahrhundert zeigt, wie Politik und religiöse Spannungen das Feuer unter den Gegnerschaften immer mehr entfachten. Welche Hinweise lassen sich aus dem 16. und 17. Jahrhundert für die heutige Situation gewinnen:

Religiöse und politische Motive verbinden sich zu erhöhter Gewaltbereitschaft

Religionen sind nicht aus sich heraus friedfertig. Das zeigt die Geschichte. Selbst die Christen, die sich an einem eindeutigen Gewaltverzicht ihres Gründers orientieren könnten, haben gegeneinander die Waffen erhoben. Es ist die Aufgabe, den Wahrheitsanspruch der eigenen Glaubensüberzeugung nicht aufzugeben, und doch die des anderen zu achten.  Kritisch wird es, wenn es zu religiösen Differenzen kommt und die Gründerpersönlichkeit nicht mehr eingreifen kann. Glaubensspaltungen „sollten nicht sein“, vor allem nicht innerhalb einer Religion. Wenn dann noch die Religion auch personell mit den politischen Entscheidungsträgern verbunden ist und deren Macht legitimiert, verschärfen religiöse Streitigkeiten die politischen. Das war am Ende des Mittelalters so und ebenso seit Jahrzehnten im Mittleren Osten.

Foto: hinsehen.net E.B.

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Die Gewaltbereitschaft nimmt zu

Wie Konflikte im Kleinen haben auch die zwischen Gruppen und Staaten aus sich heraus die Tendenz, sich zu verschärfen. Denn wenn einmal jemand verletzt wurde und sei es nur verbal, ist die normale Reaktion, dem anderen heimzuzahlen. Damit die Gegenreaktionen auch ihr Ziel erreicht, muss sie deutlich genug ausfallen. Gibt es Tote, müssen diese gerächt werden. Die Folge ist, dass die Gewalt ständig zunimmt. So war der Dreißigjährige Konfessionskrieg Folge vieler kriegerischer Streitigkeiten, die mit der Reformation begannen. Wie in der Arabellion gab es mit den Bauernkriegen einen sozial motivierten Aufstand, der sich bereits mit den konfessionellen Gegensätzen vermischte. Ein erster Konfessionskrieg war der Kaiser Karls V. 1546–47  gegen die im Schmalkaldischen Bund zusammengeschlossen protestantischen Fürsten. Politisch nutzten die Reichsfürsten den konfessionellen Dissens, um den Machtanspruch des inzwischen erblich gewordenen Kaisertums der Habsburger zurückzudrängen. Es gab also eine Gewöhnung an kriegerische Auseinandersetzungen. Keiner konnte jedoch die Oberhand gewinnen. Auch führte der theologische Disput nicht zu einer Wiederannäherung, sondern zu einer weiteren Entfernung der Konfessionen voneinander. Deshalb trug die Religion nicht zu einem Abbau der Spannungen bei. Die Parallele zu den Auseinandersetzungen zwischen Schiiten und Sunniten zeigen die gleichen Tendenzen. Die Theologen verschärfen die Differenzen, indem sie die Gegenseite der Häresie bezichtigen. Hinzu kommt die Einflussnahme anderer Mächte, die konfessionellen Spannungen sowohl damals wie heute in Syrien verschärfen.

Es sind die Großmächte, die den Konflikt nicht beenden

Kriege kosten Geld. Solange die Konfliktparteien genügend Kämpfer mobilisieren, muss die ausländische Macht nur Geld nachschießen. Das hat England im Schmalkaldischen Krieg getan. Anders als im Mittleren Osten gab es im Dreißigjährigen Krieg sogar die Unterstützung des konfessionellen Gegners. Frankreich stand auf Seiten der protestantischen Fürsten. Es fühlte sich von Habsburg in die Zange genommen, weil dieses Herrscherhaus sowohl die Niederlande zu seinem Reich zählte sowie den spanischen Thron besetzt hatte. Schweden, selbst lutherisch geworden, griff ein, um den Protestantismus zu retten. Ziel war es wie heute, die Vorherrschaft des jeweiligen Gegners zu verhindern.

Wenig Aussicht auf ein Ende der Gewalt im Mittleren Osten

Die lange Kriegsgeschichte in den arabischen Ländern hat Gewalt zum gängigen Mittel der politischen Auseinandersetzung gemacht. Auch nach 33 Jahren Krieg ist das Ende noch nicht in Sicht. Da keine der islamischen Konfessionen die Chance hat, die andere Seite zu besiegen und so die Kriegshandlungen zu beenden, wird der Krieg weiter gehen. Saudi-Arabien und Persien werden nicht zulassen, dass der andere die führende Macht wird. Aus eigener Kraft werden die Konfliktpartien aus dem Gewaltdilemma vorerst nicht herausfinden. Die muslimischen Theologen sind weit davon entfernt, den Konflikt zu entschärfen. Es bleiben die ausländischen Mächte.
Zwei Folgerungen lassen sich ableiten:
Europa sollte alles daran setzen, dass sowohl Russland wie die USA, aber auch Saudi Arabien und Persien für ein Ende der Kämpfe sorgen.
Die christlichen Theologen sollten die Erfahrungen mit der Ökumene einbringen, indem sie das intensive Gespräch mit muslimischen Gelehrten suchen. Es kann dabei nicht wie bisher darum gehen, die Unterschiede der Religionen zu besprechen. Vielmehr ist aufzuzeigen, wie trotz Verschiedenheit der andere als Gesprächspartner akzeptiert werden kann.

Die Chancen für eine Ökumene im Islam bleiben allerdings so lange schwach, wie Staat und Religion eine unauflösbare Einheit bilden. In Europa hatten die Intellektuellen aus den Konfessionskriegen die Konsequenz gezogen, die Religion einzuhegen und sie aus der Einflussnahme auf politische Entscheidungen herauszudrängen. Religion wurde zur Privatsache erklärt. Wenn der Islam der Gewalt weiter freien Lauf lässt, werden nicht nur die Menschen die Länder verlassen. Wie das Christentum wird auch der Islam eine Abwendung von der Religion erleben. Die Religion wird als zu gefährlich eingeschätzt, so dass man sie aus dem öffentlichen Raum hinzudrängen muss, um so der Säkularisierung die Tore zu öffnen. Auch wenn in islamischen geprägten Gesellschaften die Voraussetzung einer Trennung von Staat und Religion sehr viel schwächer ausgebildet sind als im Christentum, je länger der Konfessionskrieg dauert, desto mehr Menschen werden sich von der Religion abwenden.
Ob Lutheraner und Katholiken beim 500-jährigen Jubiläum des Thesenanschlags die Kraft aufbringen, diese Folgen ihres Waffeneinsatzes öffentlich zu thematisieren, wird auch darüber entscheiden, ob die zunehmende Abwendung von den Kirchen aufgehalten werden kann. Auf jeden Fall haben die Christen keinerlei Veranlassung, aus einer Position der Überlegenheit auf den Islam herabzublicken.

Im Westen sollten wir auf die Christen in den arabischen Ländern hören. Viele sind geflohen. Sie halten einen Waffeneinsatz für kontraproduktiv hält. Der Sprecher der aramäischen Christen rät statt des Waffeneinsatzes zur Unterbindung der Finanzströme.

Eckhard Bieger S.J.

Ein Gedanke zu “35 Jahre Krieg und noch kein Ende: Der islamische Konfessionskrieg

  1. pax et iustitia:
    nicht die göttlichen Verheissungen an die Abrahamiten,nicht die französiche/amerikanische Revolution,nicht das kommunistische Manifest haben ihn besiegt- den göttlichen Futterneid (1 Mos 3,22)…

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