Anderssein an anderen Orten

Menschen fahren in den Urlaub, wollen ihre Freiheit genießen, endlich mal so sein, wie sie wirklich sind. Sie fahren, insbesondere die Deutschen, dann an Orte, die zwar fremd sind, aber doch eine große Schnittmenge mit dem Gewohnten haben sollen. Das Essen soll schmecken, das Bier soll aus deutschen Landen frisch auf den Tisch kommen. Gerne hat man es auch, wenn möglichst viel Konversation in deutscher Sprache stattfindet. Und in Griechenland will man den Sirtaki tanzen, weil man den für den typisch griechischen Tanz hält.

2013-05-09 15.46.22

Foto: Thomas Holtbernd

Dieses Phänomen, dass der Mensch das Andere sucht und sich doch nicht wirklich auf das Andere einlassen will, findet sich nicht nur beim Reisen. Beim Urlaub ist vielleicht die Verbindung mit dem Gefühl von Freiheit und Lebenslust am größten. Es wird ein Gegenbild zum normalen Alltag gesucht. Es ist fast eine Heilsversprechung, wenn im Reiseprospekt die natürliche und originäre Lebensweise der Einheimischen angepriesen wird. Die Gastfreundschaft wird gelobt und die Aussicht auf eine unübertroffene Erholung beschrieben.

Das Andere ist anders

Die Berichte von Reisenden, wenn sie nicht reine Konsumtouristen sind, enthalten fast immer das Ungewöhnliche, etwas Neues, Erfahrungen, die im gewohnten Umfeld nicht gemacht werden können. Bekannten wird von den Reisen das Andere, das Ungewohnte erzählt. Die Orte werden in ihrer Andersartigkeit beschrieben. Das andere macht den Reiz aus. Besucht man dann den Italiener um die Ecke, ist man oft enttäuscht, weil das Essen gar nicht mehr so anders schmeckt. Und vielleicht ist der Italiener in seiner Pizzeria auch gar kein Italiener, sondern ein Iraner. Wie dem auch sei, der Mensch sucht das Andere, redet es sich ein und weiß irgendwie, dass das Andere gleichzeitig das Besondere ist. Der Alltag ist schnell wieder da und das Besondere wird für den nächsten Urlaub reserviert.

Andere Orte und Andersorte

Neben den unbekannten Orten gibt es auch die Andersorte. Die zeichnen sich dadurch aus, das sie gar nicht anders sein müssen, allerdings durch ihre Auffüllung mit anderen Gedanken wie eine Insel im Alltag wirken oder wahrgenommen werden. Andersorte sind nicht an einem anderen Ort, zu dem man hinfahren müsste. Andersorte sind im normalen Alltag, in der gewohnten Umgebung zu finden. Andersorte leben aus dem direkten Kontrast zum Normalen. Der Reisende erlebt z. B. eine solche Andersartigkeit dann, wenn er bei seiner Fahrt über die Autobahn eine Autobahnkirche besucht. In völligem Kontrast zur Unrast der Fahrenden herrscht im Raum dieser Kirche Ruhe und Stille. Würde man eine solche Kirche mitten in der Stadt besuchen, wäre der erlebte Effekt ein anderer. Andersorte sind durch ihre Umgebung strukturiert. Der Kontrast, nicht allein das Anderssein, macht den anderen Ort zu einem Andersort.

Angleichung ist die Zerstörung des gänzlichen Anderen

Orte, die eine herausragende Funktion haben, die aber möglichst ihrer Umgebung angepasst werden sollen, verhindern die Erfahrung der Möglichkeit eines gänzlich Anderen. Werden Altenheime wie ganz normale Mietshäuser gebaut, so wird das Andere des hohen Alters nivelliert. Werden Kirchenräume gleichzeitig als Pfarrsaal oder Veranstaltungsräume benutzt, ist das Andere einer religiösen Erfahrung nicht mehr spürbar. Ein Rosenkranz, der gleichzeitig als Zeitmessgerät genutzt wird, hat seine Einzigartigkeit verloren. Andersorte sind jedoch gerade durch ihre eingeschränkte oder auch einseitige Bedeutungs- und Funktionszuweisung das Feld für besondere Erfahrungen. Es ist nicht die Verständlichkeit, sondern die Einseitigkeit der Bedeutung dieses Ortes das Entscheidende. Diese Einseitigkeit verweist darauf, dass das Andere nicht im Fremden liegt, sondern im Bekannten, das durch die Fokussierung auf nur eine Bedeutung eine Andersartigkeit ganz eigener Art erscheinen lässt. Und möglicherweise ist das Sicheinlassen auf solche Andersorte die Voraussetzung dafür, das Fremde wahrnehmen zu können. Wer in seiner Umgebung Orte nicht erkennt, die eine einseitige Bedeutung haben, der kann auch in der Fremde das Fremde nicht erkennen. Eine Architektur, die Fabrikanlagen zu ästhetisch nett anzusehenden Objekten macht, verhindert den Erholungswert in der Natur. Eine Kirche, die Kirchengebäude zu Wohlfühlhäusern macht oder ihre Theologie zu einer dem Zeitgeist angepassten Form der Lebenskunst, verstellt den Menschen den Blick auf das gänzlich Andere.

Thomas Holtbernd

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