Die Radikalität des Augenblicks

Wer sich auf den Moment einlässt und nicht an die Folgen denkt, wer alles vergisst, was er einmal gelernt hat und nur im Augenblick ist, dem fehlt nicht unbedingt ein Verantwortungsbewusstsein, weil er die Konsequenzen seines Handelns ausblendet. Ein solcher Mensch lässt sich auf eine ungeheure Radikalität ein. Und Radikalität kommt vom lateinischen radix und das bedeutet Wurzel.

Foto: fotolia.com

Foto: ViewApart / fotolia.com

Handeln ohne Konsequenzen?

Veränderungen ergeben sich immer dort, wo die Konsequenzen des eigenen Handelns zur Seite geschoben werden. Denn, denke ich an die Folgen einer Tat, dann gerate ich immer in ein Abgleichen. Es gibt keine Tat, von der klar gesagt werden könnte, dass sie richtig wäre. Die Zukunft ist nicht einsehbar, daher kann auch nicht mit eindeutiger Sicherheit gesagt werden, wie sich mein Handeln auswirken wird. Da ich eine Entscheidung treffen muss, kann ich mit einer der verschiedenen Alternativen mich wohler fühlen als mit einer anderen, ich kann auch verstandesmäßig die Möglichkeit gewählt haben, von der ich überzeugt bin, dass es sachlich und vernunftmäßig richtig ist. Das Ergebnis kenne ich jedoch nicht. Ich mache immer Vorannahmen über die Aspekte, die zu einem bestimmten Ergebnis aufgrund meiner Entscheidung führen. Ein negatives Ergebnis kann ich mit der Aussage begründen, dass ich mit bestem Wissen und Gewissen entschieden habe.

Entscheidungen

Im Laufe eines Tages müssen unzählige Entscheidungen getroffen werden. Die meisten davon sind kaum bewusst. Würde jede Entscheidung mit dem Verstand getroffen werden, käme es zum Stillstand. Entweder verdrängt man die Tatsache, dass dem Handeln immer auch eine Entscheidung vorausgeht oder man vertraut auf die Richtigkeit seiner Gewohnheiten. Die besondere Kunst besteht darin, weniger wichtige von wichtigen Entscheidungen differenzieren zu können. Wann ist es notwendig, den gewohnten Ablauf zu unterbrechen und über die folgende Handlung genauer nachzudenken? Oder kann man seiner Intuition trauen und dem Gefühl folgen? Dabei bleibt zunächst ungeklärt, wie sich das, was man Intuition nennt, gebildet hat.

Der lange Weg zur guten Intuition

Im Verständnis vieler Menschen ist Intuition so etwas wie eine Eingebung, die gläubige Menschen vielleicht als unmittelbare Botschaft Gottes verstehen. Das Problem eines solchen Verständnisses liegt darin, dass die Verantwortung nach außen verlagert wird und keine Notwendigkeit zu bestehen scheint, die Eingebung kritisch zu hinterfragen. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Intuition Ergebnis einer psychischen Entgleisung ist. Wer garantiert, dass die angebliche Intuition nicht einem Wahn entspringt oder einfach nur ein Wunschdenken ist? Versteht man Intuition nicht als eine spontane Eingebung, sondern als das Ergebnis von Erfahrungen und Gedanken, dann ist der Einzelne für das verantwortlich, was sich als aktuelle Idee zeigt. Die Kreativitätsforschung hat herausgefunden, dass „Erleuchtungen“ häufig dann auftreten, wenn sich jemand intensiv mit einem Problem beschäftigt hat und dann eine Pause macht, in der er scheinbar an gar nichts denkt. In einem solchen Augenblick tritt ein Gedanke oder ein Bild vors innere Auge und plötzlich ist der Weg vorgezeichnet, den man vorher verzweifelt gesucht hat. Der Augenblick dieser „Erleuchtung“ steht danach am Ende eines langen Ringens um eine Lösung und am Beginn der Umsetzung, die durch einen „richtigen“ Impuls initiiert wurde.

Der Punkt der Tiefe

Eine Wertung vorzunehmen, welcher Schritt für ein gutes Handeln der wichtigste sei, wäre sicherlich ein Verkennen der wechselseitigen Bedingtheiten. Allerdings lässt sich behaupten, dass der Augenblick der „Erleuchtung“ die größtmögliche Bewusstheit verlangt. An diesem Punkt entscheidet sich, wie offen man für das Neue und Notwendige ist oder ob Angst, Verzagtheit, Neid, Hass u. ä. den Blick verstellen. Dieser Augenblick ist radikal, weil er an die Wurzeln der eigenen Existenz und Biografie rührt. Wer sich in seinem Wesen nicht kennt, die Brüche und Entwicklungslinien seiner Biografie sowie seine gewohnten Blockaden verdrängt, der verbleibt nicht im Augenblick und öffnet sich nicht für das Unerwartete, sondern versetzt sich erinnernd in die Vergangenheit oder fantasierend in die Zukunft an einen Punkt, der eine gewohnte Sicherheit bietet. Die Radikalität des Augenblicks provoziert dagegen die Möglichkeit, dass lediglich die Wurzel Bestand hat, während die Lebensgeschichte eine Illusion, eine Lüge, ein frommes Märchen o. ä. ist. Die eigene Geschichte müsste neu geschrieben werden, auch wenn der Kern oder Ursprung meines Lebens bleibt. Auf Intuitionen sollte deshalb auch nur der vertrauen, der stark genug ist, sich radikal infrage zu stellen.

Thomas Holtbernd

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s