Religion – weil die Welt so nicht stimmt

Jede Nachrichtensendung führt zu der schmerzlichen Erkenntnis: Die Welt ist nicht so, wie sie sein sollte. Viele Menschen engagieren sich, dass es anders wird, die Armut zu verringern, die Kranken zu versorgen, bessere Schulen, mehr Kindern eine höhere Bildung zu ermöglichen, Friedensarbeit. Aber es entsteht jeden Tag neue Ungerechtigkeit, vor allem die Gewalt lässt sich nicht eindämmen. Gegen Ebola gibt es inzwischen einen Impfstoff, der Virus „Gewalt“ zeigtsich jedoch gegen jedes Gegenmittel resistent.

Bild: der_chris87 / fotolia.com

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Rettung durch den Menschen oder von außen

Wir spüren den Riss. Der Boden, auf dem wir stehen, wird nicht nur durch Krankheit bedroht. Vor allem die Gewalt, die sich ständig neu aussät, erodiert die Fundamente, auf denen wir unser Leben gerne aufbauen würden. Es gibt immer wieder Anläufe, die Welt von Grund auf so umzugestalten, dass die Übel ausgerottet werden.

Revolutionen münden in Gewalt

Wenn die Unzufriedenheit sich immer mehr mit Gefühlen anreichert und damit revolutionäres Potential entwickeln, braucht es eine Idee, wohin die Gesellschaft transformiert werden soll. Die Idee wiederum braucht als Folie, um sie in ihrem Besonderen und Neuen herauszustellen, das Gegenbild der schlechten Verhältnisse. Denn es muss eine Ursache für die Unzufriedenheit mit den jetzigen Zuständen geben. Die kapitalistische Wirtschaftsordnung war es für den Marxismus. Sie hat jetzt wieder Griechenland mobilisiert, von einem Europa zu träumen, in dem die Mechanismen der Finanzmärkte außer Kraft gesetzt werden.
Da jede Revolution auf beharrende Kräfte trifft, die den Versprechungen auf eine totale Umgestaltung der Gesellschaft misstrauen oder schon deutlich absehen können, dass sie ihre Privilegien verlieren werden, ist die Gewalt schon eingepflanzt. Denn die Protagonisten der Revolution haben nur ihre Lebensspanne zur Verfügung, um die beharrenden Kräfte zu überwinden. Deshalb müssen sie, einfach aus Zeitnot, diese Gegenkräfte ausschalten. Daher schlagen revolutionäre Erhebungen immer in Gewalt um. Der Abgesang des Kommunismus konnte deshalb mit Kerzen bestritten werden, weil das System in sich so brüchig war, dass seine Protagonisten bereits Jahre vorher die kapitalistische Sphäre brauchten, um überhaupt noch die Menschen mit Lebensmitteln und dem Nötigsten zu versorgen. Von dem Politbüro der SED heißt es, dass der Alkohol ihm die Auflösung des Systems erleichtert hat.

Der Fortschritt als revolutionärer Prozess

Anders als Marx und die anderen Gründerväter des Kommunismus legte der Kapitalismus, als er den technischen Fortschritt zu seinem Versprechen machte, ein Programm für mehrere Generationen vor. Die Naturwissenschaften und die aus ihnen folgende Ingenieurkunst haben tatsächlich die Welt umgestaltet, den Lebensstandard breiter Bevölkerungsschichten verbessert und die durchschnittliche Lebenserwartung erhöht. Die volle Konzentration auf die materiellen und biologischen Vorgänge musste durch Zurückdrängung der religiösen Dimension erreicht werden. Auch dieses Ziel ist weitgehend erreicht. Selbst die Vertreter des Denkens, nämlich die Philosophen, haben nicht nur Gott zum Verschwinden gebracht, sondern erklären die bisher der Seele zugeschriebenen Fähigkeiten als Leistungen der Nervenzellen, also die Sprache, das Gewissen, das moralische Urteil, die Künste und das strategische Handeln. Die Nervenzellen des Gehirns, nicht mehr das Selbst, steuern das höhere Tier „Mensch“. Entsprechend wird den Algorithmen der Suchmaschinen und der Communities der Auftrag übertragen, den Menschen mathematisch berechenbar zu machen.
Trotz dieser enormen Errungenschaften bleibt das Unbehagen, in eine Welt geworfen zu sein, die eigentlich nicht wie eine Maschine, sondern menschlich funktionieren müsste. Selbst das ausgefeilteste Computerprogramm, das dem Menschen die Entscheidungen abnimmt, wird nicht als Befreiung aus den „verkorksten“ Verhältnissen erfahren, sondern als ein weiterer Faktor, der die Welt unbewohnbar macht.

Erlösungshoffnungen

Sind wir wieder bei den Wurzeln der Religion angelangt? Juden warten auf einen von Gott gesandten Messias, der den Glanz eines David ausstrahlen und endlich das Volk retten wird. Solche Messiasse haben sich immer wieder angeboten. Unter den verschütteten Hoffnungen Europas wirkt noch das Bild der Jungfrau, die einen Retter braucht. Die Menschheit ist diese Frau, sie ist unter die Räuber gefallen und muss gerettet werden. Dieses Bild geht nicht von einem Sündenfall aus, durch den die Menschheit sich schon am Anfang aus dem Paradies ausgeschlossen hat, sondern dass es räuberische Kräfte sind, die dem Schöpfer sein Geschöpf entfremdet haben. Der Mensch muss, wenn er nicht mit einer neuen Revolution sich selbst die „Wende“ zutraut, auf jeden Fall zu seinem Schöpfer zurückfinden, ob er selbst gesündigt hat oder ob fremde Mächte ihn gefangen halten.

Eckhard Bieger S.J.

Ein Gedanke zu “Religion – weil die Welt so nicht stimmt

  1. Die „primitive “ Amöbe beweist seit Milliarden Jahren ihre Intelligenz und Überlegenheit in der Auseinander- Setzung mit dem Widerstand : vielleicht, weil sie eben nicht der Religion der Masse folgt,sondern dem einfachen Prinzip – Versuch und Irrtum ….

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