Völkermord an den Armeniern: Michael Hesemanns Buch für ein Volk der Martyrer

51bZxxUJ+qLIn seinem Werk „Völkermord an den Armeniern“ hat Michael Hesemann ein Buch über den ‚ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts’, so Papst Franziskus 2015, vorgelegt.

Während des Genozids vertrieb und ermordete die osmanischen Regierung im Ersten Weltkrieg die christliche Bevölkerung in Ostanatomien. Nach Hesemanns Zählung kamen bei den Deportationen und der Verbannung in die mesopotanische Wüste ca. 2,5 Millionen Menschen ums Leben, der größte Teil davon Armenier, aber auch Griechen und Syrische Christen.

Für den Autor gibt es daher zwei Dimension dieses Völkermordes. Es war zum ersten eine ethnische Säuberung, weil er die Armenier als Volk betraf. Zum zweiten war es die bislang größte Christenverfolgung der Geschichte, weil dabei die Armenier und andere Gruppen als Christen identifiziert wurden und aus der muslimischen Türkei entfernen werden sollten. Hesemann stellt neben den Ereignissen während des Weltkrieges auch die Vorgeschichte des Genozids sowie ihre Nachwirkungen in der Türkei und in Deutschland da. Er nutzt bei der Behandlung des Themas vor allem Quellen aus dem Vatikan, da er die Ereignisse besonders aus der Perspektive der päpstlichen Diplomatie betrachtet.

Hesemann bringt viele Quellenzitate

Hesemann hat kein Werk für den Universitätsgebrauch vorgelegt, sondern eher eine Schrift für die populärwissenschaftliche Lektüre. Sein Stil ist journalistisch geprägt, er vermeidet lange Schachtelsätze ebenso wie komplexe wissenschaftliche Begriffe und Theorien. Neben einer gut verständlichen Diktion dienen auch die Sprachbilder dem Lesefluss, die den Leser immer wieder in die Geschehnisse ziehen; eine Eigenschaft, die bei der Geschichte eines Massenmordes zwar nicht der Erbauung, wohl aber dem Verständnis dient.

Das Buch stellt mit großer Genauigkeit zahlreiche Geschehnisse des Armeeniger-Genozids dar und belegt sie durch umfangreiche Quellenzitate. Vor dem Leser entsteht ein Panoptikum des Grauens, indem der Autor ihm das Leiden eines Volkes in zahlreichen Einzelereignissen vor Augen führt. Allerdings droht der Leser dadurch auch der Lektüre müde zu werden, da die Schreckenszeugnisse scheinbar kein Ende nehmen wollen. So ist es sinnvoll, dass Hesemann in regelmäßigen Abständen inne hält. Er tritt aus der unmittelbaren Perspektive der Betrachters in die Rolle des historischen Analytikers zurück, um die Zahlen und Ereignisse Revue passieren zu lassen.

Benedikt XV. half den Armeniern

Ein besonderer Verdienst des Buches liegt darin, dass Hesemann mehrere Beziehungslinien des Armenier-Genozids zu bekannten historischen Prozessen und Personen aufzeigt. Drei Punkte können hier exemplarisch genannt werden:

Er stellt den Armenier-Genozid in den Kontext der osmanischen Geschichte des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Der Völkermord war nach Hesemann nicht ein Einzelereignis, sondern in ihm realisierten sich auf radikale Weise Prozesse eines übertriebenen Nationalismus, die in den christlichen Armeniern Störfaktoren sahen. Diese Tendenzen, die aus dem osmanischen Vielvölkerreich einen Nationalstaat formten, sind bis heute wirksam, etwa in der Kurdenpolitik der AKP-Regierung.

Des Weiteren macht der Autor auf das bislang weitgehend unbekannte Engagement von Papst Benedikt XV. für die Armenier aufmerksam. Während der Einsatz des Papstes für den Frieden in Europa in der Forschung relativ große Beachtung gefunden hat, standen seine Bemühungen in der Armenierfrage bislang nicht im Fokus der Betrachtung. Zwar konstatiert Hesemann, dem Papst sei es nicht gelungen, den Armenier-Genozid zu stoppen, doch hätten seine Appelle parteiübergreifend Beachtung gefunden. Zudem sei es ihm möglich gewesen, zumindest in wenigen Fällen, Menschenleben zu retten. Dem Wirken des „Friedenspapstes“ ein weiteres Kapitel hinzugefügt zu haben, ist ein bleibendes Verdienst des Buches.

Deutschland und der Bezug zum Armenier-Genozid

Für die Deutschen ist besonders die Beziehung zur Shoa von Interesse. Hesemann stellt dar, wie der Mord an den Armeniern zu einer gedanklichen Grundlage für den Holocaust wurde, der auch sprachlich mit dem Genozid verbunden ist. Denn der Begriff Holocaust wurde erstmals in Verbindung mit Übergriffen gegen die Armenier verwendet. Freilich wirken Hesemanns Darstellungen an einigen Stellen etwas bemüht, etwa bzgl. der Verbindung des DAP Gründers Rudolf Glauer zu den Jungtürken. Andere Historiker drücken sich vorsichtiger aus, etwa Stefan Ihrig, der über die Rezeption Atatürks durch die Nationalsozialisten geforscht hat und neben der distanzierten Haltung Mustafa Kemals den Nazis gegenüber auch die Beziehungen des Armenier-Genozids zum Holocaust als „Allenfalls eine sehr indirekte“ bezeichnete.

Apologetische Züge

Die Neigung, den Armenier-Genozid historisch mit Bedeutung aufzuladen, findet sich auch in der Sprache Hesemanns wieder. In seiner Diktion und der Aufbereitung des Materials ist der Autor eher von apologetischer Neigung als von wissenschaftlicher Sachlichkeit bestimmt. Alle, die am Leiden der Armenier direkten oder indirekten Anteil haben, stellt er wahlweise als brutale Mordgesellen oder als überforderte Zuschauer dar. Die Unterstützer des Volkes erscheinen hingegen als Helden und Heilige.

Für den Historiker Hesemann scheint der journalistisch-apologetische Auftrag des Buches nicht nur in der Sprache, sondern auch in der Methode vor wissenschaftlicher Sachlichkeit gegangen zu sein. Zwar führt Hesemann umfangreiche Quellennachweise an, problematisiert ihren Ursprung und ihre Gattung aber nicht, was aufgrund des weitgehenden Fehlens türkischer Materialien sinnvoll gewesen wäre. Zudem werden die Zitate fast nie in der Originalsprache wiedergegeben, sondern ausschließlich in der deutschen Übersetzung. Zumindest bei italienischen oder französischen Quellen wäre es für den interessierten Leser nützlich gewesen, die unübersetzten Quellen zugänglich zu machen.

Wortgewaltig für die Opfer des Völkermordes streiten

So bleibt beim Leser der Eindruck, Hesemann hat kein Buch über die Armenier, sondern ein Werk für die Armenier geschrieben. Ein Buch, das wortgewaltig und quellenreich für die Bekanntheit des Völkermordes streitet und durch seine Kontexualisierung die Armenier zum Prototyp aller Opfer des blutigen 20. Jahrhunderts macht. Diese Verpflichtung dürfte der Wirkung des Werkes in der akademischen Geschichtsschreibung schaden. Das tut seinem Wert für die meisten Leser aber keinen Abbruch. Denn Hesemanns Darstellungsmethode ist offen tendenziös und kann bei der Lektüre bedacht werden. Wer sich mit den Völkermorden des 20. Jahrhunderts sowie der Geschichte des armenischen Volkes auseinandersetzen will und das Buch mit kritischem Bewusstsein liest, für den ist es daher ein großer Gewinn.

Das Buch wurde beim Herbig-Verlag veröffentlicht.

Maximilian Röll

Foto: Herbig

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