Ist Gebet Gewalt?

martinfredy - Fotolia.com

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Wer anderen das Gebet verbieten will, leistet einer radikal-atheistischen Agenda gegen Religion als vorgebliche Gewaltquelle Vorschub. Der Aufruf zu einem radikal gebetsbefreiten Kampf gegen Ideologien angesichts der Gewalt, der Sinnlosigkeit und Bosheit, ist seinerseits ideologisch. Er beansprucht die Machtlosigkeit angesichts von Gewalt aus eigener Kraft überwinden zu können und verweigert anderen Versuchen, wie dem Gebet, ihre Berechtigung.

In der Nacht des 13. November, nach den Terroranschlägen in Paris, posteten viele Leute auf Twitter und Facebook den Aufruf „#PrayForParis“ – betet für Paris. Angesichts sinnloser Gewalt, Tod, Angst und Trauer vereinen sich Menschen in den sozialen Netzwerken, bitten um das Gebet für Angehörige, für Mit-Menschen, für Frieden in der Welt. Eine gegenteilige Reaktion ließ indes nicht lange auf sich warten: „Don’t pray for Paris – fight against hateful religious ideology“.

Gewalt macht hilflos

Der Aufruf, nicht zu beten, sondern gegen hasserfüllte religiöse Ideologien zu kämpfen, suggeriert jedoch, dass die Betenden durch ihr Gebet Öl ins Feuer der Gewalt gießen, denn ihr Beten ist ja ein religiöses Tun. Das ist jedoch ein Missverständnis. Beten richtet sich nicht gegen jemanden oder etwas. Wer betet, ist nicht gewalttätig. Gebet ist unideologisch. Wer betet, anerkennt, dass er selbst eben nicht alles bekämpfen und gewalttätig besiegen kann oder will. Der Betende gibt zu, dass er erst einmal machtlos und hilflos ist gegenüber der Gewalt, der Sinnlosigkeit und der Bosheit, die da passiert. Der Aufruf zum Gebet ist unpolitisch und wertfrei.

Gewalt macht verständnislos und hilflos. Wer Gewalt ausübt, will, dass derjenige, dem er Gewalt zufügt, sich machtlos und klein fühlt. Opfer von Gewalt sind daher versucht, in ihrer Machtlosigkeit wiederum mit Gewalt zu reagieren, um ihre eigene Machtlosigkeit zu überwinden. Das ist typisch für Gewalt. Gewalt kann diese Gegengewalt erzeugen. Sie muss es aber nicht. Es gibt die Versuchung, meinem Peiniger oder Angreifer meinerseits wiederum Schmerzen zuzufügen.

Ambiguitätstoleranz

Gebet ist der Versuch, dieser Versuchung nicht nachzugeben. Gebet ist gewaltfrei. Wer betet, entwickelt eine erhöhte Ambiguitätstoleranz. Er bemüht sich, der Versuchung zu widerstehen, komplexe Phänomene mit einfachen, aber unzureichenden Antworten zu erklären. Als Beter hält man Spannungen besser aus und anerkennt, dass man nicht alles sofort verstehen muss und kann. Es ist moralisch in Ordnung, nicht für alles eine abschließende Meinung oder Erklärung zu haben.

Gebet hält Machtlosigkeit aus

Im Gebet hält der Betende die ihm durch die Gewalt zugefügte Machtlosigkeit aus, versucht, ihr nicht nachzugeben. Das ist nicht unbedingt einfach. Wer betet, anerkennt aber auch, dass er selbst nicht alleine die Machtlosigkeit aushalten muss. Die Bitte, dass andere auch beten mögen, drückt daher auch die Selbstversicherung aus, dass auch andere ihre Machtlosigkeit auszuhalten versuchen. Es ist die Hoffnung, dass es eine höhere Instanz gibt, die den Machtlosen wieder Kraft gibt und die Gewalt gewaltlos beenden kann.

Wider den Bullshit

Es ist typisch für die sozialen Netzwerke, dass Aufrufe, Beiträge oder Ereignisse dort nie unkontrovers behandelt werden können. Unabhängig davon, um welches Thema es geht – irgendjemand steuert immer seine Meinung bei. Das führt zwangsläufig dazu, dass jede Entwicklung immer auch einen gegenläufigen Trend produziert. Dabei ist es nicht wichtig, ob die Meinungen gut begründet oder fundiert sind, Hauptsache man widerspricht erstmal. Der amerikanische Philosoph Harry Frankfurt nennt dieses Phänomen „Bullshit“. Anscheinend muss fast jeder zu jedem Thema immer irgendeine Meinung haben, auch wenn er gar keine Ahnung davon hat. Der Aufruf gegen Gebete ist ein solcher Bullshit-Schnellschuss.

Wer solche Aufrufe verbreitet, behauptet, bereits vollständig verstanden zu haben, woher die Gewalt kommt, schon immer gewusst zu haben, dass Religion der Auslöser alles Bösen ist. Außerdem unterstellt er den Betenden, sie seien ihrerseits gewalttätig.

© Matthias Alexander Schmidt

Ein Gedanke zu “Ist Gebet Gewalt?

  1. Nein, Gebet ist nicht gleich Gebet. Ich für meinen Fall kann die kritischen Anfragen an einen allgemeinen Aufruf zum Gebet zumindest nachvollziehen. Eine Frage wird Religion jedenfalls beantworten müssen: Warum lässt sie sich so leicht instrumentalisieren? Das gilt nicht nur für den Islam – auch im Namen des Christentums wurden und werden Verbrechen begangen.
    Eine Grundfrage scheint mir die Frage nach der Wahrheit zu sein. Welchen Wahrheitsanspruch erheben religiöse Menschen? Wirklich sicheres Wissen gibt es nicht, alles Wissen ist fehlbar. Wir Menschen sind zwar vielleicht wahrheitsfähig – aber wenn wir die Wahrheit hätten: wir wüssten es nicht (Popper). Die Einsicht in meine eigene Fehlbarkeit ist eine der stärksten Argumente für Toleranz. Selbst für die Römische Kirche gilt: Nostra Aetate hat sich noch immer nicht überall durchgesetzt.
    Wer Unterdrückung im Namen von Religion erlebt hat oder immer noch erlebt, reagiert auf Aufrufe zum Gebet empfindlich. Du trägst eine bestimmte Auffassung von Gebet vor, eine Auffassung, die sicher viele Menschen zumindest tolerieren können. Das ist aber eine Auffassung, die nicht alle Betende teilen. In der Auseinandersetzung gehen die Argumente mitunter etwas durcheinander: Die einen argumentieren gegen Positionen, die ich selbst gar nicht vertrete. Dann wäre es hilfreich, dass ich diesen Fehler meinerseits nicht wiederhole.
    Also: Kritik an einem Aufruf zum Gebet ernst nehmen, die Argumente zur Kenntnis nehmen und dann entsprechend argumentieren. Sonst wäre das ein Paradebeispiel für non-Kommunikation.

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