Zerstreuen statt Beten: Der fromme Clown und der schwarze Hund

Beten hilft! Das wollen viele so, das glauben manche auch und es rührt schon an ein Tabu, wenn jemand eindeutig sagt: Nein, bitte nicht beten! Diese Aufforderung stammt nicht von einem religionsfernen Menschen, vielmehr hat Teresa von Avila den Schwestern, die an der Schwermut litten, verboten zu beten, sie sollten sich lieber zerstreuen. Einer, der Teresa sehr gut versteht, ist Willibert Pauels, der sogar meint: „Im Zustand der Depression kannst du dich mit Beten noch unglücklicher machen, weil es dich in deiner stockfinsteren Gewissheit bestärkt…“.

Über Willibert Pauels

Zumindest im Rheinland ist der katholische Diakon aus dem Bergischen bekannt wie ein bunter Hund, er ist weltberühmt im Rheinland, wie er von sich sagt. Im Karneval hat er Millionen zum Lachen gebracht. Und er trat bewusst als Diakon auf. Doch trotz aller Witze und Fröhlichkeit konnte er sich selbst damit nicht von seiner Depression heilen: „In diesem Zustand kannst du nicht mehr lachen.“ Der schwarze Hund verfolgte den bunten Hund. Samuel Johnson, ein englischer Dichter aus dem 18. Jahrhundert, hat dieses Bild für die Depression gefunden. Der schwarze Hund macht Angst, das Knurren ist überall, auch wenn der Hund nicht sichtbar ist. In jedem Augenblick kann der Hund sein Opfer anspringen und erstarren lassen.

Erst die Pille, dann der liebe Gott!

Es mag zwar sein, dass Gott allmächtig ist, aber wenn alles schwarz ist, dann hilft auch der innigste Glauben nicht, dann muss die Chemie ran. Und wenn man so will, ist die ja auch gottgewollt. Es geht darum, sich der Realität zu stellen. Wer als Arzt einem Kranken das Beten als einzige Arznei anbietet, der ist kein guter Arzt. Und wenn ein Patient meint, ihm würde das Beten helfen und er könne auf die Medikamente verzichten, dann muss der Arzt ihm verbieten zu beten. Das klingt radikal und wenn man es auf andere Bereiche überträgt, dann vermuten ganz Fromme schon den Glaubensabfall. Diese grundsätzliche Frage nach dem Sinn von Gebet, verändert vielleicht den Blick dafür, was Spiritualität und Frömmigkeit sein können. Der Schweizer Kurt Marti formulierte mal das Missverständnis des Betens mit den Worten: Die Christen beten alles kurz und klein. Ein Gebet ist kein sicheres Medikament gegen jede Krankheit. Und nur weil jemand betet oder Gott um etwas bittet, ist die Erfüllung des Wunsches nicht gewährleistet. Das Ganze ist komplizierter.

Erbärmliche Klage

Willibert Pauels, der Theologe und Clown, hat über seine Depression ein Buch geschrieben und ist damit an eine breite Öffentlichkeit getreten. Er will nicht nur aufklären, er will Sprachrohr sein. Und das macht er sehr konkret. Bei einer Lesung kurz vor dem dritten Advent in der Kapelle der Armen Brüder in Düsseldorf zitierte er den Psalm 77: „…Mein Herz grübelt bei Nacht, ich sinne nach, es forscht mein Geist.“ Die Zuhörer merken, dass da jemand nicht nur einen Psalm vorträgt, sondern seine innere Verzweiflung, seine Erfahrungen mit der unendlich schwarzen Schwermut wiedergibt. Es ist die erbärmliche Klage, die sich durch die Literatur von der Bibel über Goethes Faust und Dostojewskis Großinquisitor u. a. zieht. Depression ist kein modernes Phänomen, es ist wahrscheinlich so alt wie die Menschheit selbst. Und diese Krankheit ist die Hölle, weil es einfach nicht aufhört. Die Erbärmlichkeit ist nicht nur für den Betroffenen unerträglich, auch die Angehörigen leiden darunter, dass nichts den Depressiven aufheitern kann.

Das Ende

Die Depression ist auch deshalb so grausam, weil das Ende manchmal der Suizid ist. Robin Williams und viele namenlosen Menschen sind dafür ein Beispiel. Die Hinterbliebenen quälen sich mit Schuldvorwürfen, ihre Gedanken kreisen um die Frage, ob man etwas hätte merken können. Und im Zug ärgern sich die Fahrgäste, wenn die Durchsage kommt: Aufgrund eines Notarzteinsatzes im Gleis werden wir auf unbestimmte Zeit hier auf freier Strecke warten. Auf freier Strecke, ganz plötzlich kann so ein depressiver Anfall kommen. Und doch hilft auch hier kein Beten, erst kommt der Witz, dann die Frömmigkeit. Und so macht es auch Willibert Pauels in der Kapelle der Armen Brüder, ganz plötzlich auf freier Strecke kommt ihm beim Erzählen seiner Krankengeschichte ein Witz in den Kopf und der will raus. Und wenn der Witz dem Depressiven nicht hilft, dann hilft er vielleicht den anderen als Prophylaxe.

Thomas Holtbernd

Willibert Pauels. Wenn dir das Lachen vergeht. Wie ich meine Depression überwunden habe. Gütersloher Verlagshaus, 19,99 Euro

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