Ritterlichkeit

Irgendwie ist dieses Wort angestaubt, es klingt nach Mittelalter, altem Standesdünkel, Rüstung und Schwert, Kreuzzüge, also gar nicht zeitgemäß. Heutige Ritterorden erwecken den Eindruck, eher ein Geheimbund zu sein, wo die Mitglieder untereinander Geschäfte machen, Seilschaften aufbauen und unter sich bleiben wollen. Sieht man zufällig mal z. B. die Grabesritter bei einer Investitur im Kölner Dom, weiß man nicht, ob es vielleicht doch ein Karnevalsumzug ist, bei dem die ernste Miene zur Teilnahmevoraussetzung gemacht wurde.

Ritter

Foto: hinsehen

Ritterlichkeit gilt als Tugend jedoch auch bei den Pfadfindern. Sie sollen nach ihrem Gründer Robert Baden-Powell „Ritter der Neuzeit“ sein. Das Pfadfindergesetz der Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg, das bis 1971 gültig war, kannte sogar noch die Formulierung „höflich und ritterlich“. In der Fassung von 2005 ist das Wort „ritterlich“ gestrichen worden. Die aufgeführten Beschreibungen eines tugendhaften Pfadfinders dürften jedoch das Herz eines jeden Ritters höher schlagen lassen.

Vom Umgang unter den Menschen

Im Mittelalter galt „Ritterlichkeit“ als eine ständische Tugend. Diese Aufforderung war weniger so etwas wie ein Dresscode, sondern mehr die Ermahnung zu einer inneren Haltung, die von Respekt und Höflichkeit getragen ist. Es war das Ethos eines anständigen Mannes. Die moderne Gesellschaft mit ihrem leistungsorientierten Denken und wirtschaftlichen Bestreben scheint diese Haltung eher als störend zu empfinden. Andere Tugenden haben sich in den Vordergrund geschoben, die den ökonomischen Erfolg sichern. Benimmschulen sprießen aus dem Boden, die den aufstrebenden Managern beibringen, mit Messer und Gabel zu essen. Dort geht es um Etikette und „richtiges“ Verhalten im gesellschaftlichen Umgang. Das, was Freiherr von Knigge, ein Bürgerlicher, mit seinen Umgangsformen im Sinne hatte, orientierte sich kaum an solchen Äußerlichkeiten. Auch der Vater aller Umgangsformen beabsichtigte, den Menschen eine Anleitung an die Hand zu geben, damit sie von ihrer Haltung her nett zueinander sind.

Haltung bewahren

Auch wenn das Wort „Ritterlichkeit“ ein wenig Rost angesetzt hat und sich auf das Verhalten von Männern bezieht, schwingt in diesem Ausdruck etwas mit, was menschenfreundlich klingt. Es ist das Verhalten, das einen anderen Menschen Respekt vor ihm spüren lässt. Dies geschieht nicht aus Berechnung, sondern aus dem Geist eines ehrenwerten ‚Kämpfers‘. Ritterlichkeit verbindet diese Haltung mit Geradlinigkeit und Rückgrat. Wer nur anständig ist und dafür keinen Einsatz erbringt, ist nicht glaubwürdig. Worten folgen auch Taten. Menschen, die sich so sehen wollen und auch so handeln, heben sich in gewisser Weise auch von der Masse ab. Heutzutage gehören sie nicht mehr zu einem besonderen gesellschaftlichen Stand, doch haben sie bessere Voraussetzungen als andere. Sie konnten in einem Umfeld aufwachsen oder ein solches erfahren, wo materielle Absicherung und gesellschaftliche Anerkennung gegeben waren. Dieser sichere Raum gab ihnen die Möglichkeit, ein Ethos zu entwickeln, das nicht am Überlebenskampf orientiert ist, sondern an einem guten Leben unter den Menschen,

Ritterlichkeit statt Konkurrenz

Die edle Haltung eines Ritters verwehrt es ihm, in Konkurrenz zu anderen zu gehen. Er kann sich auf geordnete Wettbewerbe einlassen, die der körperlichen Ertüchtigung oder dem natürlichen Drang dienen, sich mit anderen zu vergleichen. Sieg und Niederlage sind dabei nicht das Ziel. Der moderne Kampf um Ansehen oder Erfolg dürfte einen Ritter eher abschrecken. Für ihn ist nicht die Trophäe von Wert, sondern die ritterliche Korrektheit im Kampf.

Der Mut, ein wenig antiquiert zu sein

Früher war nicht alles besser, und ob es wirklich so war, wie die nachfolgenden Generationen meinen, dass es war, ist auch nicht sicher. Es kann dennoch sein, dass bestimmte Begriffe oder Vorstellungen davon, wie früher etwas war, gut und für den modernen Menschen hilfreich sind. Die Rückbesinnung auf das, was Ritterlichkeit bedeutet hat oder für uns heute bedeuten könnte, setzt Gedanken sowie Dynamiken darüber frei, welches Ethos man in dieser Gesellschaft nicht nur leben, sondern auch vertreten will. Und auch wenn das Wort Ritterlichkeit in heutigen Ohren etwas komisch klingt, ist der Mut, sich genau mit diesem Begriff zu der damit gemeinten Haltung zu bekennen, schon der erste Schritt zu einer menschlicheren Welt.

Thomas Holtbernd

2 Gedanken zu “Ritterlichkeit

  1. Ritterlichkeit als Fundament des Treue-/ Gehorsamsprinzips,ob im Kloster oder im KZ, wurde zu allen Zeiten unterlaufen vom archaischen Futterneid, der jedes (Berufs-) Ethos entlarvt und der Lächerlichkeit preisgibt.
    „Pax et iustitia…!“

  2. Ich denke,dass dieses Wort nicht mehr richtig interpretiert werden kann,es fehlt der backround!
    Fuer unsere Zeit ist das Wort fairness ein dementsprechender Begriff,den auch die Jugend voll
    akzeptiert und darauf kommt es an.Wir aelteren Maenner wissen ohnehin,was mit beiden Be-
    griffen gemeint ist.

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