Der Nicht-Wert der Arbeit oder das Gespür für das Außergewöhnliche

Arbeit, Alltäglichkeit, ständig on, keine festen Arbeitszeiten mehr, der Alltag ist zum bestimmenden Deutungspunkt des Lebens geworden. Die Jugend sucht das Extreme und verwechselt dies mit dem Außergewöhnlichen. Die Alten geben sich jugendlich und wollen den Alltag vergessen, um der Gewissheit des Älterwerdens zu entkommen. Ob jung oder alt, beiden fehlt es, den Alltag als Alltag zuzulassen und eben dadurch das Gespür für das Außergewöhnliche zu entwickeln.

Foto: Josef Jung

Foto: Josef Jung

Das Außergewöhnliche resultiert nicht aus einer Leistung oder einer besonders aufwändigen Arbeit. Es gibt außergewöhnliche Leistungen, doch ohne ein Gespür für das Nichtalltägliche wäre es nur eine Leistungssteigerung. Was als das Besondere angestrebt wird, steht unter dem Druck der Selbstoptimierung, der Verbesserung dessen, was schon da ist. Letztendlich ist eine solche Selbstoptimierung nur die Manifestation des Durchschnittlichen in besonders ausgefeilter Form. Eine außergewöhnliche Schönheit ist anders als die Vorstellung, die z. B. Patient und Schönheitschirurg entwickeln. Es ist nicht das Ideal oder die gerade herrschende Mode. Eine außergewöhnliche Schönheit fällt dadurch auf, dass sie nicht der gängigen Vorstellung entspricht.

Auszeit als erster Schritt

Um das Gespür für das Außergewöhnliche zu entwickeln, bedarf es einer Auszeit, einer Zeit, die die Möglichkeit zur Distanz bietet, ein Aussteigen aus dem Zug der Zeit. Zwar kann niemand die Zeit anhalten oder die Uhren zurückstellen, doch gibt es Zeiterfahrungen, die wie Zeitaussetzer wirken. Solche Zeiten sind Feste, der Sabbat, der Sonntag oder auch einfach nur ein geplanter oder ungeplanter freier Tag, der selber nicht verplant ist. Ein Tag, an dem die Arbeit ruht und zum Nicht-Wert wird. Priorität, ohne den Rang bewusst so zu setzen, hat einen Wert, der nicht zu etwas führt, sondern als solcher Geltung hat. An einem solchen Fest oder Tag kann sich der Blick für das Außergewöhnliche öffnen, weil nichts als Besonderes gilt.

Das nicht Planbare

Im Alltag ist das Wahrnehmen auf das Normale, das Wiederkehrende gerichtet. Durch Arbeit werden Dinge produziert, Aufgaben erledigt und damit die Planbarkeit in den Blick genommen. Soll der Alltag gelingen, muss er geplant werden, Termine müssen vereinbart und gehalten werden. Die Hineinnahme des Außergewöhnlichen würde den geplanten Ablauf stören und den Alltag erschweren. Ruhe- oder Erholungsphasen dienen der Wiederherstellung der Schaffenskraft und sind in den Alltag eingebunden. Außergewöhnliche Erfahrungen hingegen können nicht terminiert werden. Daher sind sie im System des Alltäglichen Störungen, die möglichst vermieden werden müssen. Erst wenn ein freier Tag vom alltäglichen Ablauf abgetrennt wird, kann das Außergewöhnliche erlebt werden. Denn diese freien Tage unterliegen nicht der Planung, sind arbeitsfreie Tage auch in dem Sinn, dass sie nicht als Wiederherstellung der Arbeitskraft bestimmt werden und die Arbeit keinen Wert hat. In dieser freien Zeit kann sich das Gefühl für das Außergewöhnliche entwickeln.

Das Ich ist außergewöhnlich

Viele Menschen haben für sich das Gefühl, erst im Urlaub, wenn die Arbeit weit entfernt ist, zu sich selbst kommen zu können. Im Alltag macht sich das Gefühl breit, ein Rädchen im System zu sein, als Arbeitskraft zu funktionieren und sich selbst, seine Ziele, seine Träume der Arbeit zu unterstellen. Gibt es keine Unterbrechung, so verlernt das Ich die Fähigkeit der Unterscheidung zwischen sich und der Welt. Alles wird zu einem automatisierten Ineinanderspielen. Die Erfahrung freier Tage hingegen versetzt das Ich zumindest in die Illusion, dass die Umwelt ganz anders mit dem Ich verbunden sein könnte. Dass etwas anders sein kann als alltäglich, versetzt das Ich in einen Möglichkeitsraum, in dem sich eine Ahnung vom Außergewöhnlichen entwickeln kann. Wo aber nur Arbeit ist, da kann der Mensch als etwas Besonderes nicht mehr sein.

Thomas Holtbernd

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s