Du sollst dir kein Bildnis machen, aber ein Buch in die Hand nehmen

Die Buchmesse in Frankfurt hat in diesem Jahr nach langer Zeit mal wieder ein positives Echo hinterlassen: Das Buch lebt! Vielleicht haben die Verlage, Schriftsteller und Leser viel zu lange Bücher als Götter gesehen, die über die hohe Kultur wachen. Wahres Wissen wird nur in Buchform transportiert und wessen Bücherregal nicht mindestens 7 Meter misst, der gehört nicht zum Kreis der Eingeweihten. Leser beteten die Bestsellerlisten an und gingen bei ihrem Buchhändler zur Beichte, wenn sie auch bei amazon ganz schnell den Tipp von einer solchen Liste bestellt hatten.

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Foto: hinsehen.net

Bücher als Häresie?

Der Blick auf die ausgestellten Bücher bei den Buchhändlern lässt manchmal an Häresie denken. Der Gedanke kommt dann auf, es muss doch nicht jeder seinen Seelenmüll und gedanklichen Irrsinn zwischen zwei Buchdeckel bringen. Können doch Elaborate wie „Eine Tussi wird Mama“ nicht als Bote für die Wichtigkeit der Buchkultur gelten. So etwas kann lesen wer will, es gehört allerdings auch zur Götterwelt der Bücher. Dass Daniela Katzenberger auf dem Olymp neben Jupiter sitzt und ihn von erotischen Eskapaden träumen lässt, kann beruhigt als Gedanke fallengelassen werden, dafür sorgt schon Juno, seine eifersüchtige Gattin.

Reform statt Schockstarre

Die Religionen könnten ein Beispiel dafür abgeben, wie sich Reformbewegungen ereignen. Bücherfreunde starrten gebannt auf die Digitalisierung des Marktes. Das Buch schien durch die Digitalisierung verschluckt zu werden. Eine Heuschreckenplage jagte die andere, das Internet fraß Buch nach Buch, auch wenn absurderweise die Zahl der Buchveröffentlichungen stieg. Wie besessen schoben die Verlage Nahrung für die digitalen Heuschrecken nach. Es war eine Schockstarre bei den Intellektuellen, die Verlage glaubten schon an den endgültigen Untergang. Verwunderlich ist, dass kaum jemand den Blick von diesen apokalyptischen Bildern abwenden konnte und sich auf das besonnen hat, was bei allen Religionen zu beobachten ist. Wenn es zu lasch wird, dann kommt einer und räumt mal ordentlich auf. Wenn zu viele Neuerscheinungen auf den Markt geschwemmt werden, dann muss mal zurück auf die Wurzeln geschaut werden. Wenn das goldene Kalb Auflagenhöhe angebetet wird, dann muss mal jemand vom wahren Kern predigen. Statt sich auf die äußeren Umstände zu fixieren, könnte doch der Büchermarkt von innen her reformiert werden.

Reformen beginnen mit Askese

Die Geschichte der Orden zeigt, dass Gemeinschaften den Hang haben, nach einer Etablierung und einem steten Anwachsen träge zu werden, sich mehr um irdische Güter und dem Erlangen von Macht zu kümmern, als um die Stärkung des Glaubens. Reformer, wie etwa die Zisterzienser, haben dann erstmal wieder auf Null gedreht, das Überflüssige entfernt und so auf das Eigentliche verwiesen. Und es täte auch dem Büchermarkt gut, wenn solche Reformen vollzogen würden. Ein Buchladen ist ein Buchladen und kein Verkaufsraum für Schnickschnack. Bücher sollten dort stehen, irgendwelche Tassen, Püppchen oder anderes, was nicht aus Papier besteht, kann anderen Händlern überlassen werden. Welch‘ ein Graus ist es, wenn man sich z. B. in eine christliche Buchhandlung verirrt und dort kaum noch Bücher findet, sondern nur kitschige Engelchen oder andere unerträgliche Accessoires eines merkwürdigen Kinderglaubens. Das Buch ist es, um das es geht.

Weniger ist mehr

Der Irrglaube auf dem Büchermarkt der Eitelkeiten besteht wohl auch darin, dass man glaubt, Trends folgen zu müssen. Völlig ungeklärt ist dabei, wie diese Trends eigentlich entstehen. Wer prominent ist, darf ein Buch veröffentlichen, denn da sind die Verkaufszahlen sicher. Wie Trends gesetzt werden können und welche Ausdauer dafür benötigt wird, scheint bei den großen Verlagen kaum im Blickfeld zu sein. Im Vordergrund stehen Marketing und kurzfristiger Gewinn. Longseller sind eine Seltenheit geworden, oft werden schon im Jahr nach Erscheinen Bücher verramscht. Weniger wäre da mehr. Die Leser werden unentwegt mit Neuerscheinungen überfordert und finden in den meisten Buchhandlungen nur die aktuellsten Titel, die nicht nach Qualität ausgesucht sind, sondern danach, ob sie sich gut verkaufen lassen oder gerade in einer Literatursendung besprochen werden. Eine Ausnahme bilden da Antiquariate, mit denen Buchhändler auch eine ganz andere Marge haben. Askese wäre also angesagt als Schritt in die neue Welt der Bücher.

Ort der Stille und des Fühlens

Nicht nur weniger, auch radikaler müsste es zugehen. Wer ein Buch liest, tut dies in einer abgeschiedenen Stille, erfährt haptisch die Lektüre. Sind durch den Druck die Buchstaben erhaben, können die Fingerkuppen die Worte erfühlen. Der Wert des Inhalts liegt schwer in den Händen, das Papier erscheint kostbar. Und auch die Formulierungen geben wieder, dass der Autor sich gequält hat. An jedem Buch klebt auch Blut, Herzblut. Und wie das für die Leser zu spüren ist, das ist die Aufgabe der Verlage und Autoren. Wenn Wasser für Blut verkauft wird, dann stiehlt sich das Buch langsam aus der Lebenswirklichkeit der Menschen.

Thomas Holtbernd

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