Die Einsamkeit des Autors

Sich hinsetzen, nachdenken, Ideen aufschreiben und verwerfen, an Formulierungen feilen, die besseren Begriffe suchen, alles wieder löschen und deprimiert daran denken, dass man es mal wieder nicht hinkriegt. Neu anfangen, es läuft, es fließt, dann stockt es wieder. Den letzten Absatz noch einmal lesen, hier und da korrigieren und doch wieder löschen. Mal ist es ein Kampf und mal geht es ganz locker von der Hand. Das Schreiben ist ein einsames Ringen.

Paper balls during bearded man writing

Foto: Ivan Kruk / Fotolia.com

Dagegen ist es einfach, eine Offenbarung zu empfangen, man muss nur seine Ohren aufmachen und aufschreiben, was so eine Taube auf der Schulter oder ein Engel flüstert. Ganz allein ist derjenige auch nicht, denn da ist ja der Flüsterer. Über das Ergebnis sagt es nichts aus, wie ein Text zustande gekommen ist. Und auch nach so einer Offenbarung kann der Schreibende erschöpft sein. Das Werk kann ebenso als großartig empfunden werden. Doch es dürfte wohl eher so sein, dass bei einer Offenbarung, der Aufschreibende aufgewühlt ist, während derjenige, der einen Text aus sich heraus produziert, in seine Tiefen vorgedrungen und seinen Abgründen begegnet ist, dort aber kann es sehr einsam sein.

Wie im Rausch

Nicht jeder Text entsteht unter großen Geburtswehen, viele Zeitungsartikel wie auch Bücher werden einfach hingeschrieben. Manche Texte schreiben sich mit oder ohne Drogen wie in einem Rausch. Als man noch mit einem Stift schrieb, kam die Hand nicht mit, die Buchstaben der Schreibmaschine verhakten sich. Heute lässt sich auf dem PC meist so schnell schreiben, dass man nur wenig seinen fliegenden Gedanken hinterher hängt. Manchmal führen Rauschmittel dazu, dass man seine Enge verlässt und sich befreit fühlt. Die synästhetische Wirkung, die Drogen haben können, lassen die Worte schmecken. Ein Gedanke wird nicht nur gefühlt, sondern auch gehört, gesehen, man kann ihn fühlen. Eine intensive Versenkung kann die gleiche Wirkung wie eine Droge haben. Ob mit Droge oder in Versenkung ist dieser Rausch etwas, was der Schreibende allein erfährt.

Die bitteren Auswirkungen

Mag das Schreiben wie die Süße des Lebens oder le sucre du printemps sein, die Bitterness dieses Tuns wird fühlbar, wenn man sich in Gesellschaft begibt und den Gesprächen lauscht. Wie wird da erbarmungslos und ohne jeden Respekt mit dem Wort umgegangen? Wie werden Gedankengänge zu kryptischen Ansätzen von Überlegungen? Wie werden Bilder und Geschichten herausgeworfen, die nur eine Selbstbespiegelung sind? Einem Wortkünstler oder Gedankenakrobat bricht es das Herz, wenn ohne jede Anstrengung irgendetwas behauptet wird. Ein Schweigen ist darauf oft die Antwort, die dem Schreibenden noch möglich ist. Dafür wird er dann abgestraft mit dem Kainszeichen Eigensinn, wobei gar nicht geklärt ist, wer Abel und wer Kain ist.

Rückzug als Selbstschutz

Weil der Schreibende empfindlich ist, weil es ihn schmerzt, wenn gedankenlos dahergeredet wird, zieht er sich zurück. Und weil seine Ausführungen oft als brutale Provokationen verstanden werden, wird er ins Abseits gestellt. Und der Schreibende begreift es als sein Los, dass er abseits steht. Das stimmt ihn traurig, doch es macht ihn nicht depressiv. Seine Aggressionen richtet er nicht gegen sich selbst, seine Aggressionen wandeln sich in Zorn und der dient ihm als Selbstschutz. Je größer der Zorn, desto beschützter fühlt sich der Schreibende. Und auch da spürt er sein Anderssein, denn sein Zorn ist keine Wut. Zorn ist Erregung, Wut will zerstören. Und deshalb lässt der wahrhaft Schreibende nicht ab. Er nimmt die Einsamkeit in Kauf, um seinen Zorn zu hüten und eine Zerstörungswut im Wort zu ersticken.

Thomas Holtbernd

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