Der heutige Intellektuelle lebt wie ein Mönch

Hinter den Mauern der Klöster waren nicht nur große Bibliotheken verborgen, viele Ordensleute waren wichtige Intellektuelle ihrer Zeit, berieten Könige und Politiker, schrieben Werke, die auch heute noch eine große Bedeutung haben. Menschen zogen und ziehen sich in Klöster zurück, um nachzudenken, an ihren Büchern zu schreiben, Projekte zu planen, ihre Gedanken zu ordnen oder einfach mit den Ordensmännern und Ordensfrauen Gespräche auf einem hohen geistigen Niveau zu führen. Die Ruhe und Abgeschiedenheit machen Konzentration sowie den Blick auf das Wesentliche besser möglich als die zahlreichen und lauten Ablenkungen im Alltag.

Foto: hinsehen.net, Th. Holtbernd

Eine Trendwende

Inzwischen scheinen viele Klöster ihre Rettung mehr im Sinne von Wellnessoasen zu sehen. Hinter den Mauern kann man die Seele baumeln lassen, der Geist weht dort nur noch als leichte Brise, was z. B. beim Blick in die Klosterbuchhandlungen auffällt. Anspruchsvolle theologische oder philosophische Titel sind den frommen Ratgeberbüchern gewichen. Auch wenn Klöster kaum noch maßgebliche Orte des Denkens sind und es sicherlich einige wenige dieser Art gibt, so bleibt die Vorstellung davon.

Einsamkeit

Der heutige Intellektuelle, derjenige, der sich ständig um seine geistige und menschliche Weiterentwicklung bemüht, erlebt sich in einem Zustand, der dem eines Klosterbewohners entspricht. Er fühlt sich von der Außenwelt abgeschlossen. Es sind nicht die Mauern oder Abgeschiedenheit des Ortes, die dieses Gefühl entstehen lassen, sondern die Erfahrung, von der Umwelt nicht verstanden zu werden. Dabei handelt es sich weniger um die geistigen Höhenflüge, bei denen ein aufrechter Intellektueller weiß, dass hier andere kaum folgen können. Wer sich ernsthaft mit geistigen Dingen auseinandersetzt, wächst nicht nur intellektuell daran, sondern auch menschlich. Das Nachdenken, z. B. über Fragen der Moral, verändert die Leichtfertigkeit des Urteilens. Der Wunsch, tiefer in die Materie einzusteigen, verbindet sich mit dem Aufsuchen von Quellen, sei es in Form eines Buches, sei es via Internet. Auf dieser Suche muss der ernsthafte Forscher sein Scheitern, seine Irrungen und Fixierungen erkennen. Daran wächst der Suchende und manchmal verzweifelt er daran. Diese Erfahrungen lassen ihn seine Einsamkeit deutlich dann spüren, wenn er die Oberflächlichkeit in der Begegnung mit anderen Menschen erlebt.

Regeln

Das Eintauchen in die geistigen Welten, die Erfahrung, dass bei diesen Expeditionen schon einmal der Boden unter den Füßen weggerissen wird, lässt Regeln als Überlebensstrategien notwendig erscheinen. Es wird zum Selbstverständnis, dass im menschlichen Miteinander Umgangsformen und Rücksicht auf Empfindlichkeiten Konfliktfreiheit fördern. Das Mühen um die eigene Reife wird als bester Garant für ein friedliches Miteinander gespürt. Intellektuelle sind deshalb keine besseren Menschen, sie haben einen größeren Abstand zur Oberflächlichkeit dieser Welt und können vielleicht aus diesem Grund deutlicher erkennen, dass Regeln eine Hilfe sind. Für sie ist selbstverständlicher, dass ein Kreisen um sich selbst keinen Fortschritt bringt, dass dagegen die Sorge um ein geregeltes Miteinander Freiheiten schafft. Sie haben schmerzlich erfahren, wie hilfreich die Veränderung der Perspektive sein kann. Sie kennen die Anstrengungen, die es macht, wenn man im eigenen Fachbereich nicht weiterkommt und ein unbekanntes Land betritt, das erst erschlossen werden muss. Aus diesem Wissen und diesen Erfahrungen heraus, die nicht das eigentliche Ergebnis intellektuellen Tuns sind, sondern Resultat des Mühens an sich, entwickelt der Intellektuelle eine große menschliche Reife.

Studiert ist nicht intellektuell

Ein heutiger Intellektueller erlebt wohl seinen größten Frust dann, wenn er mit vermeintlich anderen Gebildeten aufeinandertrifft. Seine Einsamkeit wird umso schmerzlicher, weil er erkennen muss, dass er nicht nur in seinem näheren Umfeld ein Einzelgänger ist, sondern auch in der Welt der Studierten und Akademiker. Sein Verständnis eines redlichen Bemühens um Erkenntnis wird konterkariert vom engstirnigen und auf reines Wissen beschränkten Informiertsein. Mit dem Wissen wuchs nicht die Reife, mit dem Studieren entwickelte der Akademiker nicht mehr Menschlichkeit. Selbstverständlich geglaubte Orte des intellektuellen Tuns erweisen sich als geistige Einöden. Und wahrscheinlich war dies schon immer so. Heute ist es vielleicht deutlicher, weil mehr Menschen glauben, gebildet zu sein und aus Angst davor, ihrer intellektuellen Unredlichkeit überführt zu werden, durch eine offensive Verachtung eines intellektuellen Anspruchs Erkenntnis mit Meinung gleichsetzen und sich damit unangreifbar machen. Auf diese Weise entwickeln sie sich weder intellektuell noch persönlich weiter. Um das geistige Überleben zu sichern, entwickelt der Intellektuelle in einem solchen Umfeld eine quasi monastische Lebensform.

Thomas Holtbernd

7 Gedanken zu “Der heutige Intellektuelle lebt wie ein Mönch

  1. ich kann nicht verstehen, dass die menschen einen unsichtbaren gott verehren und eine sichtbare natur töten, ohne zu wissen, dass diese natur, die sie vernichten, dieser unsichtbare gott ist, den sie verehren.

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  4. Werte Katholiken

    Wenn der Zölibat wieder abgeschafft wird und die Idee der Hölle noch dazu und die Erbsünde als vorchristliche Schuldidee fallen gelassen ist wenn das der „Fall“ sein wird dann werde Ich wieder Mönch.
    In meinem Vorleben der abgeschafften Weisheit der wiederholten Erdenleben war Ich Priester das haben mir widerholt Menschen ins Gesicht geoffenbart und ich glaube es Ihnen aufs Wort
    Jesus segnet Dich frei von Schuld
    Christus liebt Dich denn einen Ort der Hölle gibt es nicht in Seines Vaters Haus mit den vielen Wohnungen

    danke
    Dir Joachim von Herzen
    ehemaliger Katholik
    Christ

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