Gewalt als religiöse Erfahrung – oder was ist ein Märtyrer

Was bringt die jungen Männer dazu, nicht nur andere umzubringen, sondern auch sich selbst zu opfern? Wir sprechen von Selbstmordattentätern. Trifft diese Deutung auch auf die Attentäter in Paris zu? Sind sie etwas anderes als der Pilot der German Wings Maschine, der seinem Leben ein Ende bereiten wollte und andere mit in den Tod nahm? Oder die Attentäter, die in ihrer Schule ein Blutbad anrichten, ob in Erfurt oder an mehreren Schulen in den USA?

hl. Quirinus

Foto hinsehen.net E.B.

Sterben, um Gott näher zu sein

Der Islamwissenschaftler Reinhard Schule beschreibt in einem Beitrag „Der IS wartet nur auf eine Kriegserklärung„, für die FAZ vom 16.11.15, dass die Wurzel in dem Gefühl liegt, unter Benachteiligung zu leiden. „In Gestalt dieser Theodizee der „negativ Privilegierten“ diene dann der Moralismus als Mittel der Legitimierung bewussten oder unbewussten Rachedurstes. Bestehe einmal eine solche „Vergeltungsreligiosität“, so könne gerade das „Leiden“ als solches, da es ja gewaltige Vergeltungshoffnungen mit sich führe, als etwas an sich Islamisches erscheinen.

Das mag skurril klingen, passt aber zu der seit den späten 80ern propagierten Aussage, ein Muslim lasse erst durch sein gottesdienstliches Tun den Islam in sich wahr werden. Dieses Tun könne sich allein im „Streiten auf dem Wege Gottes“ (Dschihâd) verwirklichen.“

Es geht also um eine Leidensmystik, die sich, anders als im Buddhismus oder Christentum nicht im Ertragen des Leidens verwirklicht, sondern im Kampf. Der Autor beschreibt die Erfahrung des Leids im Islam als Kampf. „Wer den Gottesstreit aufgibt, so die diabolische Logik, zerstört den Islam in sich selbst – wie ja auch der Islam im Einzelnen selbst nur durch den Gottesstreit herbeigeführt werden kann. Gewalthandeln wäre demnach nicht nur Kultpflicht, sondern bedeute zugleich Katharsis und Erlösung, weil sie im Falle des Selbstmords die höchste und letztmalige Form der Existenzerfahrung bewirke. Diese existentialistisch anmutende Setzung reduziert die Seinsaussage auf den Begriff Islam. Islam erscheint hier als das Dasein in Wahrheit; der Einzelne ist demnach nur dann in Wahrheit existent, wenn er in sich den Islam durch den Kampf verwirklicht.“

Weg der Selbstvervollkommnung

Diese Beschreibung erklärt ein wenig, warum es nicht bei einem Anschlag bleibt, sondern die Täter sich selbst mit in den Tod schicken. Es ist kein Selbstmord, sondern eine spirituelle Steigerung der Hingabe an Allah. Verbunden mit der mystifizierten Gewalt als „Handeln im Auftrag Gottes“ erhält das Sterben noch eine höhere Bedeutung. Es ist, was im Mönchtum das intensive Fasten und lange Gebetszeiten sind, ein Weg der Selbstvervollkommnung. Die Motivation mag einer technisierten Gesellschaft sehr abwegig vorkommen. Jedoch ist es gerade die modernste Technik, das Internet, über die dieses Versprechen einer intensiven religiösen Erfahrung verbreitet wird. Es ist auch nicht so lange her, dass Die deutsche Jugend mit ähnlichen Motiven in den Ersten Weltkrieg gezogen ist. Der Nationalsozialismus hat eine eigene Kultur des Todes entwickelt und die „Hingabe an den Führer“ zu einem Motiv inszeniert, dem nicht wenige gefolgt sind.

Sind die Attentäter Märtyrer?

Im nicht kleinen Kreis derjenigen, die sie unterstützen und bei  einigen Muslimen gelten sie als Märtyrer. Ihnen wird auch ein besonderer Lohn im Himmel versprochen. Andere Menschen töten und dabei selbst sein Leben lassen, gilt Ihnen als höchste Form der Gottesverehrung. Dahinter steht die Überzeugung, dass der Mensch keinen höheren Wert ins Spiel bringen kann als sein Leben. Wenn etwas über dem eigenen Leben steht, dann ist die Lebenshingabe der überzeugendste Ausdruck für den Glauben an das Höhere, für das der Täter sein Leben einsetzt.

Der christliche Märtyrer hat der Gewalt entsagt

Auch im Christentum ist der Tod durch Glaubensfeinde ein Weg zur Vollendung. Wer Christus nachfolgt, muss sogar bereit sein, als Märtyrer zu sterben. Jesus gerade in seinem Tod ähnlich zu werden, hat viele Menschen bewegt. Aber keiner kann Märtyrer werden, der gegen andere Gewalt angewendet hat. Dem steht das Gebot der Feindesliebe entgegen. Christliche Märtyrer werden verehrt, aber ihren Feinden wird nicht Rache geschworen. Schon die Jünger Jesu kamen nicht auf die Idee, sich als Terroristengruppe zu etablieren, um den Tod Jesu zu rächen. Es ist auch ausgeschlossen, dass jemand das Martyrium aktiv betreibt. Im Hagel von Polizeikugeln zu sterben, weil man selbst bewaffnet ist, passt nicht in das Bild eines christlichen Märtyrers.

Eckhard Bieger S.J.

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