Häresie der Formblindheit

Gibt es Dinge, Gefühle, Sachverhalte, die man nur in einer ganz bestimmten Form ausdrücken kann? Bei einigen Sachverhalten scheint dies relativ klar zu sein. Wissenschaftliche Erkenntnisse lassen sich nicht als poetische Reime darlegen. Doch kann man schon hier einhaken und eine Differenzierung der Wissenschaften vornehmen. Exakte Naturwissenschaften sind etwas anderes als Geisteswissenschaften. Der eher formelhaften und analytischen Beschreibung bei den Naturwissenschaften steht häufig in den Geisteswissenschaften ein ambivalenter Kompromiss gegenüber. Eine philosophische Aussage kann manchmal nicht logisch aufgebaut formuliert werden. Das Wissen um die Schwierigkeit der Rezeption und Unmöglichkeit einer klar abgegrenzten Begrifflichkeit bedingt den Gebrauch von Bildern, Metaphern, Beispielen und erzählenden Beschreibungen.

Foto: Thomas Holtbernd

Foto: Thomas Holtbernd

Sobald es um Gefühle geht, wird die Angelegenheit noch schwieriger. Als Jugendliche versuchen viele, ihre inneren Welten durch das Schreiben von Gedichten fassbar zu machen. Liebe wird gerne in Reimen ausgedrückt und wenn es ganz „doll“ ist, drängt es die Liebenden zu singen. Der Text ist hierbei fast nebensächlich. Mit Musik lassen sich Gefühle in einer Weise ausdrücken, die keine Sprache füllen kann. Auch ohne den Text zu verstehen, können die meisten die ausgedrückte Stimmung erfassen. Musik ist immer körperlich und ergreift den ganzen Menschen, der als Reaktion in Schwingung gerät, die Musik setzt sich beim Hörenden in Bewegung um und manchmal drängt der Rhythmus und die Melodie dazu, die Bewegung wiederum in ein Schema zu bringen, der Mensch tanzt. Der Impuls setzt eine Reaktion in Gang, die für das Verstehen notwendig ist. Das visuelle oder auditive Aufnehmen von Informationen ist verschränkt mit dem eigenen Ausdruck.

Lachen und Weinen
Kommt der Impuls bei der Musik von außen und setzt einen Bewegungsdrang in Gang, so können Geschichten oder Erzählungen über Trauer und Freude Eruptionen auslösen. Der Anstoß kommt nicht von außen, sondern ist mit dem verbunden, was innerlich quasi als ruhender Vulkan schon vorhanden ist. Lachen und Weinen können nicht bewusst hervorgerufen werden. Schauspieler z. B. müssen sich in den Gefühlszustand begeben, um ein überzeugendes Lachen oder Weinen hervorzubringen. Ein echtes Lachen und Weinen können die meisten Menschen von einem nur gespielten recht gut unterscheiden. Wie auch bei der Musik wird der Ausdruck des Lachens oder Weinens als Freude oder Trauer kulturübergreifend korrekt dekodiert. Unterschiede ergeben sich aus den in der jeweiligen Gesellschaft herrschenden Verboten und Geboten. Mit einem Lachen kann Trauer nicht ausgedrückt werden und mit einem Weinen keine Freude. Allerdings schlagen gerade diese beiden Ausdrucksformen manchmal um. Sie scheinen in der Gefühlswelt des Menschen eine gemeinsame Schnittmenge zu haben, wodurch dieses Umkippen möglich wird.

Kunst
Das Schöne, welches in den bildenden Künsten oder der Musik zum Objekt der Wahrnehmung wird, kann nur zum Ausdruck kommen, wenn die Form gleichzeitig aufdeckt und verhüllt. Die Form muss zudem so gewählt sein, dass das betrachtende oder zuhörende Subjekt das Kunstwerk nicht konsumistisch vereinnahmen kann. Es muss eine Differenzierung zu Gebrauchsgegenständen oder alltäglichen Geräuschen geben. Dies gelingt manchmal gerade dadurch, dass das Gewöhnliche zur Oberfläche gemacht wird und in der Beziehung zum Betrachter oder Zuhörer genau den gewohnten Umgang verunmöglicht. Erst dadurch, dass etwas als Kunst bezeichnet und zum Kunstwerk erklärt wird, bekommt es einen Begriff, der jedoch nicht der Aneignung dient, sondern die Entfremdung erzeugt und damit Subjekt und Objekt zu einem Pol vereint. Das Subjekt kann sich nicht im Objekt spiegeln, die narzisstische Zufuhr ist blockiert. Nur so ist Schönheit erfahrbar, ansonsten wäre es ein Abgleichen mit vom Subjekt selbst aufgestellten Kriterien.

Kultus, Weihrauch und Kerzen
Eine besondere Form stellt der Kult da. Mit den Künsten verbindet ihn ein Verschmelzungsgefühl. Die Grenzen von Subjekt und Objekt scheinen in gleicher Weise aufgelöst zu sein. Allerdings ist die Form des kultischen Ausdrucks eindeutiger zu erkennen, sie drängt sich auf und muss nicht erst in einen Begriff gebracht werden. Ein Außenstehender erkennt sofort und unmissverständlich, dass die beobachtete Handlung ein außeralltäglicher Vorgang ist. Auf der anderen Seite muss der Beobachter seine Stellung zum Beobachteten in einen Begriff bringen. Letztendlich definiert er damit seine Stellung zur Welt. Da, wo das Nichtbegreifbare als Möglichkeit durch die Form vorgegeben ist, besteht nur die Möglichkeit des Ja’s zu sich als Person. Ansonsten würde das Nichts in Form des Nichtbegreifbaren durch die fehlende Polarisierung zur Aufhebung der Person führen, bzw. schon die Möglichkeit der Existenz von Person überhaupt aufgehoben oder negiert haben.

Einstellung oder Form ändern?
Auch wenn die Frage nicht so pauschal beantwortet werden kann, ob die Veränderung der Form auch die Einstellung verändert, so kann ein Einfluss der Form auf die Einstellung kaum geleugnet werden. Die Errungenschaften wie Smartphone etc. sind von ihrem Gebrauchswert her anders zu bewerten als der durch die Form vorgegebene Ausdruck. In gleicher Weise müssen auch Sinnanbieter Form und Inhalt unterscheiden. Möglicherweise haben radikale Gruppierungen wie IS deshalb einen großen Zulauf, weil weniger der Inhalt fokussiert wird, sondern das Äußere. Die Kirchen auf der anderen Seite bemühen sich, ihre Inhalte kompatibel zu machen und der Zeit anzupassen, vernachlässigen jedoch die Form. Die säkularisierte Gesellschaft kämpft hingegen darum, verbindliche Formen zu finden, um ein menschliches Miteinander zu gewährleisten. Wie schnell dabei zu manipulativen Mitteln tendiert wird, zeigt das Nudging. Überzeugende Formen dagegen sind langsame Prozesse, die zwar suggestiv sind, jedoch nicht manipulativ, da sie aus der Gemeinschaft heraus entstanden sind und den ‚Willen‘ aller widerspiegeln. Das Gefühl für Formen verwandelt das Agieren in ein begleitendes Handeln. Das Verhalten in Politik, Kirchen und Gesellschaft, wie es gegenwärtig zu beobachten ist, entbehrt manchmal völlig die Gelassenheit, sich auf die Formwerdung einzulassen.

Thomas Holtbernd

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