Deutschland schafft sich neu

Es ist viel Emotionales gesagt worden über den Umgang mit der Flüchtlingskrise. Neben den gegenseitigen ideologischen Beschimpfungen muss jedoch auch Raum sein für eine vernünftige und ehrliche Auseinandersetzung. Wie wird sich Deutschland verändern? Welche Chancen, Risiken und Umbrüche wird es geben?

Foto: dpa / picture-alliance

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Mehr Vernunft wagen, anstatt Gesinnungskultur pflegen

Der ehemalige Bezirksbürgermeister von Neukölln, Heinz Buschkowsky, kennt sich aus mit gelungener und gescheiterter Integration. Anstatt gut gemeinter Wünsche hat er jahrzehntelange Praxiserfahrung vorzuweisen. Dies mag auch ein Grund sein, warum er nicht einfach emotionale Wünsche oder Ängste propagiert, sondern sachlich bleibt. Im Phoenix Interview mit Alfred Schier (hier) hat er nüchtern gesagt, wie er die Situation einschätzt. „Vermintes Gelände“ nennt er die Diskussion um Flüchtlinge. Buschkowsky sieht eine massive Herausforderung für die Gesellschaft und viele, die meinen es bliebe bei 800.000 Flüchtlingen würden eine Überraschung erleben. Gefragt über Chancen und Risiken  antwortet  Buschkowsky, dass wir zwar Zuwanderung bräuchten, jedoch nur solche, die in die Leistungsgesellschaft passt. Als Vorbild für Integration nennt er Schweden.

Aber geht es nicht genau darum bei Flucht nicht? Geht es in der Flüchtlingskrise nicht darum, Menschenaufzunehmen, die an Leib und Leben bedroht werden und ihr überleben zu sichern ohne Kosten-Nutzen Abwägung? Die generelle Stimmung im Land beschreibt Buschkowky als „ach lassen Sie mich doch zufrieden, ich mag’s nicht mehr hören.“ Die Gesamtzahl an Flüchtlingen beziffert Buschkowsky auf 3-5 Millionen. Es gehe dabei um langfristige Integration, denn:

„die, die da sind, werden nicht wieder nach Hause gehen. Und wir müssen sehen, wie wir das geregelt kriegen, dass diese Teile der Gesellschaft werden, die diese Gesellschaft auch voranbringt.“ – Buschkowsky

Langfristig reden wir nach Buschkowsky also über einen gesellschaftlichen Wandel.

„Kneipgeschichten“ über die Flüchtlingskrise

Im Standpunkt auf katholisch.de nennt Ludwig Ring-Eifel „Prognosen aus den sozialen Netzwerken und aus Kneipgeschichten“:

„Wir werden weniger über vegane Ernährung oder Gender-Mainstreaming diskutieren und wieder mehr über Cholera, Tuberkulose und Diphterie sprechen. Der Satz „Eine voll verschleierte Frau finde ich unerträglich“ wird aus dem Sprachgebrauch verschwinden. Zugleich wird sich die Zahl der arabischsprachigen Moscheegemeinden verzehnfachen.“ – Ludwig Ring-Eifel

Demnach wären gesellschaftspolitische Gruppen wie Grüne und Feministinnen die größten Verlierer der veränderten Gesellschaft und der Islam wird an gesellschaftlicher Bedeutung zunehmen.

Ring-Eifel schreibt in diesem Zusammenhang auch von einer Zunahme der Gewalt. Joachim Valentin sieht in seinem Standpunkt darin Angstmache: „Angst war noch nie ein guter Ratgeber, erst recht nicht in Zeiten, in denen es gilt, Kräfte zu bündeln und die Ärmel aufzukrempeln.“ Ring-Eifel rechtfertigt sich wiederrum in einem neuen Standpunkt mit der Bemerkung, dass er „besorgte Äußerungen anderer zitiert habe, die sie auf Facebook, Twitter oder am Tresen in der Kneipe gemacht haben.“

Was man aus dieser Auseinandersetzung herauslesen kann, ist die tiefe Verunsicherung, die aus der Krise wächst. Es scheint auch einen Unterschied zu geben zwischen der gesellschaftlichen und der journalistischen Sichtweise.

Chancen und Risiken: Wie sich Deutschland verändern wird

Volker Zastrow schreibt im FAZ-Artikel „Deutschland schafft sich ab“, es sei typisch für offene Gesellschaften, sich quasi ständig abzuschaffen. Dies sei jedoch weder moralisch noch unmoralisch zu verstehen, sondern ein normaler Prozess in solchen Gesellschaften. Dabei gebe es auch Verluste. Es sei dumm oder boshaft, dies einseitig zu sehen, als gehe dadurch nur Schlechtes verloren. Ähnlich verhalte es sich mit der Annahme, diese Bewegung könne rückgängig gemacht werden,

„Die Bewegung einer offenen Gesellschaft gleicht dem Wachstum der Weinpflanze: Im Zeitraffer tasten die Ranken wie suchend hin und her. So ähnlich tastet der Fortschritt. Versuch und Irrtum, Versuch und Erfolg. Aber es geht nicht zurück.“ – Volker Zastrow

„Aber es geht nicht zurück.“ – Das ist wohl die Realität, der man sich stellen muss. In diesem Sinne fordert Zastrow einen „konstruktiven Umgang“. Und genau diesen braucht es. Anstatt sich gegenseitig zu beleidigen oder Wunschvorstellungen zu kultivieren hilft letztlich nur die konstruktive Auseinandersetzung mit der Realität und die konkrete Unterstützung. Es wäre dabei schon viel gewonnen, wenn Andersdenkende nicht stigmatisiert würden, sondern man sich um gegenseitiges Verstehen bemüht. Deutschland schafft sich neu, seien wir konstruktiv dabei.

Josef Jung

Foto: Markus Mainka / Fotolia.com

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