Geist im Weltall?

Bild: kentauros / fotolia.com

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Hat der Kosmos Geist?

Der Mensch kommt aus der Materie. Da mit dem Menschen das Geistige aufgetreten ist, kann er es nur dort suchen, wo auch Leben entstanden ist. Es muss ein Planet wie die Erde sein, nahe genug an einer Sonne, aber mit so viel Abstand, dass das Wasser nicht zu heiß wird. Es braucht auch einen Mond, denn sonst dreht sich die Erde zu schnell. Geistiges vermuten wir nur als Randphänomen, zufällig entstanden auf einem Stern am Rande einer der vielen Milchstraßen. Aber kann das Weltall ohne Geist gedacht werden? Was könnte dem Geistigen eine Grenze setzen? Selbst unser Geist kann sogar über den Kosmos mit seiner riesigen Ausdehnung hinausdenken. Zwar sind wir Menschen nur eine Miniausgabe des Geistigen, mit unseren geistigen Fähigkeiten an unseren Körper gefesselt, aber doch frei und im Denken mit dem Unendlichen vertraut. Mit den Psalmen können wir beten: „Der Geist des Herrn erfüllt das All.“

Teil des Geistigen

Der Mensch erlebt sich als Teil des großen Ganzen. Die Griechen entwickelten die Vorstellung eines Mikrokosmos. Das Ganze ist in einem Teilgebilde enthalten, im Menschen der ganze Kosmos. Das hat sich mit der Astronomie verwirklicht. Bis an die Grenzen des Alls reichen Teleskope, die Milchstraßen und  Sterne sind zu einem großen Teil registriert. Die Kräfte gemessen und das All auf den Festplatten in den Computern der Astronomen. Die Philosophie des Zen sieht den ganzen Kosmos im Geist des Meditierenden berührt, er ist mit allem verbunden. Folgen wir unserem naturwissenschaftlichen Weltbild, dann können die Vorstellungen von einem Mikrokosmos oder der Verbindung unseres Geistes mit allem nur Einbildung sein. Aber kommt der Geist tatsächlich nur aus uns selbst?

Der zählende Intellekt

Der menschliche Verstand hat tatsächlich die Kapazität, sich mit allem zu beschäftigen. Zwar hat er nie alles ergriffen, so dass der Kosmos ihm geistig zu Füßen läge. Aber er kann jede Grenze überschreiten. Deutlich wird das am Zählen. Der menschliche Geist kann nie alle Zahlen und Rechenoperationen hinter sich lassen, er bleibt ein Zählender. Jedoch kann er über jede vorgegebene Zahl hinaus weiter zählen. Wäre er absoluter Geist, würde er nicht nur über diesem Kosmos stehen, sondern über allem und wäre damit kein Zählender mehr. Wäre dieser absolute Geist nicht auch überall, selbst in den Weiten unseres Weltalls?

Der Geist berührt uns

Könnte es sein, dass unser Geist von dem absoluten Geist durchdrungen ist? Zählend, also mit unserer eigenen Aktivität, erreichen wir ihn nicht. Wir bleiben mit jeder Zahl, so groß sie auch sein mag, immer unterhalb des Absoluten, nämlich begrenzt. Mit Hegel können wir uns dem annähern, was das Absolute eigentlich sein könnte. Holm Tetens leitet für seine Religionsphilosophie Entscheidendes von Hegels Definition ab: Absolut ist das, was durch nichts anderes begrenzt wird außer durch sich selbst. Dieses Absolute muss Geist sein, denn Materielles wird von anderem Materiellem begrenzt.

Wenn das Absolute durch die Milliarden Milchstraßen nicht begrenzt wird, dann muss das Geistige auch im ganzen Weltall sein. Wenn der menschliche Geist trotz seiner Begrenztheit offen für alles, selbst für das Absolute ist, soll er dann nicht von dem Geistigen berührt werden?

Mit Ideen wird der menschliche Geist von Größerem berührt

Der menschliche Geist hat Anteil am Absoluten, zumindest kann er sich mit seinem Denken dem Absoluten nähern. Er kennt neben der technischen Verfügbarkeit, der Richtigkeit einer mathematischen Ableitung oder dem richtigen Gebrauch der grammatischen Regeln auch den Absolutheitsanspruch der Wahrheit. Wenn etwas wahr ist, dann gilt die wahre Aussage für alle Welten, nicht nur für diesen Kosmos, sondern auch für alle anderen, die es geben mag. Die Idee der Gerechtigkeit gibt uns einen Standpunkt außerhalb der Zwänge, die aus dem gesellschaftlichen Leben entstehen. Sie ist uns gemeinsam. Sie erhebt einen Geltungsanspruch, der nicht aus den Zufällen der Evolution, wo sich das Lebenstüchtigere durchsetzt, hergeleitet wird. Noch schwerer zu fassen ist Schönheit. Sie kommt uns mit einem Sonnenaufgang, einem Musikstück, einem Kunstwerk entgegen. Platon hat diese Ideen in ein jenseitiges Reich verlegt, von dem aus sie in diese Welt hineinwirken. Man könnte auch sagen, dass diese Ideen dem menschlichen Geist entspringen, um sozusagen als Schablonen über die Wirklichkeit gelegt zu werden. Wir halten jedoch an der Idee der Gerechtigkeit fest, auch wenn wir wissen, dass niemals Gerechtigkeit herrschen wird und dass jede Schönheit gebrochen ist. Es scheint nicht so, dass die allgemein als gültig gedachte Idee der Gerechtigkeit von Menschen gemacht ist, sie ist uns vielmehr vorgegeben.

Wir korrespondieren mit Geistigem außer uns

Freiheit, die Vorstellung einer gerechten Welt, das Erleben von Schönheit kommt aus unserem Inneren. Wir spüren jedoch, dass wir nicht die Idee von Gerechtigkeit gemacht haben, noch die Schönheit bloß eine Projektion unserer Vorstellungen auf die äußeren Dinge ist. Auch unsere Freiheit haben wir nicht gemacht. Zudem gibt es eine überraschende Übereinstimmung. Andere Menschen, die wir gar nicht kannten, stimmen mit uns überein, dass etwas wahr ist, dass hier Gerechtigkeit fehlt, dass es Schönheit gibt. In Bezug auf das sittliche Gewissen  haben jüdische Schriftgelehrte die Vorstellung entwickelt, dass die ganze Menschheit Gottes Stimme gehört hat, nämlich die Stimme, die Moses die Gesetzestafeln überreicht und deren Inhalt erklärt hat. Diese Stimme wurde nicht nur von den Nachkommen Abrahams am Berg Horeb, sondern von allen Völkern in ihrer Sprache gehört. Pfingsten erneuert die Vision: Alle verstehen die Botschaft der Erlösung, jeder in seiner Sprache. Der Geist verbindet über die Sprachgrenzen hinweg.

Die geistigen Regungen in uns

Das Geistige kann uns von außen erreichen, indem wir auf Grundlegendes aufmerksam gemacht werden, Ungerechtigkeit angeprangert wird, ein Musikstück gespielt wird. Es gibt auch ein inneres Organ. Das Gewissen verbindet uns mit den ethischen Normen, ohne dass wir meinen, die Normen kämen aus uns selbst. Das Gewissen spricht in mir, aber nicht aus mir. Dann spüren wir Strebungen, wir nennen Sie auch Bewegungen des Herzens, die uns von uns weg leiten, damit wir das Wohl des anderen wichtiger nehmen als unsere Bequemlichkeit. Noch schwieriger setzt sich das Streben nach Vertrauen durch. Zu Vieles spricht dagegen, dass mein Leben gelingen sollte, zu viele Gegenkräfte stellen sich mir in den Weg. Trotzdem packen wir mutig etwas an und setzen uns für Gerechtigkeit ein

Das kann nicht alles gewesen sein

Wenn wir noch einmal auf das Zählen zurückschauen. Dieser Drang bestimmt uns auch in anderen Bereichen, irgendetwas zu erreichen, um über das Bestehende hinaus zu gelangen. Wenn sich dieser Drang auf das Geld richtet, dann genügt keine Million, sondern es sollen mehrere Millionen werden. Auf einmal ist jemand bei einer Milliarde, aber auch das scheint keine Grenze für den Drang zu sein, über das Erreichte hinaus zu gelangen. Aber auch viele Milliarden bringen nicht die erhoffte Erfüllung. Der Mensch wird durch nichts satt, was er nur zählen kann. Gerade in Regionen, in denen ein hoher Wohlstand erreicht wurde, steigen Menschen aus dem Wettlauf um das jeweils größere Mehr aus. Denn nur das Absolute kann diesen Drang,  der im Zählen besonders anschaulich wird, ruhigstellen. Da das Absolute durch nichts außerhalb seiner selbst begrenzt werden kann, also auch nicht durch den Menschen, der das Absolute sucht, muss der Mensch Teil des Absoluten werden.

Eckhard Bieger S. J.

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