Bücher, Bildung, Lebenskunst

Es gibt Wohnungen, da scheinen Möbel reines Zierwerk zu sein, die Wände sind vollgestellt mit Büchern und selbst der Boden ist mit Schriftwerken zugepackt. Die Bewohner solcher Orte wird man ohne große Fantasie für gebildet halten. Bildung und Bücher scheinen wie Synonyme zu sein. Es ist schwer, andere Bilder für einen gebildeten Menschen zu finden. Durch welches Accessoire ließe sich ad hoc erkennen, dass es sich um einen klugen Menschen handelt?

Vor dem digitalen Zeitalter war es völlig klar, dass Belesensein und Bildung eng zusammenhängen. Wissen bekam man aus Büchern und wer den gesamten Brockhaus zuhause hatte, der konnte sich zu den Hochgebildeten zählen. Ein Lexikon in Buchform zählt heute nicht mehr zu den üblichen Werkzeugen eines wissbegierigen Menschen. Es ließe sich daher fragen, ob es überhaupt noch gebildete Menschen gibt oder ob heute Bildung mit anderen Dingen verbunden wird? Sicher scheint zu sein, dass das alte humanistische Bildungsideal kaum noch eine Bedeutung hat. Nur wenige Menschen beherrschen noch Latein oder Griechisch und können die frühen Texte der abendländischen Kultur in ihrer Ursprünglichkeit lesen. Im modernen Bildungskanon hat sich die Bedeutung verschoben. Texte, die als grundlegend galten, sind heute nur noch etwas für Exoten. Und vielleicht hat sich damit auch die Bedeutung des Studiums als ein Aufsuchen der Quellen verschoben. Ein Buch kann so eine Quelle sein, das Downloaden eines Textes ist dagegen nur die digitale Kopie der Quelle.

Foto: hinsehen.et

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Bücher als Versenkung

Ein Buch als Quelle aufzusuchen, ist immer eine Versenkung, die sich in zweifacher Weise als ein Aufsuchen erweist. Ein Buch muss erworben werden, dazu geht man zu einem Buchhändler oder in eine Bibliothek. Und dieses Buch führt als solches an den Ursprung zurück, weil es selbst die Quelle ist, bzw. ein alter Nachdruck sein mag. Es ist ein Zeitsprung nötig, der Umgang mit dieser Quelle muss von Vorsicht geprägt sein, das Papier kann schon vom Zahn der Zeit angenagt sein. Das Lesen ist nicht nur die Aufnahme von Informationen, als Leser zumindest antiquarischer Bücher taucht man in eine andere Zeit ein. Der Gedanke, dass schon viele Hände dieses Buch berührt haben, kommt vergleichbar wohl kaum auf, wenn man via Internet in die bayrische Staatsbibliothek geht und dort in einem Werk liest, das vielleicht 100 Jahre oder mehr alt ist. Das Lesen verschränkt sich dagegen mit einem Gefühl von Respekt, wenn man ein solches Buch tatsächlich in den Händen hält. Es ist eine leibhaftige Versenkung mit dem konkreten Spüren. Die Verfügbarkeit bekommt eine andere Dimension. Der Text wird nicht gelesen, sondern mit Respekt aus der Vergangenheit entliehen. Und egal wie alt ein Buch ist, es kann nie aktuell sein, es ist nie unmittelbar. Eine zeitliche Verschiebung ist dem Buch mitgegeben. Wer sich auf ein Buch einlässt, verlässt die Gegenwart und tritt in eine Gleichzeitigkeit mit der Vergangenheit ein.

Das Buch als Buch

Im Gegensatz zur digitalen Möglichkeit des Lesens kann das Buch als Buch eine Bedeutung haben. Bücher können im Regal ein Eigenleben führen, wie es Elias Canetti in seiner Hommage an das Buch in „Die Blendung“ anschaulich vorgeführt hat. Ich muss ein Buch nicht lesen, es kann auch so seine Wirkung entfalten. Ich kann mich zumindest gebildet fühlen, weil ich die Goetheausgabe in mein Regal gestellt habe. Es gibt ein gutes Gefühl, auf die Titel zu schauen und z. B. Goethe sein Eigen zu nennen.

Die Tiefe zwischen den Buchdeckeln

Wenn Lebenskunst nicht nur etwas mit Erfolg und gesellschaftlichem Ansehen zu tun hat, sondern mit einer intellektuellen Befriedigung und einem geistigen Tiefgang, dann ist das Aufschlagen einer Buchseite ein solches Eindringen. Allein das Besitzen eines Buches zeugt von einer Lebenskunst, denn es ist zum Überleben nicht notwendig. Es deutet darauf hin, dass zwischen Buchdeckeln mehr sein kann als nur zusammengewürfelte Buchstaben, ebenso wie das eigene Leben mehr sein will als zufällige biografische Daten. Und darum ist ein Buch, sind Bücher Ausdruck einer Lebenskunst, die über das Materielle hinausgeht.

Thomas Holtbernd

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