Scheidung wegen Alkohol, Gewalt und Kinderwunsch

Die Ehe – diese Beziehung soll nach katholischem Verständnis die Lebensphasen überdauern, alles soll zusammen getragen werden, auch eine schwere Krankheit, die Behinderung nach einem Schlaganfall oder Demenz im Alter. Wenn einer der Partner die Ehe nicht offen halten will für Kinder, ist nach katholischer Auffassung die Ehe gar nicht zustande gekommen. Das gilt aber nicht für Alkohol- oder eine andere Drogensucht oder wenn ein Partner gewalttätig wird. Ist dann demjenigen, der vom drogenabhängigen oder gewalttätigen Partner loskommen will, eine neue Heirat verwehrt?

Foto: Fotolia.com

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Scheidung setzt Fakten 

Auf diese Fragen gehen die wenigen Zeilen im Neuen Testament nicht ein. In der Überlieferung der Jesusworte wird nur der genannt, der der Frau den Scheidebrief ausstellt. Gleiches gilt der Ehefrau, die sich trennt. Aber was, wenn das Leben mit dem Partner unerträglich geworden ist? Ein vom Alkohol abhängiger Partner wird sich nicht aus eigenem Entschluss scheiden lassen.

Der andere Part muss die Scheidung betreiben. Es geht dann fast immer auch um Vermögenswerte und meist auch um Kinder. In dem jüdischen Umfeld, in das Jesus spricht, schützte der Scheidebrief die Frau in gewisser Weise, sie erhielt Ihre Mitgift zurück. Ihr Schutz vor der Zudringlichkeit anderer Männer war allerdings wesentlich abgesenkt. Würde man strikt den Worten Jesu folgen, vor allem in der frühesten Überlieferung bei Markus, dann würde das Verdikt des unlauteren Geschlechtsverkehrs demjenigen gelten, der den anderen entlassen hat. Nach den Untersuchungen von Norbert Baumert hat Jesus über den verlassenen Ehepartner keine Aussage gemacht. Das Heiratsverbot der katholischen Kirche, für den, der entlassen wurde, beruht wohl auf einem Übersetzungsfehler, der daraus resultiert, dass es im Lateinischen, anders als im Griechischen, keine Verbkategorie „Medium“ gibt, dies zeigt sich schon bei der Übertragung ins Lateinische durch Hieronymus. Jesus meint den neuen Partner dessen der die frühere Ehe in die Scheidung überführt hat. Die Verwendung des Mediums würde dann nicht heißen, „die entlassen wurde“, sondern „die sich getrennt hat“. Wenn dem so ist, wie Norbert Baumert direkt am Text aufgezeigt hat, dann müsste man auch fragen, ob Jesus eine Trennung, die wegen unzumutbaren Verhaltens des Partners, der Partnerin von dem jeweils anderen betrieben wird, unter das Verdikt des Ehebruchs fällt. Um das näher zu prüfen, geht es um die Situierung der Rede. In welchem Zusammenhang hat Jesus die strikte Auflage der Unauflöslichkeit gemacht?

Der Kontext der Rede

Die Worte Jesu, der Mensch könne nicht trennen, was Gott verbunden hat, fallen in einem theologischen Streitgespräch. Die Folgen für eine neue Partnerschaft werden von Markus in eine Belehrung der Jünger situiert. Dem theologischen Streitgespräch liegen folgende alttestamentlichen Aussagen zugrunde. Im Buch Deuteronomium heißt es:

„Wenn ein Mann eine Frau geheiratet hat und ihr Ehemann geworden ist, sie ihm dann aber nicht gefällt, weil er an ihr etwas Anstößiges entdeckt, wenn er ihr dann eine Scheidungsurkunde ausstellt, sie ihr übergibt und sie aus seinem Haus fortschickt, wenn sie sein Haus dann verlässt, hingeht und die Frau eines anderen Mannes wird, wenn auch der andere Mann sie nicht mehr liebt, ihr eine Scheidungsurkunde ausstellt, ….“ (Dt 24,1-4)

Es geht also eher darum, dass der Mann seiner Frau überdrüssig geworden ist und mit der Ausstellung des Scheidebriefes eine Art Rechtsschutz vorgesehen ist. Jesus schiebt dem einen Riegel vor und sagt dann den Jüngern, dass die neue Beziehung grade im Sexuellen nicht in Ordnung ist, weil der, der sich getrennt hat, die Untreue mit in die neue Beziehung nimmt. Da über den verlassenen Partner nichts gesagt ist, kann die katholische Kirche sich wohl nicht auf Aussagen Jesu berufen, wenn Sie beiden Ehepartnern eine erneute Heirat verwehrt. Es ist allerdings festzuhalten, dass die Tradition seit Augustinus der Überzeugung ist, hier dem Willen Jesu zu folgen und  nicht aus eigener Autorität zu handeln.

Seelsorgliche Antwort auf eine Scheidung

Ein seelsorglicher Fall, dass z.B. eine Frau zu Jesus gekommen wäre mit der Frage, ob sie ihren Mann verlassen dürfe, weil dieser gewalttätig sei, ist nicht überliefert. Es gibt nur die Episode, bei der Jesus eine Frau vor der Steinigung bewahrt, als diese beim Ehebruch ertappt worden ist. Bleibt man nahe am Text, dann hat Jesus sich eigentlich nur zu den Fällen geäußert, wo jemand den Ehepartner aktiv entlässt.

Zuerst eine ethische Beurteilung

Ob es zumutbar ist, den Alkoholismus oder die Gewalttätigkeit des anderen auszuhalten, lässt sich aus den wenigen Versen im Neuen Testament nicht herauslesen. Deshalb muss hier zuerst nach ethischen Maßstäben entschieden werden. Auch die katholische Kirche verwehrt niemandem, der die Drogensucht oder die Gewalttätigkeit des anderen nicht mehr hinnehmen will, sich zu trennen. Die Frage ist, ob dem, der sich trennt, eine neue Heirat verwehrt werden kann. Das hängt einmal davon ab, ob es nur eine Trennung auf Zeit ist. Dann beabsichtigt der Partner, der die Trennung betreibt, keine neue Heirat. Wenn der Partner jedoch eine Scheidung betriebt, also ein erneutes Zusammenleben ausgeschlossen wird, muss die Frage deshalb gestellt werden, weil Jesus dem, der sich trennt, entgegenhält, er entehre den neuen Partner, wenn er mit diesem sexuell verkehrt. Das wurde in dem Beitrag „Jesus rechnet mit Scheidungen“ erläutert. Da Jesus dem, der weggeschickt wird, keine Auflagen macht, ist zumindest das Verbot einer erneuten Heirat für den aus der Ehe Entlassenen in den Worten Jesu nicht gegeben. Was aber, wenn jemand die Scheidung betreibt, weil der Partner drogenabhängig oder gewalttätig ist?

Es gibt legitime Scheidungsgründe

Auch wenn zu der Frage keine Aussagen im Neuen Testament zu finden sind, kann der Bezug zu anderen Scheidungsgründen die Frage weiterbringen. Paulus geht im 7. Kapitel des 1. Korintherbriefes auch auf die Frage ein, ob die Scheidung nach der Taufe eines der Partner möglich ist. Nach Paulus kann sich der Neubekehrte trennen, wenn der Partner die neue religiöse Ausrichtung nicht mittragen will oder kann. Paulus empfiehlt zwar den christlichen Partnern, mit dem anderen zusammenzubleiben, leitet aber daraus keine Verpflichtung ab. Für Paulus hat die Treue zum Bekenntnis Vorrang vor der Treue zum heidnischen Partner. Norbert Baumert übersetzt, zugleich kommentierend 1 Kor 7,12-16 so:

„Den übrigen jedoch sage ich, nicht der Herr: Wenn ein Bruder eine nichtchristliche Frau hat und sie auch ihrerseits es zusammen mit ihm für gut hält, mit ihm zusammenzuleben, soll er sie nicht fortschicken. Und wenn eine Frau einen nichtchristlichen Mann hat und dieser es mit ihr für gut hält, mit ihr zusammenzuleben, soll sie den Mann nicht fortschicken. Geheiligt nämlich ist der nichtchristliche Mann für die Frau (in den Augen der Frau), und geheiligt ist die nichtchristliche Frau für den Bruder, da ja bekanntlich eure neugeborenen Kinder (für den Heiden wie auch für euch früher) unrein, jetzt aber (für uns als Erlöste) heilig sind. Wenn allerdings der nichtchristliche Partner sich zu trennen sucht, soll er geschieden werden; der Bruder oder die Schwester ist in solcher Lage nicht etwa (durch meinen Rat) versklavt. Gott freilich hat uns in Frieden berufen (zu Gemeinsamkeit). Vielleicht, Frau, wirst du den Mann retten, oder vielleicht, Mann wirst du die Frau retten!“ .s. auch: Sorgen des Seelsorgers, Übersetzung und Auslegung des 1. Korintherbriefes, Würzburg 2007, S.97 ff:

Das unbedingte Gebot, dass der Mensch nicht trennen darf, was Gott verbunden hat, gilt nicht mehr, wenn einer der Partner sein Bekenntnis zu Jesus in der Beziehung nicht leben kann. Auch wenn dieses Privileg heute kaum eingefordert wird, hat es als theologisches Orientierung nicht ausgedient: Wenn aus einem schwerwiegenden Grund eine Trennung geboten erscheint, dann lässt sich diese Erlaubnis auch auf andere, schwerwiegende Beeinträchtigungen des Partners, der sich trennen will, übertragen.

Es gibt also Scheidungsgründe, die sich vom Wohl des einzelnen herleiten. Im Korintherbrief ist das Ziel die Bewahrung im neu gefunden Zugang zu Jesus. Für die Übertragung dieser Möglichkeit auf unerträglich gewordene Beziehungen spricht auch, dass gerade dem drogenabhängigen Partner so ein Ausweg aus seiner Verstrickung ermöglicht werden kann.

Alkoholismus und Gewalttätigkeit können eine Trennung erforderlich machen

Es geht nicht nur um die Zumutbarkeit für den Ehepartner. Die Erkenntnisse aus der Beratungspraxis deuten auf eine systemische Verstrickung des anderen Ehepartners bei Drogenabhängigkeit hin. In vielen Fällen stützt der Partner ungewollt ein System, das Drogenabhängigkeit und Gewalt ermöglicht. Das gilt für die Systeme, die über Jahre aufrechterhalten wurden. Es kann daher geboten sein, dass es zu einer Trennung kommt, damit der Partner die Sucht überwinden kann.

Eckhard Bieger S.J.

Ein Gedanke zu “Scheidung wegen Alkohol, Gewalt und Kinderwunsch

  1. 2000 Jahre…
    nach 2000 Jahren steht die christliche Sünden-und Sakramententheologie vor einem Scherbenhaufen.Sie hat die Seelen schon lange verloren,weil sie ,wie vor 2000 Jahren,aus Machtgier die Emotio der Ratio, die Barmherzigkeit dem Gesetz geopfert hat.
    Die Apparatschiks haben sich an den „Rändern“ komfortabel eingerichtet,derweil die „verlorenen Schafe “ (Math 18.12) im zentralen Vakuum umherirren.

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