Ich fühle, also bin ich. Über die neue Moral der Sensibilität

Kant war gestern. Heute zählen nonkognitive Ansätze, die sich u.a. auf das Gefühl berufen. Das gefühlte Ich wird zur Quelle und zum Ziel aller menschlichen Bestrebungen. Es findet eine Wende in der Ethik statt, in der Bedürfnisse, Emotionen und Sensibilität im Zentrum stehen.

Foto: Pixelrohkost / fotolia.com

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Wie aus Vernunft Gefühl wurde

Ich Anfang war Kant, so kann man einen Satz über die Ethik der Moderne beginnen. Nicht mehr Gottes Gebote, sondern die autonome, selbstgesetzgebene Vernunft allein, soll immer erst anhand der allgemeingültigen Maxime finden, was richtig oder falsch ist. Naturrecht und inhaltliche Gebote wurden durch die autonome Vernunft ersetzt. Doch Kants Ethik hat das Problem der Motivation. Vernunft allein reizt nicht. Will sie ja auch nicht, sie will letztlich einfach um ihrer selbst, der allgemeinen Einsichtigkeit gelten: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ So eine Formel des kategorischen Imperativs. Doch das allein reicht dem Menschen nicht aus. Das animal rationale ist eben auch ein animal emotionale, ein fühlendes, sich als Subjekt mit Eigenheiten und Empfindlichkeiten wahrnehmendes Wesen. Das, was den konkreten Menschen meist antreibt ist nicht die Vernunft, sondern das Gefühl oder alles dasjenige, was ihn individuell macht.

Weil das konkrete Gefühl entscheidend für die Subjektivität des Menschen ist, hat es besonders bei Menschen, die an Phänomenen, Erscheinungen und konkreten Gegebenheiten interessiert sind, eine hohe Relevanz. Gefühle haben eben den Vorteil, dass sie motivieren können. Davon lebt nicht umsonst die ganze Herz-Schmerz Industrie in Hollywood und Bollywood. Weder Soaps, noch Telenovelas oder andere Liebesdramen hätten Erfolg, wenn das Gefühl nicht die treibende Motivation wäre, einzuschalten und dabeizubleiben. Das Gefühl ermöglicht das Martyrium um seiner eigenen Individualität willen. Wer will sein Leben schon für Kants „Kritik der reinen Vernunft“ aufs Spiel setzen? Liebeskummer rührt zu Tränen, ein gebrochenes Herz wegen der Lektüre von Kants Werken ist nicht bekannt.

Ich fühle, also bin ich

Der Weg zur Subjektivität, allerdings zur allgemeingültigen Subjektivität, ist durch Kant begonnen wurden. Was nun geschieht, ist der Weg hin zur individuellen Subjektivität. Die neue Ethik ist in gewisser Weise nicht mehr allgemeingültig, nicht an Vernunft im Sinne Kants orientiert, sondern an individuellen Bedürfnissen und an Gefühlen, die den Kern der Identität ausmachen sollen. Damit ist ein neues Zeitalter herangebrochen, das der Philosoph Charles Taylor „Age of Authenticity“ nennt. In diesem Zeitalter geht es darum, dasjenige, was einen zutiefst ausmacht, man innerlich herbeisehnt, auch umzusetzen, da es das Gute sei. Es ist ein recht moderner oder amerikanischer, da individualistischer Ansatz. Als Leitspruch kann Walt Disneys Satz gelten: „If you can dream it, you can do it.“ So lassen sich auch die heutigen Phänomene wie Gender und die Anerkennung für neue Lebensmodelle und Identitäten erklären. Es geht nicht um vorgegebene biologische oder kulturelle Elemente, sondern um das, was aus den wahrgenommenen „Gefühlen des Selbst“ als tiefste Identität hervorsteigt. Das kann grundsätzlich alles sein. Kritik daran wird deshalb so hart und mit Phobie-Vorwürfen aller Couleur betitelt, weil diese als Eingriffe in die Individualität und damit in die Menschenwürde des anderen gelten, die man nicht antasten darf.

Problem der Gefühlsethik

Traditionelle Ethik, vor allem die christliche, geht nicht von persönlichen Empfindungen aus, sondern behauptet, dass es eine feststehende Ordnung des Seins und Sollens gebe, die mittels Vernunft und Offenbarung erkannt werden kann. Diese gelte es als Gottes Ordnung anzuerkennen. Leiden an dieser Ordnung werden mit der erbsündigen Natur des Menschen erklärt. Sie hat unter anderem deshalb ihre Einsichtigkeit und Anhängerschaft verloren, weil es Zweifel gibt, ob so eine Ordnung überhaupt besteht sowie erkannt werden kann und vor allem und dies ist für die Praxis das Entscheidende: weil eine vorgegebene Ordnung dem konkreten Leben des Menschen nicht immer gerecht wird. Der heutige Mensch will sich nicht einer Ordnung unterwerfen, sondern erst finden, was richtig für ihn sei. Der Vorteil der traditionellen Ethik liegt auf der Hand: Es gibt klare, inhaltliche und objektive Maßstäbe. Das Recht und das Sollen sind allgemeingültig. Das gibt Sicherheit und Stabilität. Wenn Ethik auf Gefühlen basiert, ist sie nicht kognitiv endscheitbar und erkennbar. So genannter ethischer Nonkognitivismus kann zwar die Wahrnehmung des eigenen Gefühls, aber keine Wahrheit über allgemeingültige Inhalte treffen. Im Grunde genommen ist dann alles möglich, da grundsätzlich alles gefühlt werden kann. Was dann bleibt ist nicht Vernunft, sondern Bedürfnis, Emotion, Sensibilität.

Wie sich der Wandel der Ethik heute äußert

Wie sehr der Wandel hin zu Gefühl und Bedürfnis heute entscheidend ist, erleben wir in der ganzen Werbeindustrie. Selbstverwirklichung gilt als höchstes Gut; um sich selbst verwirklichen zu können, wird in sich hineingefühlt und von außen werden durch die Werbeindustrie Bedürfnisse geweckt. Was erlöst ist nicht mehr das Heilshandeln eines äußeren Gottes, sondern die Realisierung des Selbstgefühls. So lässt sich auch die starke Sexualfokussierung und -kommerzialisierung der heutigen Zeit erklären: Eins der stärksten menschlichen Bedürfnisse wird nicht um ein biologisches Ziels willen, d.h. Fortpflanzung, sondern um die damit verbundenen Lustgefühle betrieben.

Beim Beispiel Gender liegt es, wie bereits deutlich gemacht wurde, auf der Hand, dass Biologie kein Wertmaßstab sein kann, sofern man nur innere Quellen des Gefühls, der Selbstwahrnehmung oder Selbstidentität gelten lässt. Wer man letztlich – auch geschlechtlich – ist, bestimmt man selbst durch sein Gefühl. Die heutige Medizin und Beautyindustrie verhilft zu den nötigen phänotypischen Veränderungen, falls diese gewünscht werden.

Gibt es bei all dem noch allgemeingültige, das Selbst überschreitende Maßstäbe? Kann man außer in der Selbsterlösung noch Befreiung finden? Das scheint nicht möglich. Das Ziel scheint nur das Selbst zu sein. Das Ich wird nicht mehr wie bei Martin Buber durch das Du zum Ich, sondern durch Selbstreferenzialität zum selbstverwirklichten Ich. Das selbstverwirklichte Ich ist die Religion der Gegenwart.

Josef Jung

2 Gedanken zu “Ich fühle, also bin ich. Über die neue Moral der Sensibilität

  1. Bei allem Respekt für diese wunderbare Webseite – von der Genderproblematik wissen Sie, Herr Jung, offenbar nur das, was die Medien verbreiten. Sie beziehen sich hier offensichtlich auf das Phämonem der Transsexualität. Wenn Sie den aktuellen Artikel von Wikipedia dazu lesen, werden Sie verstehen, dass es sich bei TS keineswegs um eine Zeiterscheinung handelt. Kann ein Kind von 5 Jahren (mitunter schon mit 3 Jahren) an Selbstverwirklichung (durch Geschlechtsangleichung) denken? Mitnichten! Und an einer Beeinflussung durch die Eltern kann es auch nicht liegen, da die weitaus meisten schockiert sind, wenn sich ihr Kind als trangender herausstellt. (Den Begriff transsexuell lehne nicht nur ich sondern auch kompetente Wissenschaftler ab, da er suggeriert, es handele sich um ein Problem der Sexualität statt der Identität.)
    Schade, dass sich besonders das Christentum so schwer damit tut, Dinge wie Homosexualität und Transgender als biologische Varianten zu akzeptieren.

    Übrigens: Nach meinem Informationsstand gibt es 426 höhere Tierarten, bei denen Homosexualität vorkommt. Das nur mal abseits vom Thema. 😉

  2. Pingback: Eine säkulare Gesellschaft: Lebenswelten in einer postreligiösen Zeit | hinsehen.net

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