Der Limburger Dom: Gebautes Gebet

Kirchen und Kathedralen sind Glaubenszeugnisse vergangener Jahrhunderte, die bis in die Gegenwart hinein wirken. Ununterbrochen seit ihrer Entstehung werden darin Gottesdienste gefeiert, das Lob Gottes gesungen, Gebete in Freud und Leid an den Herrn gerichtet. Und sie dienen immer auch als Raum der Stille, der Meditation, um vielleicht zu sich, zu Gott zu finden.

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Sie sind nicht nur, wie heute oft missverstanden, touristische Sehenswürdigkeiten. Das auch – aber hat man eine Kirche, einen Dom verstanden, wenn man sich in kunsthistorischen Reiseführern über die wichtigsten Daten und Fakten seiner Geschichte informiert? Wohl kaum. Kirchen sind „gebaute Theologie in Stein“, die mit ihrer architektonischen Gestaltung, ihren Fresken, Gemälden und Skulpturen vom christlichen Glauben erzählen. Ein unvergleichliches Beispiel dafür ist der Limburger Dom.

Der Autobahn-Dom

Täglich fahren auf der Autobahn A 3 Frankfurt–Köln zehntausende Pkw und Lkw an Limburg vorbei, das ungefähr in der Mitte dieser beiden Städte liegt. Überqueren die Fahrer und Fahrerinnen auf der Autobahnbrücke die Lahn, können sie den besten Blick – von oben! – auf eine der schönsten Kathedralen Deutschlands genießen – den Limburger Dom, hierzulande der am meisten angeschaute Kirchenbau! Gut zu erkennen sind seine sieben Türme und der Fels, auf dem er vor etwa 800 Jahren erbaut worden ist. Und von oben ist er ja auch, theologisch-symbolisch verstanden, auf die Erde geschwebt: als Sinnbild des himmlischen Jerusalems. Seine sieben Türme – die nur an einer einzigen Stelle in der Stadt alle auf einmal zu sehen sind, nämlich in der Brückenvorstadt auf der Westerwälder Seite Limburgs hinter der Schleuseninsel – stehen für die sieben Sakramente.

Auch der „übliche Blick“ auf den Dom ist spektakulär: Wer aus den engen Gassen der Limburger Altstadt zum Dom hinaufgeht, sieht zuerst die mächtigen zwei Westtürme, die immer größer zu werden scheinen, je näher man auf sie zugeht. Nicht zufällig sind sie nach Westen ausgerichtet: Sie sollen das Böse abwehren, das nach alter Vorstellung aus dieser Himmelsrichtung kommt und sind als Wehrtürme zu verstehen. Beim Näherkommen zeigen sich ihre baulichen Details immer deutlicher. Auffällig die Rosette, das Radfenster zwischen den Türmen, aus acht kleinen Rundfenstern gebildet, die sich um ein größeres Rundfenster gruppieren – Symbol für die Vollkommenheit der Liebe Gottes, die sich nach allen Seiten ausbreitet. Dabei symbolisieren die acht Rundfenster den ersten Tag der Neuen Schöpfung, des Paradieses, das nach dem Tod erwartet wird. Die Außenseiten der Fensterrose flankieren vier Skulpturen: Engel, Adler, Stier und Löwe (im Uhrzeigersinn). Es sind die Symbole der vier Evangelisten Matthäus, Johannes, Lukas und Markus. Auf der Spitze des steilen Giebels darüber thront der Drachentöter Georg, dem der Dom geweiht ist. Ihm begegnet man wieder beim Eintreten in den Dom am Portal, wo er rechts als Relief zu sehen ist, gegenüber dem hl. Nikolaus, dem zweiten Patron des Domes. Als Portalfiguren laden sie ein, „ihre“ Kirche zu besuchen.

Georg und Nikolaus – Ritter und Händler

Nicht von ungefähr sind Georg und Nikolaus die Dom-Patrone. Georg ist der Heilige der Adeligen und erinnert an die zuvor hier stehende Stiftskirche, der Pfarrpatron Nikolaus von Myra ist der Beschützer der Kaufleute, denn seit jeher ist Limburg eine Kaufmanns- und Handelsstadt. Das Domportal geht nach oben in einen sogenannten Dreipass über, der nicht zufällig an ein Kleeblatt erinnert: Es ist Sinnbild der Dreifaltigkeit Gottes. Dieses Motiv wiederholt sich im Innern des Domes als Einrahmung des Lebensbaumkreuzes im Südquerschiff, der ehemaligen Taufkapelle. Auch die Monstranz, mit der die Splitter des Kreuzes gezeigt werden, ist in dieser Kleeblattform gestaltet. (Mit einem Kleeblatt hat der hl. Patrick die Iren zum christlichen Glauben an die Dreifaltigkeit bekehrt).

Betritt man nun den Dom, richtet sich der Blick unweigerlich nach vorn zum Altarraum und den modernen drei Fenstern in der Apsis. Von unten nach oben zeigen sie die Menschwerdung Jesu, groß dargestellt als Wickelkind, links daneben Maria in der Haltung der Schmerzensmutter, rechts zwei Gestalten als Stellvertreter der erlösungsbedürftigen Menschheit. Das mittlere Fenster stellt Jesus am Kreuz als den strahlend Auferstandenen dar, am Kreuz, das sich aus dem Dunkel des Chaos erhebt. Im oberen Fenster ist Jesus als Weltenrichter mit dem Buch des Lebens dargestellt, das er an sein Herz presst: „Freut euch, dass eure Namen im Himmel verzeichnet sind.“ (Lk 10,20) Der Weg durch das Langhaus zum Altarraum hin kann als symbolisches Abschreiten des eigenen Lebensweges gedeutet werden, verstanden als Weg zu Gott, zur persönlichen Vollendung in Gott. Auf diesem Weg wird man von Heiligen und Aposteln begleitet, die in den Arkaden, Emporen und Triforien (Umgang unterm Dach) dargestellt sind. Auf der linken Seite, der Nordwand, sind auf den Emporen der hl. Niklaus und seine Kornwunderlegende darstellt, es folgen die hl. Katharina im Kerker, dann die Apostel Jakobus der Jüngere und Petrus, wie immer an seinem Attribut, dem Schlüssel, erkennbar. Auf der rechten Seite des Langhauses, der Südseite, begleiten den Weg zum Altar die Apostel-Evangelisten Johannes und Matthias, Andreas (in den Ecken darüber die Apostel Jakobus der Jüngere und Simon Zelotes, beides Bischöfe von Jerusalem) sowie Paulus, erkennbar am Schwert. Über ihm links der Apostel Bartholomäus und rechts Apostel Philippus. Zwischen Petrus und Paulus hat man die Vierung mit dem Altar als Mittelpunkt erreicht. Im linken Seitenschiff gibt eine Wandmalerei die „Wurzel Jesse“, die Abstammung Jesu wieder, hier steht das Grabmal des Georgsstiftgründers Konrad Kurzbold. Das rechte Seitenschiff war früher die Taufkapelle, woran das Fresko Johannes des Täufers erinnert. Unter ihm ist Samson zu sehen, der als alttestamentarische Vorausdeutung Christi gilt. Das Taufbecken aus der Entstehungszeit des Domes ruht auf sieben Säulen, die die sieben Laster zeigen: als Mahnung, sie mit den sieben Tugenden zu überwinden, die ebenfalls auf dem Taufbecken neben der Szene von Jesu Taufe im Jordan dargestellt sind.

X für Christus

Die Vierungspfeiler sind mit fast lebensgroßen Fresken der Dompatrone geschmückt, links Georg mit einem Schild (als Drachentöter wurde er erst später dargestellt), rechts Nikolaus als Bischof. Beide sind über der Vierung oben neben Jesus Christus dargestellt, aber seitenverkehrt, Georg rechts, Nikolaus links. Warum? Zieht man von Georg zu Georg und von Nikolaus zu Nikolaus eine gerade Linie, entsteht ein imaginäres X, das Zeichen für den griechischen Buchstaben Chi, Anfangsbuchstabe von „Christus“! Will sagen: Hier in der Mitte des Domes, am Altar in der Vierung, der Mitte von Langhaus und Querhaus, die ein Kreuz bilden, hier geht es um Christus, die Mitte des Glaubens. Auf dem Rückweg durch den linken Seitengang trifft man an der kleinen Ausgangstür zum Friedhof auf eine überlebensgroße Malerei des Christopherus: Er ist deshalb so groß, weil die Menschen früher davon überzeugt waren, dass sie an dem Tag nicht sterben müssen, wenn sie sein Bildnis sehen, und wenn doch, dann nicht ohne durch die Sterbesakramente gestärkt zu sein.

Helmut Zimmermann

Foto: CC Martin Kraft // photo.martinkraft.com

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