Die Farben der Fülle

Es wird kälter, die Tage werden kürzer und doch kann man eine ungeheure Fülle an Farben und Lichtern erleben. Die Ernte des Jahres ist eingebracht oder wird noch wie beim Wein als Spätlese eingeholt. Der Herbst ist wie keine andere Jahreszeit vom Wissen um den Reichtum geprägt, der überall strahlt. Anders als eine Ruine, bei der der Zahn der Zeit deutlich sichtbar ist, ist die Vergänglichkeit im Herbst das Zeichen für eine gelungene Zeit mit einem pompösen Abschluss.

Herbst 2

Ein solcher Blick, ein solches Erfasstwerden von einer Jahreszeit lässt die Frage aufkommen, wie die Jahreszeiten den Menschen prägen. Was denkt und fühlt ein Mensch vielleicht anders, wenn dieser Wechsel der Natur nicht so deutlich wahrnehmbar ist? Unterscheiden sich Kulturen aufgrund solcher Naturerfahrungen? Die gewohnten Vorstellungen der Jahreszeiten sprechen das Werden und Vergehen an. Leben, Vergänglichkeit, Tod und Wiederaufleben werden mit Sommer, Herbst, Winter und Frühling assoziiert. In einer landwirtschaftlich geprägten Kultur ist dies sicherlich naheliegend und für die Menschen auf der Hand liegend. Dieses Verständnis leitet sich deutlich von der Tätigkeit ab. Der Bauer ist diesem Kreislauf unterstellt. Die Verbraucher können bestimmte Lebensmittel nur zu den entsprechenden Jahreszeiten kaufen, auch wenn durch die Möglichkeiten der Konservierung im Grund genommen jedes Lebensmittel zu jeder Zeit zur Verfügung steht.

Der Herbst als Einzelphänomen

Nähme man einmal an oder mache ein philosophisches Experiment, der Herbst könne als Einzelerscheinung und nicht als Abschnitt im Jahresverlauf erlebt werden, der Zusammenhang zum Werden und Gehen sei ausgeblendet. Wie würde dann diese Jahreszeit gespürt und verstanden werden? Zunächst wäre wohl die Vielfalt der unterschiedlichen Farben und Farbtöne das, was gewissermaßen ins Auge springt. Bei Sonnenlicht käme die Klarheit hinzu, die Luft flimmert im Herbst kaum, die Polyphonie des Lichtes drängt sich auf. Eine riesige Farbpalette bietet sich dem Betrachter dar. Wer diesen Blick als Augenblick wahrnimmt und nicht daran denkt, dass die Blätter bald von den Bäumen fallen, der ist überwältigt von der Mannigfaltigkeit, die durch eine Milde geprägt ist. Die vor allem gelben, roten und braunen Töne sind nicht grell, sie tuen den Augen nicht weh. Es herrscht nicht eine Farbe vor, sondern die unzähligen Abstufungen einer Farbe, die kaum merkbar in eine andere Farbe übergehen. Es gibt keine eindeutigen Grenzen oder Schnitte. Die Vielfalt ist erlebbar als großer Fächer und nicht als eine große Anzahl von einzelnen Variablen. Der Reichtum der Farben wäre das Gesamte, nähme man ein einzelnes Element heraus, wäre der Zauber verschwunden.

Der schwere Augenblick

Die Assoziationen oder Gedanken über die Herbstfarben verführen sehr schnell dazu, einen Vergleich anzustellen. In vielen Ansprachen oder Predigten werden gleich Parallelen zur menschlichen Gemeinschaft angeboten, es wird auf Leben und Tod hingewiesen und die Hoffnung betont, dass im Frühling alles wiederkommt. Vielleicht ist das Schmecken und Genießen der herbstlichen Stimmungsbilder so schwer, weil sich die Vergänglichkeit so stark aufdrängt, wenn die ersten Blätter bereits von den Bäumen gefallen sind. Der Augenblick kann durch einen kurzen Blick auf das Laub am Boden in die Realität zwingen. Es ist schwer, sich von den Assoziationen nicht ablenken zu lassen. Sicherlich gibt es auch andere Momente im Leben, die schnell verfliegen, die sich verflüchtigen, wenn der Blick auf ein kleines Detail der Vergänglichkeit fällt. Doch der Herbst scheint in seiner behutsamen Aufdringlichkeit in einer besonderen Weise die Fülle des Augenblicks zu zeigen. Der Herbst ist eine geeignete Möglichkeit, ein Phänomen zunächst als ein solches zu betrachten und nicht gleich aus einem Gesamtzusammenhang heraus zu verstehen. Die Betrachtung, die tatsächlich nur auf das Eine bezogen ist, kann dann später den Blick auf das Ganze verändern und eine andere Einordnung des Einzelnen in das Ganze bedingen. Doch noch leuchtet der Herbst…

Thomas Holtbernd

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