Pack! oder Anpacken

Sigmar Gabriel hat mal wieder kernig seine Meinung in die Runde geworfen, Pack nennt er die Demonstrierer gegen Flüchtlinge. Die Kanzlerin schweigt dagegen und besucht irgendwann Heidenau. Auf der einen Seiten hetzen die Rechten, auf der anderen Seite schimpfen sich die rechten Glaubens ins gute Gewissen, wir sind gegen die Hetze und das dürfen wir auch mit markigen Worten tun. Niemand, der sich seines Verstandes bedient, kann mit der einen oder anderen Vorgehensweise zufrieden sein. Gegen extreme oder offensichtlich dumme Meinungen Kritik und dies auch überzogen zu äußern, ist scheinbar nicht mehr kritisierbar. Hingegen wird schon fast geächtet, wer sich der political correctness nicht unterwirft. Der öffentliche Diskurs scheint in eine arge Schieflage geraten zu sein.

NPD-Anhänger (l) demonstriert am 29.08.2015 in Eisenach  Foto:  dpa / picture-alliance

NPD-Anhänger demonstrieren am 29.08.2015 in Eisenach Foto: dpa / picture-alliance

Verurteilungen und Menschenwürde

Eine Gesellschaft, die sich als modern und fortschrittlich geben will, müsste auch den Mut haben, über ihre Mitglieder Werturteile abgeben zu wollen. Diese Urteile müssten eindeutig als Bewertung von Handlungen oder Verhaltensweisen und auch Einstellungen erkennbar sein. Die Würde einer Person wäre von einem solchen Urteil nicht betroffen. Der Mut, einem anderen Menschen die Wahrheit ins Gesicht zu sagen, beruht nicht nur darauf, dass jemand ein großes Selbstbewusstsein entwickelt hat, sondern auch darauf, dass man sich seiner eigenen Entwicklung und dem Stand seiner Reife bewusst ist. Dies bedeutet wiederum, dass man die größere Reife eines anderen Menschen ebenso akzeptieren und seine Bewertungen annehmen muss.

Meinung versus Standpunkt

Menschen, die sich darauf einlassen, dass die eigene Meinung nur zum Teil das Ergebnis einer geistigen Auseinandersetzung, sondern deutlich geprägt von der eigenen Persönlichkeitsentwicklung ist, werden in ihren Urteilen weniger voreilig sein. Sie sind gezwungen, einen Standpunkt zu entwickeln, der die Meinung als eine Stufe der Reifung bestimmt. Somit ist diese Meinung immer nur vorläufig. Auf der anderen Seite sind die bisherigen Entwicklungsschritte bewusst. Die Äußerung eines anderen kann mit diesem Wissen eingeordnet werden. Die logische Richtigkeit, die wissenschaftliche Absicherung o. ä. haben eine eingeschränkte Überzeugungskraft. Von daher kann es durchaus sein, dass jemand seinen Standpunkt nur mühsam oder argumentativ schwach vorbringen kann und dennoch spürbar ist, dass die genannte Überzeugung gereift ist. Einen Standpunkt zu vertreten, bedeutet, sich in Beziehung zu stellen und damit eine klare Aussage über die Unreife des anderen als auch gleichzeitig die eigene Reife für den anderen erfahrbar zu machen. Das Wagnis besteht bei einer Meinung lediglich darin, dass man sich geirrt haben könnte. Beim Vertreten eines Standpunkts geht man eine Verantwortung ein, man positioniert sich mit seiner gereiften Persönlichkeit und dem daraus abzuleitenden Vermögen. Und wer die größere Reife hat, der muss gleichzeitig zeigen, dass er auch in der Lage wäre, den anderen angemessen bei seinem nächsten Reifungsschritt zu unterstützen.

Teilnehmer einer Demonstration stehen am 29.08.2015 mit einem Schild mit der Aufschrift "Refugees welcome" in der Dresdner Innenstadt. Das Bündnis "Dresden nazifrei" hatte für Samstag zu einer Großdemonstration für die Solidarität mit Flüchtlingen und gegen Fremdenhass aufgerufen. Foto: dpa/picture-alliance

Das Bündnis „Dresden nazifrei“ hatte für Samstag zu einer Großdemonstration für die Solidarität mit Flüchtlingen und gegen Fremdenhass aufgerufen. Foto: dpa / picture-alliance

Die Kunst des Anpackens

Pragmatiker könnten zu dem nachvollziehbaren Schluss kommen, dass bei Entgleisungen wie der Flüchtlingshetze gehandelt und mit allen rechtsstaatlichen Mitteln diesen Menschen Einhalt geboten werden müsse. Bei den momentan zu hörenden Äußerungen scheinen die Reaktionen allerdings eher eine Hilflosigkeit oder ein peinliches Berührtsein über diese Phänomene zu sein. Und genau solche Reaktionen führen zu weiteren trotzigen Erwiderungen. Das lässt sich mit Pubertierenden vergleichen, die die wunden Stellen bei ihren Eltern sehr genau kennen und die Schwächen ihrer Erziehungsberechtigten auskosten. Hier hilft weder eine falsche Toleranz noch eine große Härte. Das hartnäckige Beziehungsangebot und ein immer wieder gestärktes, innerlich spürbares Fürsorgegefühl können dem Anderen erlebbar machen, dass die Situation für beide Seiten eine Herausforderung ist. Nur wenn die Standpunkte klar sind, können die einen demütig erkennen, dass das Gegenüber reifer ist. Und für den Reiferen ist es die Erkenntnis, dass Reife nichts Abgeschlossenes ist und die Bewertung des Verhaltens oder der Einstellung anderer vom jeweiligen Stand der Reife abhängt. Versteht man sich als Mitglied einer Solidargemeinschaft, so trägt der Reifere die Verantwortung dafür, dass bestimmte Entwicklungen nicht eskalieren. Dies bedeutet auch, genaue Überlegungen darüber anzustellen, wie ein Umfeld beschaffen sein muss, damit es Reize zur Weiterentwicklung setzt und welche Faktoren den Unreiferen überfordern könnten. Die Kunst des Anpackens wäre dann orientiert an den Möglichkeiten des Reiferwerdens. In den meisten Fällen lässt sich dies durch eine Handlung bewerkstelligen, die einen großen Mut zeigt. Unbeirrt und unerschrocken an den Flüchtlingshetzern vorbei zu einem Flüchtlingskind gehen, sich niederknien, das Kind in den Arm nehmen und dann einen der Parolen Gröhlenden bieten, ihm beim Aufstehen zu helfen.

Thomas Holtbernd

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