Der „Homie“-Student

Die Studenten sind schon wieder anders geworden. Sie sind lieber zu Hause, im gewohnten Block und häuslichen Freundeskreis, bleiben lieber dort, wo sie „Homies“ sind,  als in die Universitätsstadt zu ziehen. Der Impuls, von zu Hause wegzukommen und in eine neue Welt einzutauchen, ist nur bei wenigen ausgeprägt. Neuseeland und Australien scheinen attraktiver als das Wohnen in der Universitätsstadt, wo Ideen geboren, der Natur und dem Menschen mit Experimenten ihre Geheimnisse entrissen werden. Was ist mit der heutigen Studierendengeneration los?

smiling young man sitting on the floor with crossed legs in the library, holding an open book and looking aside touching his chin, book shelves at the background, a concept of thinking.

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Keine Motivation wegzuziehen

Viel mehr junge Menschen machen Abitur. Da liegt ein Studium als Anschluss auf der Hand. Es geht um bessere Startchancen ins Berufsleben. Wenn das Studieren nicht vom Interesse am Inhalt getrieben wird,  studiert man um beruflich mehr zu erreichen, dann handelt man sich leicht Langweile ein. Das Lernpensum muss ertragen werden, weil die Inhalte kaum Reiz ausstrahlen. Wichtig zum Weitergekommen ist die makellose Formalität. Ziel ist ein besseres Leben, den Weg dahin soll das Studium ebnen. Beobachtungen und Gespräche mit Studierenden sind im Folgenden in eine kleine Typologie verdichtet worden.

Katrin wohnt südlich von Frankfurt. Nach dem Abitur hat sie einen Studienplatz in der Nähe gesucht. Sie hatte von den hohen Mieten in der Mainmetropole gehört. Zudem wohnt auch der größte Teil ihrer Clique noch bei den Eltern. Nach den ersten Semestern ist sie jetzt mehr zu Hause. Sie hat dort eigentlich alles, was sie zum Studieren braucht, entweder auf der Festplatte oder kopiert. Mit dem Notebook kann sie schnell etwas im Internet nachschlagen. Zu Hause ist es überhaupt angenehmer. Deshalb nutzt sie nur dann die Bibliothek, wenn sie an einer Hausarbeit sitzt. Neue Kontakte hat sie kaum geknüpft. Dafür fehlt einfach die Zeit. Denn sie muss ja noch insgesamt 1 Stunde rechnen, bis sie zu Hause ist. Wenn noch die Clique treffen will, kann sie an der Uni keine Zeit verlieren.

Wolfgang ist auch „Fahrstudent“. Er hat schon eine kaufmännische Lehre hinter sich. Dann entschloss er sich doch noch für ein Studium. Es sind zwar über 80 km bis zur Universitätsstadt, aber dort hält ein Regionalexpress. Zum Bahnhof fährt er mit dem Fahrrad, in Frankfurt muss er mehr Zeit vom Bahnhof bis in die Vorlesung einplanen. Im Ort ist er verwurzelt, er leitet die Junge Feuerwehr und hat bereits einige syrische Jugendliche aufgenommen. Da er eine Lehre bereits hinter sich hat, will er nicht mehr in das Studentenleben eintauchen. Möglichst rationell den Abschluss schaffen. Ein Unternehmer, auch in der Feuerwehr aktiv, hat ihm bereits eine Stelle in Aussicht gestellt. Was er unterschätzt hat, ist die Unsicherheit der Bahnverbindung. Der Zug fährt nur jede Stunde und hat oft Verspätung. Bei wichtigen Veranstaltungen oder Prüfungen nimmt er oft den Zug eine Stunde früher und fühlt dann die Zeit auf dem Campus als ein wenig nutzlos und weiß nichts mit sich anzufangen.

Lena hatte schon als Schülerin am Wochenende in einem Supermarkt ausgeholfen und gehört jetzt einfach zum Personal. Der Leiter des Marktes rechnet wie selbstverständlich mit ihr. Eigentlich könnte sie sich ein Zimmer in der Universitätsstadt leisten. Wenn sie aber bei den Eltern wohnen bleibt, dann kommt sie mit dem Job ganz gut hin. Zudem ist das Studententicket für die S-Bahn günstig. Unter den Kommilitonen hat sie niemanden als Freundin gefunden. Einmal hat sie in einem Seminar mit einer anderen Studentin gut zusammen gearbeitet. Das hat sich dann auch an der sehr viel besseren Note gezeigt. Auch wurde über Privates gesprochen. Aber diese Studentin hat jetzt einen anderen Stundenplan, so dass sie sich nur sporadisch sehen. Da sie an ihrem Wohnort ihre Schulkameradinnen noch leicht treffen kann, pflegt sie diese Kontakte weiter. Aber es ist nicht mehr so wie früher. Mit der Studentin aus dem Seminar waren die Gespräche sehr viel anregender. Sie überlegt, für den Master ins Ausland zu gehen. Also legt sie möglichst viel von dem verdienten Geld zurück.

Michael wollte nach dem Abitur von zu Hause weg. Er kommt aus Norddeutschland und hat sich in einer kleinen Hochschule eingeschrieben. Er musste sich einen neuen Freundeskreis aufbauen. Das hat auch geklappt. Sie treffen sich an einem festen Tisch in der Mensa, erfahren, wie die einzelnen Professoren prüfen, wo es Manuskripte gibt und helfen sich bei den schriftlichen Arbeiten. Wenn Michael nachmittags aus einem Seminar kommt, schaut er nochmal in der Cafeteria vorbei, ob noch jemand da ist. Da kann er noch ein paar Sachen durchsprechen und, wenn er will, sich direkt für den Abend verabreden.

Vom intellektuellen Erfahrungsraum zum Geschäft mit Creditpoints

Diese kleine Typologie zeigt, dass die Idee der Universität eigentlich zerbrochen ist, nämlich eine lokale intellektuelle Gemeinschaft zu bilden, die in ständigem Gespräch gerade den Jüngeren neue Sichtweisen eröffnet. Auch die Professoren bekommen vom Leben der Studierenden viel weniger mit, wenn diese möglichst schnell das Gelände verlassen. Die Studienmöglichkeiten mit nur sporadischen Besuchen von Lehrveranstaltungen werden durch zwei Faktoren ermöglicht:

  • die sehr verbesserten Verbindungen im Nahverkehr, verbunden mit einem günstigen Studententicket.
  • Die Verfügbarkeit schriftlicher Unterlagen ohne Bibliotheksnutzung durch das Internet

Aber das erklärt nicht, warum die Universitäten und Hochschulen so wenig Anziehungskraft auf die heutige Studentengeneration ausüben. Es muss an den Fakultäten und Hochschulen selbst liegen, nämlich dass die Inhalte hinter dem Formalen zurückgetreten sind. (siehe dazu den Artikel: Generation Y). Man erwirbt nicht einen weiteren Blick, will kaum an die wichtigen Fragen herangeführt werden, und es geht auch nicht vorrangig um die Fähigkeit, sich auch schwierige Inhalte anzueignen, sondern man sammelt Creditpoints ein. Diese Creditpoints erhält man gegen bestimmte Leistungen. Hat man die genügende Zahl erreicht, hat man erst einmal den Bachelor in der Tasche. Man kann damit beruflich etwas anfangen. Die Studierenden verhalten sich dem Studienangebot wie gegenüber Mediamarkt oder einer Einkaufsplattform. Der Preis, hier der Leistungsaufwand, wird gegenüber dem Ergebnis abgewogen. Je preiswerter die Credits, desto günstiger für die Studierenden. Diese Berechenbarkeit des Studienerfolgs rückt die Inhalte in den Hintergrund. Es kommt somit zu einer „BWL-isierung“ des Studiums. Der pragmatische Utilitarismus scheint der Sieger über alle ehemaligen Idealismuskämpfe zu sein?

Auf die Anziehungskraft des Studienangebots setzen

Die Fakultäten und Hochschulen müssen ihre intellektuelle Ausstrahlung zurückgewinnen. Das können die Lehrenden nicht an PR-Beauftragte delegieren. Neben dem intellektuellen Angebot sollten sie der jungen Studentengeneration Ankommen, Beheimatung, ein neues Lebensgefühl vermitteln. Das gelingt nicht allein schon dadurch, dass überall WLAN eingerichtet wird. Der Internetanschluss steht auch zu Hause zur Verfügung. Hier könnte man vom Online Campus der Facebook-Community Anregungen übernehmen. Am Sinnvollsten und am erfolgreichsten wäre es, die Lernmethoden zu dynamisieren, so dass die Vortragskultur in eine Gesprächskultur umgewandelt wird. Die gegenwärtige Hochschuldidaktik zielt einseitig auf den Kopf. Ganzheitlicheres Lernen würde die Studierende überzeugen, dass sich mit dem Studium auch ihre Person entwickelt.

Eckhard Bieger S.J.

Medienprogramm der Phil.-theol. Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt a.M.

2 Gedanken zu “Der „Homie“-Student

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