Was will Gott mit den Flüchtlingen?

Gott spricht zu uns durch die Tatsachen. Was uns begegnet, was uns geschieht, enthält eine Botschaft. Das Urbild für die Christen ist der von Räubern Zusammengeschlagene, den der barmherzige Samariter aufliest, dessen Wunden er desinfiziert und verbindet. Gott stellt sich ganz auf die Seite der Armen, der Verfolgten. „Was ihr dem Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan.“ Aber was heißt es, wenn nicht nur einzelne unter die Räuber fallen?

Foto: hinsehennet, M.W

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Die Kosten für Frieden sind inflationär gestiegen

Es fallen ganze Völker dem Schwert zum Opfer. Offensichtlich haben wir dem zu lange tatenlos zugesehen. Jetzt wird deutlich: Entweder sorgen wir für dafür, dass die Menschen in Syrien, in Eritrea und auch im Kosovo eine Zukunft haben oder sie kommen zu uns. Das erfordert andere Mittel als die, die God’s own Country einsetzt, nämlich Waffen zu liefern oder eigene Soldaten zu schicken. Die Flüchtlingsströme aus Mittelost sind nicht zuletzt durch den Irakkrieg auf dem Weg zu uns getrieben worden. Der Beginn des Krieges liegt inzwischen 12 Jahre zurück. Aus schwelenden Konflikten sind wegen der Destabilisierung Bürger- und Konfessionskriege geworden. Als Erben zweier Weltkriege müssten wir wissen, wie leicht Völker in den Krieg ziehen und wie viele Tote notwendig sind, damit die Kämpfer kriegsmüde werden. Deshalb sollten wir froh über jeden jungen Syrer sein, der sich dem vom Militär oder einer Rebellengruppe geforderten Kriegsdienst entzieht. Jeder dieser Flüchtlinge verkürzt die Kampfhandlungen. Die Zusammenhänge sind längst bekannt, Friede, das sollten die Europäer lernen, „kostet“ sehr viel mehr. Solange wir nur Maschinen exportieren, wird der Flüchtlingsstrom nicht austrocknen. Schließlich braucht es ein anderes, als ein abwartendes Verhältnis zur größten Militärmacht.

Kampf um das Gottesbild

Religion steht mit Gewalt in Wechselwirkung. Das Opfer zeigt diesem Zusammenhang. René Girard hat gezeigt, dass in früheren Kulturen die Bändigung der Gewalt mit dem realen Tod eines Sündenbocks begann, der dann symbolisch-rituell wiederholt wurde. Das Judentum hat mit dem Verlust des Tempels den Opferkult aufgegeben, bei den Christen wurde der Tod des Sündenbocks von Anfang an nicht durch ein Tieropfer, sondern durch das gemeinsame Mahl symbolisch gegenwärtig gesetzt. Der Islam kennt nur einen Gebets- und Predigtgottesdienst. Aber die drei Religionen „opferten und opfern“ weiterhin ihre Söhne. Und offensichtlich meinen sie, damit den Willen Gottes zu vollstrecken. Der Führer des IS-Staates Abu Bakr al-Baghdadi räumt mit dem Bild eines friedenbringenden Islams mit der Aussage auf, Islam, also die rechte Verehrung Gottes, bedeute Kampf. Damit wird der Islam wieder einmal als Sache der Männer fixiert. Obwohl das Christentum in seinen Anfängen eher von Frauen verstanden wurde, ist es auch zu einer Männersache geworden. Wer aber sagt verbindlich, ob Gott tatsächlich den Konfessionskrieges zwischen Schiiten und Sunniten will. Denn dieser Krieg, ob im Irak, in Syrien oder Jemen treibt die Flüchtlinge aus den Herkunftsländern des Islam über das Mittelmeer oder die Balkanroute nach Westeuropa. Religion, die in Westeuropa ein Nischendasein führt, ist in Form hilfloser Opfer der Gewalt wieder auf die Tagesordnung des Westens gelangt. Es braucht nicht die Mission eines Propheten, um das zentrale Thema zu erkennen, das die Flüchtlinge uns stellen: Wer ist Gott und will er, dass seine Verehrung mit der Gewalt gegenüber „Ungläubigen“ verbunden wird. Dafür genügen nicht einige Religionsgespräche, sondern alle muslimischen Flüchtlinge müssen mit der Frage konfrontiert werden. Denn wenn sie zurückkehren, um ihr Land aufzubauen, sollten sie sich über diese Frage Klarheit verschafft haben.

Trauen wir Gott zu, die Gewalttäter zu bekehren

Wenn der Flüchtlingsstrom durch die Gewaltbereitschaft in Gang gesetzt wurde und weiter fließt, dann kann doch keine menschliche Autorität die saudischen Wahhabiten, die den Regenten des IS-Staates noch den iranischen Präsidenten, militärischen Oberbefehlshaber und obersten religiösen Führer Ajatollah Sejjed Ali Chāmeneʾi überzeugen, dass Häretiker nicht mit dem Schwert bekämpft, noch Christen oder Juden, so sie sich nicht unterwerfen, umgebracht werden sollen. Es geht um die Vorstellung, die Ehre und die Reinheit der Verehrung Gottes müssten so verteidigt werden. Und wer überzeugt die bibelgläubigen Amerikaner davon, dass ihre Waffen den gewaltbereiten Islamismus nicht nur von der Richtigkeit, sondern von der Notwendigkeit entschiedener Gegenwehr überzeugt haben. Die Gegenwehr nimmt wegen der Ungleichheit der militärischen Schlagkraft die Form von Anschlägen an.

Man kann nun in der Tradition des Westens folgend mit philosophischen Argumenten zeigen, dass Gott nicht Hass und die Bereitschaft, Andersgläubigen zu schaden, sie gar umzubringen befehlen kann. Im Christentum hat das übrigens in den ersten tausend Jahren funktioniert. Weil Paulus im Römerbrief mit der kurzen Bemerkung „ überlasst das Gericht Gott“ (12,19) erreicht hat, dass die Christen, ehe sie Politik eng mit der Religion verbanden, überzeugt waren, dass Gott die Menschen nicht brauche, um seine Ehre zu verteidigen, gab es keine Ketzerverbrennungen. Seitdem hat der Westen Gewalt eingesetzt, um Abweichler wieder auf Linie zu bringen, ob in den Konfessionskriegen oder durch den Einsatz der Guillotine gegen Gegner der von der Revolution, die doch kurz vorher die Menschenrechte formuliert hatte. Der Westen greift nicht zuletzt deshalb zu den Waffen, weil seine Argumentation wirkungslos bleibt. Sollten nicht wenigstens die Christen Gott bestürmen, dass er ein anderes Bild in den Köpfen und Herzen der Muslime hervorbringt, die sich der Gewalt verschrieben haben – und ebenso bei den bibelfesten US-Amerikanern?

Sollte nicht die Idee des Friedensgebetes in Assisi an vielen Orten aufgegriffen werden, nicht nur Religionsgespräche, sondern das Gebet für den Frieden?

Eckhard Bieger S.J.

Links:
Deutschland zerbricht – tatsächlich
Flüchtlinge nicht fürs Hierbleiben integrieren
Am Anfang der Religion steht Gewalt
Gewalt zerstört Religion:
Gewaltbereitschaft der Vernunft

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