Kommen die Attentatsopfer in die Hölle?

Was passiert mit den Opfern der Attentate und Selbstmordanschläge? Es muss doch für die Attentäter einen Sinn machen, Menschen umzubringen. Sie setzen auch ihr eigenes Leben aufs Spiel. Da sie immer wieder erklären, im Auftrag Allahs zu handeln, müsste Gott doch etwas mit diesen Menschen vorhaben. Und warum wird wahllos auf Menschen geschossen?

Fire flames on black background

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Töten, um zu destabilisieren

Erstes Motiv der Auftraggeber ist es, Verwirrung zu stiften, Angst zu verbreiten und das Land zu destabilisieren. Das haben Revolutionäre immer gemacht. Da sie selbst ihr Leben aufs Spiel setzen, zählt das der anderen auch nicht. Aber Revolutionäre wählen auch meist markante Persönlichkeiten aus, so wie die Baader Meinhoff-Gruppe den Chef des Arbeitgeberverbandes, Hanns Martin Schleyer, als Personifizierung des Kapitalismus gefangen nahm und tötete. Bei den Attentätern des Jihad kommt noch hinzu, dass die Menschen, die sich nicht zu Allah bekennen, damit schon als Feinde des Islam gelten. Aber:

Töten ist nicht missionarisch

Aus christlicher Sicht würde man sagen, dass die Nichtgläubigen Objekt der Mission und dann erst der Bestrafung sind. Erst wenn sie sich nach langen Missionsanstrengungen nicht bekehren, schlägt Missionseifer in Hass um. Luther in seinen späten Jahren wurde wohl deshalb zum Ankläger der Juden, weil diese sich auch durch die Reformatoren nicht zum Christentum bekehren wollten. Es sind jedoch nur geringe Missionsanstrengungen des Islam zu beobachten. Die 200 Moscheen, die Saudi Arabien für die nach Europa Geflüchteten finanzieren will, sollen zuerst einmal die geflüchteten Muslime bei der Religion halten. Der IS warnt die vor ihm Flüchtenden vor Glaubensabfall. Die radikalen Prediger in Moscheen in Belgien, Frankreich, Deutschland und anderen westlichen Ländern dürften wohl nicht aus missionarischem Geist handeln, sondern wollen diese Länder destabilisieren.

Bedrohung auch für das Leben nach dem Tod

Wenn jemand wegen Unglaubens den Tod verdient hat, dann will der, der ihn umbringt, ob Richter oder Attentäter, diesen in die Hölle schicken. Der westliche Mensch in seiner Unkenntnis religiöser Dynamiken fühlt sich nur körperlich bedroht. Er muss aber eigentlich wegen seines Unglaubens sterben, so sagen es zumindest die Attentäter. Nicht nur der Körper wird getötet, sondern auch die Seele. Selbst Christen realisieren nicht, um was es eigentlich geht. Sie sind einfach überzeugt, dass Gott die Getöteten in seine Arme nimmt und das Handeln der Attentäter verurteilt. Diese Sicht verkennt aber die eigentliche Dimension des Attentates. Denn die Kalaschnikows der Attentäter richten sich auf die Seele der Opfer. Dies realisieren die meisten Christen oft ebenso wenig wie ihre säkularisierten Zeitgenossen. Auf die Seele deshalb, weil in ihr der „Unglaube“ sitzt, für den die Attentäter die Todesstrafe verhängt haben.

Die Christen stellen nicht die zentralen Fragen

Es gibt auf verschiedenen Ebenen Gespräche mit dem Islam. Wenig davon dringt nach außen. Die Kirchgänger erfahren fast nichts, obwohl sie in den Augen der Islamisten der Vielgötterei anhängen und durch ihren Glauben an den Gottessohn bereits Allah beleidigen.

Es gilt als politisch und kirchlich nicht korrekt, über die religiösen Begründungen für die Gewalt zu reden und die Versprechen des Islam in Bezug auf das Leben nach dem Tod mit den christlichen Vorstellungen zu vergleichen. Schon gar nicht korrekt ist darüber zu predigen. Die Kirchgänger sind erleichtert, wenn die religiösen Zusammenhänge erklärt werden. Deshalb steht in dieser Überschrift das Wort „Hölle“. Das hätte wahrscheinlich vor dem 13.11 einen Shitstorm ausgelöst.

Denkt man den religiösen Aspekt weiter durch, dann ist die fehlende theologische Auseinandersetzung ein schwerwiegendes Versäumnis. Erst jetzt sind Theologen des Islam bereit, sich offensiv mit dem religiös motivierten Terrorismus auseinanderzusetzen. Das hätte schon nach dem 11. September geschehen müssen. Der liegt bereits 11. Jahre zurück. Warum hat man nicht entschiedener das Gespräch über diese Themen gesucht?

Die ganzen Jahre könnte man als Antwort der Islamgelehrten hören, dass das Attentate  nichts mit dem Islam zu tun hätten. Christen reagieren darauf in Diskussionen meist zu zaghaft. Aber Zaghaftigkeit ist keine Tugend. Wären die Christen weniger zaghaft auf der Gesprächsebene, würden ihre Staaten nicht hilflos auf Bomben zurückgreifen. Bomben sind auch ein Zeichen dafür, dass dem Westen offensichtlich die intellektuellen Fähigkeiten verloren gegangen sind, sich mit dem Islam als Religion wie auch als politischer Doktrin auseinanderzusetzen. „Dialog statt Waffen“ funktioniert erst dann, wenn die zentralen Fragen geklärt sind. Das hat auch für die konfessionellen Gegensätze zwischen Christen gegolten. Hätte man sich gründlich mit der Frage der Rechtfertigung beschäftigt, dann hätte man die Gegensätze schon vor dem 17. Jahrhundert überwinden können. Das wäre möglich gewesen. Doch Gespräch wurden erst im 20. Jahrhundert aufgenommen, die erst 1999 zu einer Verständigung geführt haben. Darüber hinaus brauche es  400 verlorene Jahre, bis der junge Hans Küng gezeigt hat, dass die Confessio Augustana und das Konzil von Trient zum gleichen Ergebnis kommen, nur in einer sehr verschiedenen Sprache.

Hätten die Theologen damals gründlicher gearbeitet, hätten sie Konfessionskriegen die religiöse Legitimation genommen. Das wäre heute auch möglich, auch wenn die politischen Gegensätze im Nahen Osten weiter kriegstreibend bleiben. Es hängt also sehr wohl vom Interreligiösen Dialog ab, ob Kriege verkürzt werden können. Die Frage, wie Islamgelehrte das Schicksal der Attentatsopfer sehen, wäre ein Thema, über das man Einigkeit erzielen könnte.

Eckhard Bieger SJ.

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