Religion ist gegen Waffen immun: Über die intellektuelle Schwäche des Westens

Mit den Gewaltakten in Paris hat sich der Islamismus wieder auf die Tagesordnung gesetzt. Er zwingt die Frage auf, ob die religiöse Rhetorik auch tatsächlich religiös ist. Nicht nur Muslime, sondern viele im Westen reagieren spontan: Das ist nicht Religion! Aber warum glaubt man dem religiösen Selbstbekenntnis des selbst ernannten „Islamischen Staates“ nicht, der Paris zum Hort der Ungläubigen und damit seine Bewohner zur Hölle verdammt? Zudem hatte Frankreich den IS-Staat vorher angegriffen. Schon da ist zu fragen, ob Frankreich nur mit Waffen reagieren kann, anstatt die intellektuelle Auseinandersetzung zu suchen. Der Wahlsieg des Front National diagnostiziert den Zustand der Nation der Aufklärung. Muss der säkulare Staat die Religion verstehen, um mit mehr Aussicht auf Erfolg reagieren zu können. Erfolg hieße ja, in Syrien wie im Irak eine Staatsform mit den Menschen aufzubauen, die den Terrorismus überwindet. Es geht dabei um Aufklärung, eigentlich um Vernunft statt Gewalt.

Der Löwe bewacht die Lateranbasilika

Foto: hinsehen.net E.B.

Zeitalter des Lichtes

Was in Deutschland „Aufklärung“ genannt und als Demokratisierungsprozess verstanden wird, heißt in Frankreich und ähnlich in England „Zeitalter des Lichtes“. Das Licht geht dabei von der menschlichen Vernunft aus und dieser wurde in der Auseinandersetzung mit der Religion der Primat zugesprochen. Es hatte mit der Gotik schon einmal ein Zeitalter des Lichtes gegeben. Suger, der Abt von Saint Denis, heute ein islamisierter Stadtteil von Paris, hatte beim Neubau der Abteikirche 1140 das Mauerwerk durch Fenster ersetzt und damit den Bauboom der Gotik ausgelöst. Zugrunde lag der Idee der Gotik auch eine Philosophie des Lichtes, das Gott erstrahlen lässt, damit der Mensch mit dem Auge des Geistes die tiefsten Wahrheiten erkennen kann. Der Mensch soll die Wahrheit mit seiner Vernunft erkennen, Gott unterstützt dieses Erkennen, indem er die grundlegenden Zusammenhänge ins Licht setzt. Mit der Französischen Revolution wurde die menschliche Vernunft auf dem Altar von Notre Dame installiert. Bald wurde die Vernunft durch die Revolution selbst entthront. Wer sich der neuen Ordnung nicht unterwerfen wollte, musste seinen Kopf unter die Guillotine legen, nicht zuletzt viele Ordensleute und Priester, dann auch köpfte die Revolution ihre eigenen Revolutionäre. Später unterwarfen die Revolutionsheere Napoleons große Teile Europas, bis sie an Russland scheiterten. Der Konflikt zwischen westlicher Philosophie und russischer Abschottung wird gerade wieder durchgespielt. Das heutige Frankreich, ob die Sozialisten oder der Front National, sind unfähig, den Islamismus intellektuell zu überwinden. Sie unterschätzen gerade die Kraft des Religiösen.

Religion lässt sich nicht durch Waffen besiegen

Anders als die liberale Demokratie lässt Religion und insbesondere der Islam die Sinnfrage nicht offen. Es gibt ein klares Ziel des menschlichen Lebens, nämlich die Nähe zu Gott, die im Laufe des Lebens vertieft werden muss und mit dem Tod eine neue Dimension gewinnt. Diese Überzeugung scheint gerade bei den Islamisten unumstößlich. Sie sind bereit, ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Allein dieses Verhaltensmuster, das nicht erst bei den Pariser Attentaten zu beobachten war, hätte das Auslaufen der Flugzeugträgers Charles de Gaulle mit ihren Jagdbombern stoppen müssen. Zwar ist verständlich, dass ein Land, das mit Waffen angegriffen wird, sich mit Waffen wehrt. Wir geben Frankreich Recht, vergessen allerdings, dass vor den Pariser Anschlägen französische Jagbomber gegen den IS im Einsatz waren. Aber wie schon vor 200 Jahren hält das Geburtsland der modernen Demokratie Waffen bereit, wenn sich Widerspruch regt. Im Nachhinein erscheint Vielen die militärische Operation als folgerichtige Antwort auf den Anschlag. Jedoch  gibt es den Terrorismus schon länger und der IS reagierte auf Angriffe französischer Flugzeuge. Die mangelnde Absprache zwischen den französischen Institutionen wird kaum diskutiert. Alle Attentäter waren bekannt. Sie sind zumeist in Frankreich aufgewachsen. Eine Strategie, den Terrorismus nicht nur mit Waffen, sondern geistig zu bekämpfen, ist nicht zu erkennen.

 Die Abwesenheit von Vernunft

Wenn die Argumente nicht mehr greifen, dann wird mit Waffen nachgeholfen. Die Protagonisten vergessen, dass sie genau durch den Einsatz von Waffen die Vernunft diskreditieren. Sie verstehen dann auch nicht, dass der IS-Staat mit religiösen Aussagen Frankreich angreifen kann, indem er Paris zum Hort des Wider-Göttlichen erklärt. Es ist also genau die religiöse Synthese des Jihad, die durch Bomben nur noch bestätigt wird und die um das Überleben bangende Bevölkerung in die Arme des IS treibt, der ja nicht wie das Assad-Regime die Wohnungen der Bewohner bombardiert. Unter den zwei Alternativen ist der IS-Staat für die arabischen Sunniten der Herrschaft des Assad-Clans vorzuziehen. Das gilt allerdings nicht für die Kurden, die Jesiden und Christen. Dass der IS der Vernunft französischer Ausprägung nicht trauen kann, erklären ihm die Franzosen durch jeden Bombenabwurf. Sie rechtfertigen damit die Gewalt des IS. Gewalt schaukelt sich gegenseitig hoch. Die Parallelen zur französischen Revolution zeigen sich in den Hinrichtungen.  Statt der Guillotine verwenden die Henker des IS nur das Schwert.

Ohne Vernunft keine gute Regierung

Lässt die Entsendung des französischen Flugzeugträgers schon Klugheit vermissen, so auch der bewaffnete Wiedereintritt der USA in die inner-islamischen Konflikte. Als genügte das Desaster des Irakkrieges nicht als Lehre. Wie will man den Islam davon überzeugen, nicht starr die Weisungen zu Koran Eins zu Eins in die Wirklichkeit umzusetzen, sondern Politik und Gerichtsbarkeit durch Vernunft zu vermitteln, wenn man nicht in eine vernunftgeleitete Auseinandersetzung einsteigt. Jurisprudenz, also juristische Klugheit, nennt man die Rechtsgelehrsamkeit. Wenn die Klugheit mit Waffen vollstreckt werde muss, dann ist das eben die Abdankung der Vernunft. Offensichtlich fällt der Bundesrepublik auch nichts anderes als Bündnistreue ein. Die sorgenvollen Gesichter von Kanzlerin und Außenminister demonstrieren auch nur Ratlosigkeit. Ein wenig Klugheit ist insofern im Spiel, als die Bundesrepublik keine Kampfeinsätze fliegt. Klüger wäre es, dem UN-Flüchtlingswerk finanziell unter die Arme zu greifen, denn der Flüchtlingsstrom wurde vor allem dadurch in Gang gesetzt, dass die UN die Lager um Syrien herum nicht mehr ausreichend mit Nahrung versorgen konnte, einfach aus Geldmangel. Würden Europa und die USA in den Flüchtlingslagern Fertigungsstätten einrichten und für einen ordentlichen Schulbetrieb sorgen, wäre das sehr viel kostengünstiger und würde dem IS seine Anziehungskraft rauben. Aber woher kommt die intellektuelle Schwäche der Liberalen Demokratie?

Demokratie gegen Religion

Im Fortgang der Französischen Revolution kam es zu einer strikten Bekämpfung der Religion. Dies ist umso erstaunlicher, als Priester Mitglieder der Nationalversammlung waren und sogar eine wichtige Rolle spielten. Dann kam der Umschlag in die Gewalt. Wie sollen die Muslime die französische Ausprägung der Demokratie als Zukunftsprojekt ernstnehmen können. Die Entwicklung in den USA lief anders. Der junge Staat löste die Abhängigkeit von der englischen Hochkirche, denn der Großteil der Einwanderer waren Mitglieder kleiner Kirchen, die auf der anderen Seite des Atlantik religiöse Freiheit erhofften und durch die strikte Trennung von Staat und Kirche auch erhielten. Dass Demokratie nicht liberal-religionslos sein muss, zeigt bereits das Mittelalter. Eine Verfassung und eine Beteiligung der Bürger lag den christlichen Demokratien, so den Stadtrepubliken des mittelalterlichen Italiens und dann den sich entwickelnden Stadtkulturen nördlich der Alpen zugrunde. Die synodale und konziliare Entscheidungsfindung bereits der jungen Kirche verband religiöse Überzeugung mit der Beteiligung Vieler an der Gestaltung des Gemeinwesens. Es muss also nichtige religionsabstinente Liberale Demokratie sein, die die freie Entfaltung der Individuen garantiert. Nicht die Abstinenz von Religion führt zu der Klugheit, die den politischen Ausgleich, die Gerichtsbarkeit, das Bildungssystem gestaltet. Genau das brauchen die arabischen Staaten dringend. Welche Funktion hätte dann der Islam?

Die Liberale Demokratie ist wertneutral und daher religiöser Überzeugung unterlegen

Die Neuentdeckung demokratischer Gestaltungsregeln nach dem Zeitalter des Absolutismus definierte Freiheitsrechte, vor allem gegenüber dem Staat, die vom einzelnen mit seinen Lebenszielen zu füllen sind. Deshalb steht die liberale Demokratieform für Werte wie Toleranz, Gewaltenteilung, Wechsel der politischen Eliten. Bei Finanzmanipulationen, Korruption und Doping lässt die Wertüberzeugung schon sehr zu wünschen übrig. Eine strikte Religiosität bietet da mehr Inhalte. Das ist wohl ein Faktor, der den Westen sprachlos und dann zu den Waffen greifen lässt. Es geht nicht darum, dass der Westen den arabischen Ländern eine andere Religion aufzwingt. Dadurch würde er zum Erstarken des Islam in seiner strikten Ausprägung noch mehr beitragen als mit seinen Bomben. Jedoch kann der Westen seine Erfahrungen mit konfessioneller Vielfalt einbringen, um mit den politischen Kräften in den islamischen Ländern eine Regierungsform zu entwickeln, die die Ausklammerung der Religion nicht zur Voraussetzung hat.

Auf die Christen ist allerdings dabei nicht zu setzen. Sie haben sich in den meisten westeuropäischen Ländern hinter ihre Kirchenmauern zurückgezogen und so ihre gesellschaftliche Gestaltungskraft verloren. Sie können in der intellektuellen Auseinandersetzung mit dem Islamismus kaum ein Gewicht in die Schale legen. Genauso sind die Vertreter der Säkularisierungsthese ohne Überzeugungskraft. Nicht nur fühlt sich der Islamismus ihnen überlegen, die Säkularisierung hat weder die napoleonischen noch die beiden Weltkriege verhindert, sondern eher möglich gemacht. Es scheint tatsächlich so: Der Westen hat nur seine militärischen Waffen. Vielleicht findet Deutschland in eine aktivere Rolle. Der Verlauf der  Flüchtlingsdebatte lässt allerdings wenig Hoffnung aufkommen.
Ist der Jihad nicht doch die Herausforderung, die Europa aus seiner Lähmung reißen müsste.

Eckhard Bieger S.J.

Siehe auch: Stellungnahme eines aramäischen Christen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s