Rausch als Übung

Wenn es stimmt, dass der heutige Mensch Techniken oder Übungen als Stufen zur Gotteserfahrung nur sehr verhalten und mit einer großen Skepsis in Anspruch nimmt, und dass er weniger auf das Wahre in etwas fokussiert ist, sondern das wahre Etwas sucht, dann muss man sich den modernen Menschen als jemanden vorstellen, der die Suche nach der Wahrheit eher als eine Art Rausch versteht.

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Foto: T.H.

Rausch als Wahrheit? 

Es ergibt sich die dabei die Frage, was ein Rausch mit einem gewissen Wahrheitsanspruch sei? Wein bietet sich als geeignet für den Wahrheitsrausch an, denn seit den Griechen gilt der Satz von Alkäus: in vino veritas. Der Mensch, wenn er den Wein genießen will, weiß, dass dieses Trinken immer auch eine Übung ist. Es fängt damit an, dass der Wein nach Kork schmecken kann. Man könnte den Wein auch mit Korkgeschmack trinken, doch man tut es nicht. Man sucht ja einen generösen Geschmack.

Die Übung der Vielfalt

Ein Weintrinker ist auf der Suche. Es wird gekostet, die Suche ist jedoch keine Suche nach etwas Eindeutigem. Es ist vielmehr eine Übung der Vielfalt. Eine Übung, um der Übung willen. Man kann Wein auch wie Sisyphos trinken. Es wird immer wieder eine neue Flasche geöffnet und nach einiger Mühe ist sie leer, doch die nächste Flasche ist schon geöffnet. Nach vielen Flaschen kann der Trinkende auch nicht sagen, was er gefunden hat. Die Suche erweist sich als eine permanente Übung des Leerens. Es macht keinen Sinn, es ist absurd und das Leeren erweist sich als eine inhaltsvolle Tätigkeit. Erst die Übung macht jedes neue Leeren zu einer interessanteren Aktion. Die Erfahrung einer sinnlosen Tätigkeit bleibt nur dann sinnlos, wenn die Sinne nicht geübt werden. Kann der Geschmackssinn geübt werden, entsteht die Sehnsucht, weitere Expeditionen in die Nuancen der Aromen vorzunehmen. Die Suche nach einer Wahrheit verändert sich in die Schärfung der Wahrnehmungsfähigkeiten und der Erfahrung, dass nichts so ist wie der nächste Schluck.

Kein Schluck ist wie der andere

Überträgt man dies auf ein religiöses Tun, so ist dies bereits religiös. Gott keinen Namen zu geben oder sich kein Bildnis zu machen, korrespondiert damit, dass die Wahrnehmung der Welt weiter wird. Das Materielle erweist sich nicht als das, was man beim ersten Mal oder bei wenig Übung erlebt hat. Im Materiellen lassen sich Dimensionen schmecken, die schließlich auch nicht mehr chemisch nachgewiesen werden können, weil es unzählige Kreuzungs- und Kombinationsmöglichkeiten gibt. Hier zeigt sich, dass der Himmel nicht oben ist, sondern sich in der Materie durch Üben eröffnet. Der einzelne Schluck wird kostbarer. Und wer eine Flasche Wein öffnet, die einige hundert oder tausend Euro kostet, der wird jeden Schluck mit großem Eifer trinken und lässt in diesem Schluck den ganzen Wein gegenwärtig werden. Insofern kann man auch behaupten, dass sich alle Religionen gleichen. Sie ähneln sich wie verschiedene Weine. Es ist auch recht unerheblich, wie teuer ein Wein ist, denn es ist nicht der Preis, sondern die Qualität. Und mag es auch ein Getue um die teuerste Flasche Wein der Welt geben. Jedem Weintrinker ist klar, dass ein guter Wein nicht durch den Preis zu einem guten Wein wird. Es ist die Übung, die zu einem teuren Wein gehört. Die Entfaltung der Religionen hat ebenso mit solchen sich immer weiter verfeinernden Übungen zu tun. Mag ein schlichter Wein den Trinkenden wenig beanspruchen und vielleicht mehr der Wirkung dienen, so verliert sich diese Wirkung nicht, doch die Übung verlangt andere Reize als die Rauschwirkung.

Mehr als Rausch

Der nächste Schritt wäre nun, grundlegende Geschmacksrichtungen zu entdecken und Vorlieben zu finden. Bei den Religionen ist die magische Wirkung bestimmter Riten vielleicht ansprechend. Später erträgt eine Religion mehr Pluralismus. Die Entwicklung wir immer komplexer. Wer Weine getrunken hat, die in ihrer Aromenvielfalt sehr ausgewogen und dennoch reichhaltig sind, der ist gelangweilt von einem Wein, der im Tetrapack daherkommt und nach Weintraubensaft und Alkohol schmeckt. Auch Religion entfaltet sich, ein religiös musikalischer Mensch verlässt mehr und mehr das, was Volksfrömmigkeit zu nennen wäre. Der Weintrinker vergeistigt mehr und mehr, der Religiöse wird immer geistiger, d. h. Religion wird für ihn mehr und mehr zu einer Sache der Vernunft.

Der Rausch vereint die Suchenden

Dennoch enthält der Wein Alkohol und der sorgt dafür, dass auch die Vernunft erstens vom Alkohol getragen ist und zweitens jeden Trinker, egal, ob er teuren und billigen Wein trinkt, zur Gemeinsamkeit des Rausches führen kann. Und es ist egal, ob derjenige seine Weisheiten lallt, der für die Flasche 1 Euro oder 100 Euro ausgegeben hat. In die Richtung Berauschtsein kommen beide und vergessen ihren Anspruch an die Qualität. Auch wenn sich die Ansprüche an einen guten Wein deutlich unterscheiden können, der Alkohol, die Wirkung, die der Wein enthält, vereint sie.

Thomas Holtbernd

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