Heiratsverbot nach einer Scheidung – auch eine Frage der Gerechtigkeit

Die lateinische Kirche erlaubt nach einer Scheidung keinem der Partner eine neue Heirat. Sie ist überzeugt, damit dem Willen Jesu zu entsprechen. Ein gewichtiges Argument leiten Verfechter dieser Regelung daraus ab, dass mit dem Verbot einer neuen Heirat die Unauflöslichkeit der Ehe gesichert werde. Dieses Argument ist erst einmal plausibel. Denn wenn man nach einer Scheidung einfach wieder heiraten könnte, wäre eine Scheidung tatsächlich weniger problematisch. Aber was ist z.B. mit dem Partner, der alleine steht, weil der andere sich neu verliebt hat? Er bzw. sie müssten nicht nur den Verlust der Gemeinschaft ertragen, sondern mit dem Alleinsein sozusagen für die Treulosigkeit des anderen doppelt „büßen“. Ist das Heiratsverbot zumindest für den verlassenen Partner zumutbar?

Der Mensch darf nicht zum Mittel gemacht werden

So plausibel das Heiratsverbot erscheint, es bürdet dem verlassenen Partner eine Last auf, die begründet werden muss. Denn er bzw. sie soll in dem Fall alleine bleiben, wenn sie wegen einer neuen Beziehung, die der Partner, die Partnerin eingegangen ist, verlassen wurde. Viele, die verlassen wurden, gehen aus eigenem Entschluss keine neue Beziehung ein. Aber darf demjenigen die Entscheidung von außen auferlegt werden? Mit dem Argument, das Heiratsverbot stütze die Unauflöslichkeit der Ehe, wird die Kirche dem verlassenen Partner kaum gerecht. Wenn er bzw. sie an der Ehe festhalten wollte, kann der verlassene Part eigentlich nicht für die Untreue des anderen haftbar gemacht werden. Es trifft hier die Maxime zu, der Mensch dürfe nicht zum Mittel für einen anderen Zweck gemacht werden. Diese gründet darin, dass die einzelne Person der höchste Wert ist. Mit dem Heiratsverbot wird aber der Wert der Unauflöslichkeit über die Selbstbestimmung des verlassenen Ehepartners gestellt. Aber kann eine Gemeinschaft eine solche Regelung für ihre Mitglieder aufstellen?

Die Logik des Ehewillens

Die katholische Kirche erklärt den Heiratswilligen, dass mit der Heirat das Verbot einer zweiten Ehe akzeptiert wird, natürlich solange der Partner lebt. Diejenigen, die kirchlich heiraten wollen, wissen das nicht nur, sondern wollen den Entschluss einer lebenslangen Partnerschaft unter den besonderen Segen Gottes stellen. Das gegenseitige Versprechen soll „halten“. Es erscheint als logische Folge, dass mit diesem Versprechen eine zweite Heirat ausgeschlossen ist. Mit einem zweiten Blick entsteht allerdings die Frage, ob die Kirche diese Logik auch erzwingen darf. Sie hat das Argument auf ihrer Seite, dass nicht wenige verlassene Partner dieser Logik folgen, indem sie nicht mehr heiraten. Aber ist es gerechtfertigt, diese im Personalen liegende Logik in eine allgemein gültige Rechtsform zu objektivieren? Wird der einzelne deshalb an einer erneuten Heirat gehindert, obwohl er bzw. sie nicht alleine leben will, ist das ein Eingriff in das Selbstgestaltungsrecht, der ethisch schwer zu rechtfertigen ist. Das gilt vor allem dann, wenn der andere in einer neuen Beziehung lebt und damit eine Rückkehr in die frühere Partnerschaft versperrt ist. Dieses Heiratsverbot muss auch angesichts eines gesellschaftlichen Umfeldes gerechtfertigt werden, das den verlassenen Partner in das schiefe Licht stellt, nicht zu einer Partnerschaft fähig zu sein. Nicht wenige Filme und Romane stellen dar, wie Partner sich unattraktiv fühlen, weil sich der andere neu verliebt hat. Verlassenwerden wird in vielen Fällen als Demütigung erlebt und kann daher eigentlich nicht von der Kirche mit einem Heiratsverbot verschärft werden. Die Abwägung auf der ethischen Ebene zeigt auf der einen Seite, das das Verbot einer neuen Heirat der Logik der gegenseitigen Hingabe entspricht, eben diese Hingabe durch den Vorbehalt einer möglichen zweiten Partnerschaft zu unterspülen. Zum anderen ist es ein Eingriff in das Selbstgestaltungsrecht einer Person, sie zum Alleinsein zu verpflichten. Jedoch hat die Kirche nicht nur die innere Logik des Eheversprechens als Grundlage für das Heiratsverbot, sondern auch den Auftrag Jesu, nicht zu lösen was Gott verbunden hat. Die Frage ist, ob Jesus ein solches Heiratsverbot damit verbunden hat:

Neue Heirat ist kein Ehebruch

So steht es allerding sind er offiziellen, der Einheitsübersetzung der katholischen Kirche. Lukas 16,18 wird dort so wiedergegeben: „… wer eine   Frau heiratet, die von ihrem Mann aus der Ehe entlassen worden ist, begeht Ehebruch.“
Diese Übersetzung verpflichtet die westliche Kirche, eine zweite Heirat nicht zuzulassen, will sie dem Wort Jesu treu bleiben. Norbert Baumert, emeritierter Neutestamentler, hat darauf hingewiesen, dass die griechische Vorlage nicht unbedingt mit „entlassen worden ist;“ übersetzt werden muss, sondern dass das Griechische auch eine Verbform hat, die es im Deutschen wie Lateinischen nicht gibt, nämlich das Medium. Da bei dem hier verwendeten Verb Medium und Passiv die gleich Endung haben, kann die Übersetzung auch so lauten: „Die sich von ihrem Mann getrennt hat“. Aus dem griechischen Text bei Lukas lässt sich nicht entscheiden, ob Medium oder Passiv dort stehen. Der Unterschied ist gravierend: Ob die Frau gemeint ist, die entlassen wurde oder vielmehr die, die sich getrennt hat. Lukas lag die gleiche Aussage Jesu in der früheren Überlieferung bei Markus vor. Hier wird deutlich, dass Jesus nicht über den verlassenen Ehepartner spricht, sondern über den, der den anderen „entlassen hat“. Die Aussage einer unehrenhaften Sexualbeziehung bezieht sich auf den neuen Partner, dessen, der sich getrennt hat. Er bringt den Makel der Untreue in die neue Beziehung ein; s. dazu „Jesus rechnet mit Scheidungen.“
Wenn es also nicht eindeutig ist, dass Jesus dem verlassenen Partner eine neue Heirat untersagt hat, dann sollte die katholische Kirche ihre Motivation für eine lebenslange Ehe neu konzipieren. Dazu bestehen große Chancen.

Anwalt einer lebenslangen Beziehung

Die Infragestellung der katholischen Ehelehre, die sich in dem Verbot einer erneuten Heirat zuspitzt, leitet sich nicht aus der genauen Sichtung der Worte Jesu in den Evangelien her, wie sie Norbert Baumert vorgenommen hat, sondern aus der Abkehr der westlichen Gesellschaften von dem Eheideal, das das Christentum von seinen Anfängen her vertreten hat. Diese leitet sich von dem Wort Jesu her: „Was Gott verbunden hat, darf der Mensch nicht lösen!“. Gerade weil sich junge Paare an die Kirche wenden, um sich das Eheversprechen im Rahmen einer kirchlichen Feier zu geben und sich so gegenseitig das Ehesakrament zu spenden, besteht die Chance gerade darin, dass die katholische Kirche diese Lebensform stützt und sie auch intensiver in der Öffentlichkeit vertritt. Wenn das oberste deutsche Laiengremium als Reformbedarf den kirchlichen Segen für eine erneute Heirat in den Vordergrund stellt, untergräbt es den Elan, sich auf eine lebenslange Bindung einzulassen. Gerade die kirchliche Hochzeit will ja die Liebe zum Partner intensivieren, also die Bindung nicht unter den Vorbehalt des Scheiterns stellen. Man fragt sich, ob die katholischen Laien, die sich im Zentralkomitee der deutschen Katholiken zusammenfinden, ihren Kindern und Enkeln gerecht werden, wenn sie die Wiederheirat zum Thema Nr. 1 machen. Wollen die jungen Menschen in den Wirrnissen der Postmoderne mit ihren sich täglich vermehrenden Lebensmodellen nicht gerade von der katholischen Kirche Rückhalt für eine Lebensform, die dadurch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen immer mehr unterspült wird.
Jedoch wird die katholische Kirche mit ihrem Heiratsverbot für Geschiedene diese Motivation nicht mehr stärken. Das Verbot steht wie ein verdorrter Baum in einer Gegend, die die Menschen längst verlassen haben.

Das Scheitern auffangen

Die einfache Lösung: „Keine zweite Heirat“  hat ihre Kraft verloren. Die katholische Kirche muss sich neu auf den Auftrag Jesu besinnen, Paare zu stärken, die sich auf eine lebenslange Bindung einlassen wollen. Zugleich muss sie denen Samariterdienste leisten, die mit diesem Konzept gescheitert sind. Das macht verständlich, warum die Synode in Rom neue Lösungen finden muss. Alle Ratschläge, sich dem Zeitgeist endlich anzupassen und das als längst fällige Reform zu propagieren, missachtet den Wunsch vieler junger Paare sich lebenslang aufeinander einzulassen, den Segen Gottes zu erhalten. Wie die bisherige katholische Ehelehre argumentiert diese Forderung nicht auf der personalen, sondern weiter auf der rechtlichen Ebene. Ach über 300 Unterschriften deutscher Theologieprofessoren machen aus einer überholten Motivation keine zeitgemäße Antwort auf die postmodernen Lebensverhältnisse. Für die, die gescheitert sind, braucht es neue Wege, in neuen Beziehungen nicht wieder Schiffbruch zu erleiden. Es sind auch die jahrhundertealten Erfahrungen der Seelsorge wie der heutigen Eheberatung ernst zu nehmen. Wie eine lebenslang gelebte Partnerschaft ein Geheimnis in sich trägt, so auch das Auseinandergehen von Paaren. Selten ist es der eine, dem allein die Veranwortung zugesprochen werden kann. Ob für den Neuanfang oder zur Überwindung einer Ehekrise, es wird nicht ohne eine Neukonzeption des Bußsakramentes gehen. Da die jetzige Form der Beichte nur noch von wenigen Katholiken praktiziert wird, hätte die Synode die große Chance, neue Formen für dieses Vermächtnis Jesu an zu finden, nämlich zu binden und dann zu lösen, damit trotz Krisen und auch Scheitern ein Neuanfang ermöglicht wird.

Eckhard Bieger S.J.

 

Dieser Beitrag schließt an die mehr biblische Spurensuche in „Jesus hat mit dem Scheitern gerechnet“:

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