Der Stau als Symbol der Ruhe

Bilder oder Zeichen für Ruhe und Stille lassen sich wohl aus zwei unterschiedlichen Ursprüngen herleiten. Der eine Grund ist die zeitlose Vergessenheit, wie z. B. ein spiegelglatter See im Nebel. Hier ruht alles, die Stille absorbiert jede Bewegung und Zeit wird nicht als ein Fortschreiten erlebt, sondern als ein melancholisches Vertiefen in den Augenblick. Ganz im Gegensatz dazu ist ein Stau auf der Autobahn ein Gegenbild und kann nur als eine zum Stoppen gekommene Bewegung wahrgenommen werden. Ein solcher Stau enthält trotz stehender Autos den Stachel des Fortkommens. Eine dahinfließende Autokolonne kann daher ruhiger wirken, denn hier sind Fortbewegungsimpuls und tatsächliches Vorankommen in Harmonie gebracht.

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Und es könnte ein wichtiger Hinweis auf die Befindlichkeit des modernen Menschen sein, welche Bilder der Ruhe vorherrschend sind oder eher wahrgenommen werden. Im Alltag, zumindest der Stadtbewohner, sind Warteschlangen, Staus, nicht ankommende Züge, auf den Abflug wartende Passagiere, auf ihr Smartphone oder den Bildschirm guckende Menschen, die die nächste Nachricht oder Information endlich sehen wollen, die vorherrschenden Bilder einer Nichtbewegung oder eben Ruhe. Die Idee Bewegung beherrscht das Denken des modernen Menschen. Ängstlich oder freudig wird auf die Entwicklung der Börsen geschaut, Geschäftszahlen sollen nicht stagnieren, sondern nach oben gehen, das Zinsgeschehen wird unruhig verfolgt, die Fahrt von A nach B wird geplant oder dem Navigationsgerät überlassen, Bauvorhaben werden zu Skandalen, wenn die Bauvorschritte sich verzögern. Ein Standbild provoziert, die Bilder sollen laufen.

Ruhe als Erinnerung

Kommt es zu einem Wartenmüssen, weil sich zu viele in die gleiche Richtung aufgemacht oder dasselbe Vorhaben gleichzeitig begonnen haben, dann kann Stress entstehen. Man ärgert sich darüber, dass man zu spät oder zu früh losgefahren ist, regt sich über die anderen auf, weil sich da vielleicht so ein Rentner, der eigentlich genug Zeit hätte, ausgerechnet dann auf den Weg macht, wenn die Berufstätigen noch schnell ihre Einkäufe erledigen müssen. Wird das Warten dann nicht nur zu einem vorübergehenden Stopp, sondern zu einem nicht absehbaren Halt, der die noch zu erledigenden Aufgaben oder Pläne torpediert, kann es durchaus zu existenziellen Fragen kommen, wie: Soll ich da überhaupt noch hin? Warum will ich da eigentlich hin? Habe ich nicht viel zu wenig Zeit? Müsste ich mein Leben nicht anders organisieren? Wie hatte ich mir mein Leben einmal vorgestellt? Erinnerungen über einst gestellte Lebensfragen oder gefasste Lebensziele drängen sich ins Bewusstsein.

Hinten und nicht vorne

Das Erleben im Stau zeichnet sich dadurch aus, dass man nicht vorne ist, sondern irgendwo mitten drin und nicht weiß, wie viele vor einem sind, eine gewisse Schadenfreude schleicht sich ein über die, die noch weiter hinten im Stau oder der Schlange stehen. Das Ziel ist klar, darüber braucht man sich keine Gedanken zu machen. Fakt ist allerdings, man kommt nicht hin. Was vorne los ist, das weiß man nicht und ist ungewiss. Man stellt sich im Supermarkt an die kürzere Schlange und dann muss die Papierrolle der Kasse neu eingesetzt werden oder jemand bezahlt umständlich mit Geldstücken. Steht man im Stau, fragt man sich vielleicht, warum man nicht eine Ausfahrt vorher abgefahren ist. Der Blick richtet sich nicht nach vorn, sondern auf die Schritte, die man gemacht und vielleicht hätte anders machen können. Und manchmal wird es auch ganz grundsätzlich: Hätte ich besser zuhause bleiben sollen?

Paradoxie Fortschritt

Der Stau als Symbol der Ruhe, und er ist nicht ein Zeichen für Stillstand, denn der Stau ist eine Unterbrechung der Bewegung, verweist auf eine Paradoxie der Moderne. Scheinbar ist alles auf Fortschritt ausgerichtet, alles soll moderner werden, das Weitermachen wird mit Zukunft gleichgesetzt und im Stau zeigt sich, wir wissen gar nichts über das, was kommt. Wir beginnen, über die bisherigen Wege nachzudenken und müssen erkennen, der Blick nach vorn zum Ziel bringt mich nicht weiter. Der Fortschritt im Stau findet nicht im tatsächlichen Vorankommen statt, sondern in einem Neuorganisieren, im Weglassen eines Termins, im Aufgeben eines bestimmten Ziels oder auch in der Rückkehr zum Start. Der Fortschritt im Stau ändert die Richtung nach hinten. Und vielleicht ist diese Paradoxie, die sich in einer solchen Stauerfahrung zeigt, symptomatisch für die Moderne oder eine hilfreiche Korrektur, den Blick nicht immer nur nach vorn zu richten.

Thomas Holtbernd

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