Jesus rechnet mit Scheidungen – zur Synode in Rom

Das Wort Jesu zur Scheidung ist eindeutig: Was Gott verbunden hat, soll der Mensch nicht lösen. Davon gibt es keine Ausnahmen. Von Anfang hatte sich diese strenge Auflage in das Denken und Fühlen der Kirche eingebrannt. Daraus wurde die Konsequenz gezogen, dass auch der verlassene Ehepartner nicht wieder heiraten darf. Das hat Jesus aber nicht gemeint. Jesus ist sogar davon ausgegangen, dass Ehen scheitern. Der Neutestamentler Norbert Baumert S.J. hat die Textzeilen unter die Lupe genommen. Es kommt auf wenige Worte und Satzstellungen an, die entscheiden aber über das, was die Kirche lehrt.

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Wer begeht bei neuer Heirat Ehebruch?

Die Überlieferung des Jesuswortes bei Lukas hat die Lehre, vor allem der lateinischen Kirche, bestimmt. Scheidungsverbot auch für den, der weggeschickt wurde. Das ist erst einmal ein Übersetzungsproblem. Mit der Tradition seit der Bibelübersetzung des Hieronymus ins Lateinische versteht der Westen die Worte Jesu so, wie die offizielle, die Einheitsübersetzung sie wiedergibt:

„Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere heiratet, begeht Ehebruch; auch wer eine
Frau heiratet, die von ihrem Mann aus der Ehe entlassen worden ist, begeht Ehebruch.“
Kap. 16/18

Wenn aber der Text im zweiten Teil so gelesen werden kann:
„Wer eine Frau heiratet, die sich von ihrem Mann getrennt hat ..“ und nicht „die entlassen wurde“, dann bekommt der Satz eine andere Sinnspitze. Es ist nicht die verlassene Ehefrau gemeint, sondern die, die sich getrennt hat. Das ist vom Griechischen her möglich, weil die Verbform zugleich Passiv wie Medium sein kann. Da es im Lateinischen wie im Deutschen kein Medium gibt, muss man das Medium mit „sich…“ wiedergeben.
Aber woher weiß der Bibelwissenschaftler, dass Lukas das Medium gewählt hat und nicht das Passiv, denn aus dem Text bei Lukas kann man das nicht entnehmen? Man greift auf das ältere Evangelium des Markus zurück, das sowohl Lukas wie Matthäus vorlag.Dort heißt es in Kap 10,11-12

„Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere heiratet, begeht ihr gegenüber Ehebruch. Auch eine Frau begeht Ehebruch, wenn sie ihren Mann aus der Ehe entlässt und einen anderen heiratet.“

Hier ist die Frage zu beantworten, wer gemeint ist, wenn nach einer neuen Verbindung von Ehebruch die Rede ist: Wer seine Frau bzw. seinen Mann entlässt, begeht eigentlich bereits Ehebruch. Entscheidend ist der nächste Satz: Und eine, einen andere(n) heiratet. Es muss doch der neue Partner gemeint sein. Dann kann man aber das griechische Verb nicht mit „Ehebruch“ übersetzen. Dieses Wort „moicheuein“ hat Baumert genauer in seiner Bedeutung untersucht. Sein Ergebnis: Es bezeichnet nicht den Tatbestand, der auch juristisch bedeutsam ist, dass eine „Ehe gebrochen“ worden ist, sondern es meint mehr auf der ethischen Ebene eine unangemessene, eine entehrende sexuelle Handlung. Baumert übersetzt die zwei Verse bei Markus so:

„Wer seine Frau entlässt und eine andere heiratet, vollzieht an ihr (der neuen Frau!) einen unlauteren Geschlechtsakt (der entehrt sie). 12Und falls sie ihren Mann entlassen hat (apolýsasa) und dann einen anderen heiratet, entehrt sie (ihn, vollzieht mit dem neuen Partner eine unlautere Geschlechtsgemeinschaft).”

„Mann und Frau werden also von Jesus her gleich behandelt: Wenn einer den Partner entlässt, ist für den, der die Entlassung betrieben hat, eine Ehe mit einem neuen Partner sittlich nicht in Ordnung. Das griechische moichásthai = ,beflecken / sexuell entehren’ sollte man hier nicht mit ,ehebrechen’ übersetzen, denn dieses deutsche Wort besagt wörtlich genommen einen ,Bruch’ mit dem ersten Partner, während das griechische Wort hier den jeweils neuen Partner meint: Wer seiner ersten Partnerin untreu war und sie entlassen hat, kann nicht mit einer neuen Partnerin eine ehrenvolle Beziehung eingehen, sondern verhält sich ihr gegenüber ,entehrend oder schändlich’. ,An ihr’ meint also in V 11 die neue Partnerin; sie ist die zuletzt Genannte! Der ,Ehe-bruch’ hingegen geschah, wörtlich genommen, bereits durch die Entlassung der ersten Partnerin! Über die Frau, die weggeschickt wird, ist nichts weiter gesagt. Wäre für sie eine neue Ehe auch unehrenhaft?“ (Zitiert aus dem Pastoralblatt 3/2015, März 2015 S. 71.)

Zurück zu Lukas: Baumert argumentiert, es sei nicht erkennbar, dass Lukas die bei Markus überlieferte Aussageabsicht Jesu ändern wollte. Da er sich an griechische Leser richtete, konnte er nicht  schreiben: „Die Frau, die ihren Mann entlassen hat.“ Das ging nur im Judentum, im Griechischen konnte nur der Mann entlassen, die Frau konnte sich nur trennen.

Der verlassene Partner begeht bei einer neuen Ehe keinen Ehebruch

Es ist also nur von dem die Rede, der entlassen hat sowie von dem jeweils neuen Partner. Er bzw. sie sind, so Baumert, seelisch nicht in der Lage, eine neue Ehe als personale Beziehung, auch gerade in der körperlichen Vereinigung, einzugehen, weil sie die Trennung von dem früheren Partner in die neue Beziehung mitnehmen. Aus dem Text geht zudem hervor, dass Jesus nicht auf der Ebene des Rechts argumentiert. Die Pharisäer wollten ihn in juristische Spitzfindigkeiten verwickeln. Darauf ist er nicht eingegangen, sondern wollte durch den Hinweis auf die Schöpfungsordnung sagen: Wenn Gott die beiden Partner in der Ehe verbunden hat, könnt ihr keine rechtlichen Regelungen treffen, die diesen Setzung Gottes aushebelt: Was Gott verbunden hat, darf der Mensch nicht lösen. Er wollte keine neue Rechtsordnung einführen, sondern fordert die Ehepartner personal-sittlich, nämlich auf jeden Fall an der Beziehung festzuhalten.

Die lateinische Kirche hat aus dem „darf nicht“, ein „kann nicht“ gemacht

Es wird an dem „darf“ deutlich, dass Jesus eine sittliche Forderung formuliert und keine Rechtsnorm aufstellt. Es heißt in der offizielle Einheitsübersetzung bei Markus 10,9: „Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen.“ Der Mensch kann also trennen und er tut es. Dann muss eine Regelung für die gefunden werden, die dem Schöpfungswillen Gottes nicht gefolgt sind. Das stellt die Praxis der katholischen Kirche infrage, nach Gründen zu suchen, dass die Ehe gar nicht zustande gekommen ist. Das mag für Ehen gelten, die nur wenige Monate gehalten haben, jedoch kaum für Ehen, aus denen Kinder hervorgegangen sind und die das 7. Jahr überdauert haben.

Statt Ehe-Nichtigkeitsverfahren eine Buße mit der Chance des Neuanfangs

So wie das 5. Gebot ohne „Wenn und Aber“ gilt und trotzdem Menschen andere umbringen, so rechnet Jesus mit dem Scheitern von Ehen. Er spricht ja zu Zuhörern, für die die Scheidung ein gängiges Phänomen war. Hätte er eine juristische Alternative zur Scheidungspraxis gefordert, hätte er das sagen müssen. Er lässt keine Ausnahme-Klauseln zu, die eine Scheidung legitimieren könnten. Er will, dass die Eheleute bei ihrem ursprünglichen  Entschluss bleiben. Das ist genau die Fragestellung der Synode, sie musste vom Papst noch einmal herausgestellt werden: Wie kann das Scheidungsrisiko vermindert werden. Aber auch dann wird es noch Scheidungen geben.

Die Orthodoxie ist im Umgang mit Scheidungen näher bei der Urkirche geblieben. Es gilt das unbedingte Scheidungsverbot – und zugleich gibt es eine Bußpraxis für den Umgang mit denen, die das Gebot gebrochen haben.

Jesus trifft das, was auch heute die Menschen in ihrem Herzen wünschen

Warum ist das Wort Jesu nicht nur für Christen bindend? Jesus argumentiert mit der ursprünglichen Konzeption der Ehe. Sie wird von Gott gestiftet. So sehen es auch diejenigen, die nicht weiter nur zusammenleben, sondern die heiraten wollen. Für diese Paare hat die Ehe die Perspektive, lebenslang zusammen zu bleiben und die Lebensphasen gemeinsam zu meistern. Das ist auch in der so verwirrenden Postmoderne der Wille junger Paare, wenn sie zum Standesamt gehen oder gar eine kirchliche Hochzeit wünschen.  Ansonsten teilen sie nur weiter die gemeinsame Wohnung. Das heißt aber, dass diejenigen Kardinäle und Bischöfe, die die Unauflöslichkeit der Ehe mit der kirchlichen Heirat verbinden, nicht dem Wort Jesu genügend Gehör schenken. Die Ehe wird nicht erst durch die kirchliche Hochzeit, kraft des Sakramentes, das die Eheleute sich spenden, unauflöslich. Vielmehr ist das in die Herzen der Menschen hineingelegt. Viele empfinden ja den Partner, die Partnerin als Geschenk. Die Kraft der Liebe ist auch nicht einfach etwas Biologisches, sondern braucht die Seele des Menschen, verwoben mit seiner Körperlichkeit.

Weltfremd ist die Ehekonzeption nicht, wohl aber die juristische Fixierung

Die Kirche verkündet also keine Sonderlehre, sondern legt nur die ursprüngliche Intention Gottes aus, die die Paare bis heute spüren. Weltfremd ist nur der, der meint, man könnte juristisch die Ehe unauflöslich machen. Betonierung, das wissen wir heute, ist nicht dauerhaft. Das Gebäude kann nur von innen zusammengehalten werden. Auf diesen Willen legt Jesus die Eheleute fest. Das ist nicht weltfremd, wie man im Internet häufig lesen kann. Als müsste ein Paar bei der Hochzeit die Scheidung schon einkalkulieren. Bleibt der Stahl im Beton biegsam, hält er Jahrzehnte.  Diesen Stahl muss man, im übertragenen Sinn. rostfrei halten. Gerade, weil die Ehe so vielen Veränderungen und Umwelteinflüssen ausgesetzt ist, bedarf es heute mehr Klugheit, einen guten Umgang mit Spannungen, Enttäuschungen und Konflikten, damit daraus keine tödlichen Zerwürfnisse werden. Mehr Beton hilft da nicht und wird auch von Jesus nicht gefordert. Da muss die deutsche Kirche einiges nachholen. Sie hat sich zu lange auf den Beton verlassen und zugesehen, wie in zu vielen Beziehungen der Stahl seine Elastizität verloren hat. .

Wie die Fixierung des Lehramtes auf die Empfängnisregelung zu der heutigen Situation geführt hat, findet sich in dem Dossier „Nicht Sex, sondern Sexualität“. In diesem Dossier ist auch die Zusammenfassung der Textuntersuchungen zu Scheidungsverbot von Norbert Baumert abgedruckt.

Die Untersuchungen Baumerts finden sich in seinen beiden Paulusbüchern:
Antifeminismus bei Paulus? Einzelstudien (Forschung zur Bibel 68) Würzburg: Echter 1992. – VI.
,Die Freiheit der / des unschuldig Geschiedenen’ (u.a. zu den synoptischen Texten und 1 Kor; zu apolelyménē, moicheuein, porneia, Unzuchtsklausel etc.): S. 207-260.
Dieser Beitrag ist streng exegetisch verfasst, zitiert andere Autoren und geht im Einzelnen auf die
Wortbedeutungen, die Satzkonstruktionen und den „Sitz im Leben“, also die Redesituation ein, die
die Aussageabsicht wesentlich mitbestimmen.

Frau und Mann bei Paulus. Überwindung eines Missverständnisses. Würzburg: Echter 1992, 21993
Besonders zu 1 Kor 7: S. 29-121. Zur ,Unauflöslichkeit’ der Ehe: S. 346-366. Zu ,Ehelosigkeit und ihre Motivation’: S. 367-388.

In diesem Beitrag geht es mehr um die Wirkungsgeschichte der Textstellen. Baumert zitiert hier Autoren der frühen Kirche und setzt sich mit der Eheband-Konzeption des Augustinus kritisch auseinander. Er plädiert dafür, diese Konzeption fallen zu lassen, weil sich weder bei den Synoptikern noch bei Paulus dafür Belege finden lassen. Baumert reflektiert die Traditionsgeschichte im Hinblick auf die Anforderungen der Seelsorge.

Eckhard Bieger S.J.

2 Gedanken zu “Jesus rechnet mit Scheidungen – zur Synode in Rom

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