Scheidung wegen Glaubenszwist – das Privileg des Paulus

Wenn ein Partner sich taufen ließ und der andere das nicht mit tragen wollte, dann erlaubte Paulus die Scheidung. So steht es im 1. Brief an die Korinther. Die Glaubenstreue steht über der ehelichen Bindung. Dissens in Glaubensfragen gibt es heute wie damals in Ehen. Wenn einer der Partner zum Glaubensabfall gezwungen würde, müsste das ein legitimer Grund für eine Scheidung sein. Anders als in den Anfängen des Christentums wird dieses, „Privilegium Paulinum“ genannte Rechtsmittel, nicht praktiziert und wohl auch von Ehepartnern nicht in Anspruch genommen. Es sollte jedoch reaktiviert werden. Dabei sind die kulturellen Kontexte sehr verschieden. Wegen der religiösen Vielfalt und der verschiedenen Subkulturen können alle Konstellationen auch in unseren Breiten vorkommen.

katholisches Gebet- und Gesangbuch

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Scheidung bei Taufe eines Ehepartners nach Paulus

Um die Regelung, die Paulus getroffen hat, einordnen zu können, ist der Zusammenhang zu
berücksichtigen. Paulus antwortet im 7. Kapitel des 1. Korintherbriefes auf Fragen der korinthischen Gemeinde. Es heißt im 1. Vers: nun zu Euren Fragen….“ Da nur die Antworten überliefert sind, muss man die Fragen rekonstruieren. Norbert Baumert formuliert die Frage der Gemeinde so:
„Und bei einigen, die mit einem nichtchristlichen Partner verheiratet sind, kommt noch hinzu, daß sie uns darauf hinweisen, wie gefährlich doch eine solche Ehe werden könnte, weil der Partner „unrein“ sei. Was sollen wir diesen Leuten sagen?”

Baumert übersetzt die Antwort des Paulus so:
„Den übrigen jedoch sage ich, nicht der Herr: Wenn ein Bruder eine nichtchristliche Frau hat und sie auch ihrerseits es zusammen mit ihm für gut hält, mit ihm zusammenzuleben, soll er sie nicht fortschicken. Und wenn eine Frau einen nichtchristlichen Mann hat und dieser es mit ihr für gut hält, mit ihr zusammenzuleben, soll sie den Mann nicht fortschicken. Geheiligt nämlich ist der nichtchristliche Mann für die Frau (in den Augen der Frau), und geheiligt ist die nichtchristliche Frau für den Bruder, da ja bekanntlich eure neugeborenen Kinder (für den Heiden wie auch für euch früher) unrein, jetzt aber (für uns als Erlöste) heilig sind. Wenn allerdings der nichtchristliche Partner sich zu trennen sucht, soll er geschieden werden; der Bruder oder die Schwester ist in solcher Lage nicht etwa (durch meinen Rat) versklavt. Gott freilich hat uns in Frieden berufen (zu Gemeinsamkeit). Vielleicht, Frau, wirst du den Mann retten, oder vielleicht, Mann wirst du die Frau retten!“ 1 Kor 7,12-16:

s. Norbert Baumert, Sorgen des Seelsorgers. Übersetzung und Auslegung des 1. Korintherbriefes (Reihe: Paulus neu gelesen). Würzburg: Echter 2007. Zu Kap. 7 S. 88-113

Das Scheidungsverbot ist kein absoluter Wert, sondern steht in einem Wertgefüge. Wenn die Ausübung des Glaubens durch den nichtchristlicher Partner verhindert wird, dann tritt die Aufrechterhaltung der Ehe an die zweite Stelle. Die eheliche Bindung soll, so schreibt Paulus möglichst aufrechterhalten werden. Die Scheidung ist also nur der letzte Ausweg.

Religionsfreiheit macht das paulinische Privileg nicht überflüssig

Eigentlich verlangt religiöse Vielfalt Religionsfreiheit. Als sich die kirchliche Einheit im Abendland auflöste, hat die Reformation zuerst einmal dazu geführt, dass sich die Untertanen der Konfession des Landesherren anschließen mussten. Erst das Patt, in das der Dreißigjährige Krieg mündete, führte zu einer gewissen Religionsfreiheit. Jedoch waren die Leitungsposten in der preußischen Verwaltung wie auch im Ruhrgebiet Katholiken noch bis in die sechziger Jahre verschlossen. Vice versa galt das für katholisch dominierte Länder. Die Direktorenposten im ZDF werden immer noch zwischen den beiden großen Parteien aufgeteilt, bis in die achtziger Jahre wurden sie paritätisch von den Konfessionen besetzt. Bereits die Französische Revolution brach mit dem Recht auf Religionsfreiheit, die Diktaturen des 20. Jahrhunderts erhoben ihre Ideologie zur Staatsdoktrin und versuchten, auch physisch, das religiöse Leben auszulöschen. Der Unterschied zum Römischen Staat, der die Christen wegen Unbotmäßigkeit hinrichten ließ, ist gering. Wie damals stellt die Religion die unbeschränkte Geltung der Staatsdoktrin durch Bezugnahme auf eine absolute transzendente Macht infrage. Deshalb wird sie zum Feind erklärt. Nach diesen Erfahrungen ist es erstaunlich, dass unüberbrückbare religiöse Gegensätze als Scheidungsgrund kaum Gewicht hatten. Das Bild verschärft sich für die Situation vorne Ehepartnern in nicht wenigen
muslimischen Ländern.

Abfall vom Islam

Wie auch im Christentum ist der Übertritt zu einer anderen Religion im Islam nicht vorgesehen. Wenn eine Religion sich als die einzig wahre erklärt, gibt es keine logische Möglichkeit, sich einer anderen Religion anzuschließen. Die Ausgangsposition von Christentum und Islam war allerdings verschieden. Als Minderheit, die von Anfang an verfolgt wurde, waren die Christen mit Glaubensabfall konfrontiert. Bereits die neutestamentlichen Schriften reagieren darauf.
In nicht wenigen muslimischen Ländern wird der Abfall vom Islam mit dem Tod bedroht. In diesen Ländern dürfte die Erlaubnis, sich vom Ehepartner zu trennen, nicht ausreichen, um dem Tod zu entgehen. Neu Getaufte müssten eigentlich das Land verlassen.

Gläubige in der Minderheitenposition

Wie sind Ehen zwischen einem Gläubigen und einem dezidiert atheistischen Partner zu sehen. Paulus empfiehlt erst einmal, sich nicht zu trennen, schließt eine Trennung aber nicht aus. Die katholische Kirche hat ihre Position in dieser Frage erheblich geändert. Um die Identität und vor allem die katholisch geprägte Erziehung zu sichern, waren Ehen mit einem protestantischen Partner nur nach einer besonderen Dispens erlaubt. Diese Erlaubnis war nicht einfach ein Dokument, das die kirchliche Verwaltung ausgestellt hat, sondern beinhaltete die Zulassung zu einer kirchlichen Heirat. Um das Prinzip nicht nur bei der Heirat zu belassen, hat die Kirche große Anstrengungen unternommen, um durch Kindergärten und Schulen eine katholisch ausgerichtete Erziehung sicherzustellen.
Legt man das Prinzip des Paulus zugrunde, dass die Bewahrung des Glaubens Vorrang vor der Aufrechterhaltung der ehelichen Beziehung hat, dann kommt der Frage, ob eine Ehe wegen weltanschaulichen Dissenses geschieden werden kann, vielleicht wieder größere Bedeutung zu. Da weder die Katholische Kirche noch die evangelischen Landeskirchen davon ausgehen können, dass sie das Meinungsklima in ethisch relevanten Fragen bestimmen, müssten sie viel stärker auf die persönliche Glaubensüberzeugung des einzelnen setzen – und diese dann auch stützen. Damit würde das Privilegium Paulinum den Charakter des Privilegs verlieren und als Notmaßnahme für Einzelfälle wieder Gewicht erhalten. Die Frage drängt allerdings nicht, denn Paaren ist die Aufrechterhaltung der Beziehung wichtiger als die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft. Da fast alle Paare, die eine kirchliche Hochzeit wünschen, schon vorher zusammengelebt haben, werden sich nur diejenigen melden, wo beide Partner eine kirchliche Heirat wünschen. Erst wenn die Kinder getauft werden und zur Erstkommunion gehen, werden die Unterschiede konflikthaft.

Religiöses Auseinanderleben

Ehepartner machen in der Ehe auch als Einzelpersonen eine religiöse Entwicklung durch. Die
kann diametral auseinander laufen. Diese Differenzen sind nicht nur auf der argumentativen Ebene zu situieren. Wenn es um das Thema geht, dass Gott die vielen Ungerechtigkeiten und
Gewalttaten nicht verhindert, können auch schmerzliche Lebenserfahrungen zu der Überzeugung geführt haben, dass Gott die Welt sich selbst überlassen hat und daher keine Aufmerksamkeit verdient.
Wenn die Theodizee-Frage, die Rechtfertigung Gottes angesichts des Übels, als der
entscheidende Einwand gegen die christliche Religion zu sehen ist, dann kommen religiöse
Dispute auf, die die katholische Kirche eigentlich weiterbringen könnte. Denn wer die Theodizee-Frage stellt, argumentiert religiös. Sie wäre sicher näher bei den Menschen als wenn sie sich weiter vorrangig mit ihren Strukturen beschäftigt. Die Katholische Kirche muss diese religiöse Frage nur aufgreifen. Und sie muss erkennen, dass sie längst in einer weltanschaulichen Minderheitenposition angekommen ist, so dass die Auseinandersetzung um Glaubensfragen wieder Vorrang haben muss. Das wird auch die Nachwuchsfrage beleben. Im Moment dürfte die katholische Kirche eher junge Menschen ansprechen, die das System bewahren wollen, sie braucht aber Nachwuchs, der nicht die Strukturen weiter verfeinert, sondern die weltanschaulichen Fragen in die Gesellschaft trägt.

Eckhard Bieger S.J.

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