Zwischen Gott und Mammon

Geht das zusammen: auf den Spuren des armen Wanderpredigers Jesus von Nazareth wandeln und zugleich multinationale Konzernen auf Gewinnmaximierung trimmen? Hat Jesus nicht gesagt: Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon?
Version 2

Wem gehören die Young Professionals?

Fünf junge Menschen plantschen nachts in einem kleinen Stausee im fränkischen Rothenburg ob der Tauber. Der Schlamm und die Schnecken mindern nicht den Spaß der Gruppe in Shorts und Bikinis. Ganz normale junge Leute nach einer ausgelassenen Feier, könnte der Betrachter meinen. Doch die fünf sind nicht in das Evangelische Tagungshaus gekommen, um Wein zu trinken und zu schwimmen. Sie denken auf Einladung des Vereins „Christen in der Wirtschaft“ (CiW) gemeinsam darüber nach, was es bedeutet, als zukünftige Entscheider den Glauben im Beruf zu leben.

In kurzen Hosen Karriere planen

Geht das zusammen: auf den Spuren des armen Wanderpredigers Jesus von Nazareth wandeln und zugleich multinationale Konzernen auf Gewinnmaximierung trimmen? Hat Jesus nicht gesagt: Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon?

In diesem Konflikt stehen die eingeladenen Young Professionals. Die Teilnehmer sind überwiegend zwischen 20 und 35 und fast alle BWLer, lediglich einige Naturwissenschaftler lockern das Bild auf. Viele von ihnen haben ihre Karriere schon begonnen, einige sind in der Unternehmensberatung tätig. Andere dagegen planen noch den Sprung auf dem Weg nach oben und studieren dafür nicht nur in Deutschland, sondern auch in den USA. Doch sie sehen nicht so aus wie eine geschniegelte Banker-Elite: Kurze Hosen, T-Shirts und Sommerkleider dominieren das Bild. Für einen Außenstehenden treffen sich hier junge Leute, um gemeinsam zu quatschen und Spaß zu haben.

Die Themen aber sind oft ernst. Da geht es fast nie um die neuesten Pop-Groups oder Alltagsklatsch. Sie sprechen über ihre Jobs, über ihre Aufs und Abs und über ihre Karrierewünsche. Das ist gewollt. Denn die Tagung soll auch der Vernetzung dienen. Aber nicht nur, um schneller aufzusteigen, sondern auch, um den Glauben pflegen zu können.

Christen in der Wirtschaft: Christen helfen Christen

Der Verein gläubiger Kaufleute und Fabrikanten, so hieß der CiW früher, entstand im 20. Jahrhundert, weil der Glaube schon damals in der Geschäftswelt kaum eine Rolle spielte. Die christlichen Kaufleute drohten unter die Räder zu kommen, wenn sie nicht genauso skrupellos waren wie ihre Konkurrenten. Also schlossen sich einige Geschäftsleute zusammen, um sich gemeinsam zu unterstützen. Wenn Christen Christen helfen, so der Gedanke, sinkt der Druck auf den Einzelnen und der Konflikt wird gemindert. Aber nicht nur geschäftlich wollten sich die Mitglieder stärken. Auch in der Auseinandersetzung mit ihrem Glauben. Wie soll sich ihr persönliches Christentum ausprägen in einem System, das einem funktionalistischen Markt huldigt?

Das Mitteilungsblatt des Vereins definierte dazu 1910: Der Christ „darf nicht das Geschäft zum Inhalt seines Lebens machen. Es bleibt dabei: „Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit.“ Dieses Wort gilt dem christlichen Kaufmann und gibt seiner Tätigkeit die rechte Basis. Es darf nicht dahin kommen, dass uns das Geschäft hat, sondern wir müssen das Geschäft haben.“ Das Geld darf für den Gläubigen nicht zum Götzen werden. Doch ist diese artistische Leistung überhaupt möglich?
Wer sich mit den Young Professionals unterhält, der merkt: Sie sind für ihr Fach, für ihr Business entflammt. Sie sind stolz, es so weit gebracht zu haben, sie hängen an ihrem Erfolg und verfolgen ihre Arbeit mit Leidenschaft.

Sind Christen zerrissen?

Zwar sehen sie den Konflikt, indem sie sich zwischen Bergpredigt und Business-Rules befinden. Aber es ist für sie keine Verstrickung, wie für viele Wirtschaftsethiker. Ihr Glaube ist ihnen wichtig, sonst wären die jungen Menschen nicht hier, die aus der ganzen Bundesrepublik und sogar aus dem Ausland anreisen. Aber sie haben auch kein negatives Bild von den Instrumenten und Bewertungsmaßstäben, mit denen sie in ihren Berufen arbeiten. Beides steht nebeneinander, beides hat seine Berechtigung. Sie wollen nicht ihr Christentum für den beruflichen Erfolg zu Seite drängen, aber sie wollen auch nicht ihre beruflichen Ziele total von ihrem Glauben überformen lassen. Sie wollen Gott gehören, aber die Möglichkeiten Mammons nutzen.

Mit diesem Verhalten reagieren sie auf eine moderne Gesellschaft, in der Religion nur noch ein Aspekt unter vielen ist. Diese Differenzierung ist typisch für die Gegenwart. In den vergangenen Jahrhunderten hat das Christentum die Möglichkeit verloren, die Welt umfassend und allgemeingültig zu deuten. So haben sich Wirtschaft und ihre Akteure von den Ansprüchen der Religion gelöst. Die Menschen werden damit in verschiedene Rollen gedrängt, als Christ, als Unternehmer und so weiter. Ein leitender Angestellter kann sich gegenüber seinen Vorgesetzten nicht mehr auf sein Christentum berufen, etwa wenn es um die Entlassung von Mitarbeitern geht. Er kann auch Christ sein, das ist ihm unbenommen. Aber es gelten die Regeln des Unternehmens, nicht die Grundsätze der Bibel.

Doch die Konfessionen lassen nicht von ihrem universellen Geltungsanspruch und deuten die Lage ihrer Mitglieder daher als Zerrissenheit zwischen Markt und Messe. Für viele Menschen stellt es sich aber gar nicht so sehr als Zerrissenheit dar, sondern einfach nur als verschieden Anforderungen, die man in unterschiedlichen Kontexten erfüllt und die nebeneinander stehen.

Exceltabellen treffen Bergpredigt

Der CiW will sich mit dieser Beschränkung der Religion auf die Gemeinden und den Sonntag nicht abfinden. Die Überlegungen der Referenten kreisen daher um die Frage, wie man die Doppelbeziehung als Christ und Berufstätiger leben kann. Dabei ist die Richtung der Vermittlung klar. Nicht die Normen der Wirtschaft sollen in die Gemeinden hineingetragen werden, sondern der Glaube soll sich möglichst gut im wirtschaftlichen Leben verwirklichen lassen.

Das ist nicht einfach, wie die Referenten bestätigen. Es kostet häufig viel Mühe, sich christlich zu verhalten, erklärt ein ehemalige Manager von Kellogg. Auch er musste Mitarbeiter feuern, habe dazu keine andere Wahl gehabt. Doch er sei immer bemüht gewesen, ihnen dann zu helfen oder es ihnen wenigstens persönlich zu sagen. Das sei mühevoll, aber gehöre zu seinem Verständnis eines christlichen Unternehmers dazu.

Doch leicht sind solche Ideen nicht umzusetzen. Denn in der Wirtschaft ist es vor allem wichtig, dass die Zahlen stimmen, wie ein Teilnehmer sagte. Überhaupt sind Zahlen für die jungen BWLer der praktischere Wertmaßstab als die biblischen Lehren. Er verstehe die komplexe Wirklichkeit in einem Unternehmen von den Zahlen her und handle dann entsprechend, so ein junger Unternehmensberater.

Jesus in die Unternehmen tragen

Zum „obersten Chef“ eine Beziehung zu haben, sei aber nicht nur eine Belastung, sagte er. Denn wenn nicht alles von ihm abhänge, dann sei das auch entlastend. Probleme und Nöte könne er Gott im Gebet vorlegen. Das sei auch ein Vorteil, es erlaube Selbstkritik und Selbstbeschränkung.

Gerade die Mitarbeiterführung werde durch die Beziehung zu Gott beeinflusst, bestätigt ein anderer Referent. Als Personalberater lässt er sich von den Grundsätzen der christlichen Ethik leiten und setzt den üblichen Maßstäben der Wirtschaft andere Werte entgegen. Anstatt Mitarbeiter zu manipulieren, plädiert er dafür, mit ihnen ehrlich umzugehen und sie so in eine gemeinsame Verantwortung mit dem Team und dem Unternehmen zu integrieren.

Doch hilft all das in einer Welt, in der Zahlen regieren und in der auch die Young Professionals in Zahlen denken? Am besten, die Wirkung des Glaubens ließe sich in einer Excel-Tabelle darstellen. Die Referenten warben für diese Idee, indem sie von den positiven Effekten erzählen, die Gott auf ihren Business-Weg hatte. Auch wenn dieser Weg manchmal schwierig und krumm war. Denn Gottes Plan ist eine Rechnung mit vielen Unbekannten.

Der Glaube ist eine Wirklichkeit dessen, was man hofft

Lassen sich die Young Professionals darauf ein, Unbekanntes in ihre Tabellen zu integrieren? Oder plantschen des Nachts doch ganz normale junge BWLer, die Spaß am Erfolg haben und für die wichtig ist, was in der Welt „unterm Strich“ rauskommt? Im Anschluss wickeln sie sich Badetücher um die Taillen und gehen zum Hotel zurück. Weiter feiern wollen sie nicht mehr, denn in der Frühe ist Sonntag und damit Gottesdienst. Dann werden sie singen, wie sie ihre Hoffnung auf Gott setzen. Fängt damit Christsein an, kann man fragen in einer Welt, für die am Anfang die Tat war, wie Goethe im Faust schreibt? Für diese zukünftige Wirtschaftselite gilt das Wort der Heiligen Schrift: „Der Glaube aber ist eine Wirklichkeit dessen, was man hofft, ein Überführtsein von Dingen, die man nicht sieht.“

Zur Seite des Vereins Christen in der Wirtschaft hier.

Maximilian Röll

Foto: Chris Friedemann Dickhaus
www.kingdomphotography.ch

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