Die Sicht des Menschen in Ost und West

Eine Gegenüberstellung römisch-katholischer und russisch-orthodoxer Aussagen über den Menschen – in der Form eines gelungenen Handbuches

Europa lebt in zwei komplementären Traditionen, der römisch-lateinischen und der byzantinisch-griechischen Orientierung. Bei allen Gemeinsamkeiten, die beide Entwicklungslinien miteinander bis heute verbinden, kann es gar nicht anders sein, als dass in anderthalb Jahrtausenden sich auch mancherlei Unterschiede herausgeschält, gelegentlich gar verschärft haben – Unterschiede, die in der Regel weniger auf grundsätzliche sachliche Meinungsverschiedenheiten zurückgehen, sondern in den sehr unterschiedlichen Denkstilen beider Traditionen ihren Ausgang finden. Um es mit einer gewissen Überzeichnung zu sagen: So ist beispielsweise dem östlichen Denken eine im westlichen Europa nicht selten zu beobachtende, geradezu manische Fixierung auf das Neue gänzlich fremd, wie umgekehrt dem westlichen Denken die permanente Rekapitulierung des Vergangenen, wie es den Gewohnheiten des östlichen Europa entspricht, oft als unzeitgemäß und überflüssig erscheint. Dass es sich bei solchen Stilen tatsächlich aber nicht um Alternativen, sondern um Komplemente eines gemeinsamen Ganzen handelt, zeigt das Handwörterbuch auf beeindruckende Weise – vielleicht auch deshalb, weil die Anthropologie, wie der russische Herausgeber, Lorgus, schreibt, nicht dogmatisiert ist, also in besonderer Weise den Spielraum einer ergebnisoffenen philosophischen Reflexion eröffnet, die nicht von Anbeginn unter den Vorzeichen lehramtlicher Verbindlichkeiten steht.

Begriffe zur theologischen Anthropologie
Im Auftrag der Stiftung ‚Pro Oriente‘, Wien, sowie der Stiftung ‚Russische Orthodoxie‘, Moskau, haben Betram Stubenrauch, München, und Andrej Lorgus, Moskau, als Herausgeber ein „Handwörterbuch Theologische Anthropologie“ vorgelegt, das eine bis dahin schmerzliche Lücke füllt, weil es eine solche Zusammenschau des katholisch-westlichen und des orthodox-östlichen Denkens im deutschsprichen Raum noch nie gegeben hat. Das Buch ist gleichzeitig in deutscher Sprache – bei Herder in Freiburg – und in russischer Sprache – bei Palomnik und Nikeja in Moskau – erschienen. Es will, wie der Wiener Erzbischof, Christoph Kardinal Schönborn, in seinem Vorwort schreibt, die reiche Vielfalt christlichen Denkens über den Menschen und sein Selbstverständnis – seine Grundfragen nach dem Woher, Wohin und Wozu – in den Blick nehmen. So anspruchsvoll dieses Vorhaben ist, so gut ist der Versuch gelungen, und man kann sagen: Die sich über viele Jahre hin erstreckenden, teils mühevollen Vorarbeiten haben sich gelohnt.

56 Stichworte, u.a. der Personbegriff
Insgesamt werden im Handbuch 56 Einträge behandelt – in sechs Schlüsselbegriffen und weiteren 50 Stichwörtern. Zu den Schlüssenbegriffen zählen „Jesus Christus“, „Mensch“, „Persönlichkeit und Personalität“, „Mann und Frau“, „Seele“ und „Liebe“. Dann folgen die weiteren Stichwörter: von „Adam und Eva“ über „Gesellschaft“, „Gewissen“ und „Glaube“, „Menschenwürde und Menschenrechte“ bis hin zu „Verstand, Vernunft, Denken“ und „Wort“. Jeder Eintrag besteht aus einem „katholischen“ und einem sich unmittelbar anschließenden „orthodoxen“ Beitrag, so dass die Gemeinsamkeiten wie die Unterschiede vom Leser sehr gut auszumachen sind.
Unterschiede zeigen sich dabei vor allem, wenn man die Tiefe und den Reichtum der Einträge von orthodoxer Seite in den Blick nimmt. Nahezu alle greifen zurück auf patristische Autoren, gewinnen von dort – den Grundlagen unseres Denkens wie unserer Begriffe noch heute – einen Zugang zum jeweils behandelten Gegenstand und beschreiben dann, von den Anfängen her, die Entwicklung des dem begrifflichen verbundenen sachlichen Verständnisses. Hier liegen bewundernswerte Stärken des Handwörterbuchs. Wer sich zum Beispiel über das Wort „Person“ kundig machen möchte, ist jetzt gut beraten, prominente Lexika links liegen zu lassen und zu diesem neuen Handwörterbuch zu greifen. Die Einträge zu den Stichworten „Mensch“, „Persönlichkeit/Personalität“ und „Person/Hypostase“ – von Andrej Lorgus und Sergej Anatol’evic Cursanov – sind geradezu Glanzlichter wissenschaftlicher und wissenschaftsgeschichtlicher Darstellungen.

Begründung der Würde des Menschen
Lorgus, der oben erwähnte Herausgeber des Wörterbuches auf orthodoxer Seite, hat auch den Eintrag zum Stichwort „Menschenwürde/Menschenrechte“ verfasst. Wie seine russischen Kollegen allesamt verspürt er kein Bedürfnis, modischen Attitüden einen Tribut zu zollen; und so stellt er – ganz gegen den Zeitgeist des westlichen Denkens – fest, indem er zustimmend Bezug nimmt auf die Erklärung des Bischofskonzils über die „Grundlagen der Lehre der Russischen Orthodoxen Kirche von der Würde, der Freiheit und den Rechten des Menschen“ aus dem Jahr 2008: „Die Menschenwürde wird als ‚unveräußerliche ontologische‘ Grundlage ‚jeder menschlichen Person‘ verstanden.“ Denn, so ist sinngemäß zu ergänzen, was taugt, was schützt und was trägt die menschliche Würde, wenn diese nur und ausschließlich durch wechselseitige freiwillige Anerkennung begründet wird, während sie jeglichen ontologischen Status vermissen lässt? Wo liegt der Grund ihrer ‚Unantastbarkeit’ – jenes schwer übersetzbaren Wortes, das der deutschen Verfassung von 1949 zum Leitbegriff wurde? In einer Erkenntnis der Person – oder in der Zustimmung zu einer Konvention? Allerdings stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, ob das Verständnis des Menschen und seiner Würde, wie es der Erklärung des Bischofskonzils entsprich, von allen Teilen der Orthodoxie auch im alltäglichen Leben schon hinreichend auf- und angenommen wurde.

Macht nicht gleich „Gewalt“
Gelegentlich wird der russischen Orthodoxie – durchaus mit nachvollziehbaren Gründen – entgegen gehalten, sie habe ein anderes Verständnis von Macht als vergleichsweise der Katholizismus. Ob dem so ist, sei hier einmal dahingestellt, obwohl die augenblickliche europäische Krise diese Frage neu auf die Tagesordnung gesetzt hat. Eines allerdings ist festzuhalten: Differenzierungen, die der Orthodoxie mit großer Selbstverständlichkeit zu eigen sind, drohen im Westen in Vergessenheit zu geraten. Während von katholischer Seite zwischen Macht und Gewalt kaum noch unterschieden wird – der entsprechende Eintrag im Handbuch lautet denn auch „Macht/Gewalt“ und deutet schon in der Überschrift die Vermischung der Sachverhalte an – und gleich im fünften Satz des entsprechenden Beitrages auf die Religionskritik zu sprechen kommt, käme eine solche Schwerpunktsetzung der orthodoxen Seite nie in den Sinn: Hier lautet der Eintrag „Macht“ – und dieser Unterschied ist keine Kleinigkeit, wie gleich der erste Satz von Larisa Vladimirovna Litvinova, der Verfasserin des Beitrages, deutlich herausstellt: „Macht (griech. exousia; lat. potestas) ist die Göttliche Befugnis zur Abwehr des Bösen und zur Förderung des Guten.“ Das ist tatsächlich der Sinn des Wortes ‚potestas‘. Am Schluß dieses Beitrages heißt es dann: ‚Macht‘ wird oft im Sinn von ‚Gewalt‘ verwendet; diese Beriffe ergänzen zwar einander, aber ihre Identifizierung führt zum Verlust der sittlichen Dimension der Macht. Der Begriff ‚Macht‘ wird auch mit dem Begriff ‚Autorität‘ in Verbindung gebracht; das ist eine personale Eigenschaft, welche Grundlage einer bestimmten Machtstellung sein kann.“ Begreift der Westen heute noch diesen Sinn von ‚potestas‘ und auctoritas‘ – sowie die auf die Korrespondenz beider Begriffe aufbauende analogische Argumentation, die göttliche und menschliche Ordnung in ein Verhältnis zueinander setzt? Selbst wenn wir sie zurückweisen, wofür es durchaus Gründe gibt, wäre viel gewonnen, sie zuvor begriffen zu haben. Tatsächlich aber sind solche – begriffliche wie sachliche – Unterscheidungen im Westen weithin vergessen.

Dieses Handwörterbuch ist uneingeschränkt zu empfehlen – übrigens auch dem fachlich nicht besonders vorgebildeten Leser; und seinen Herausgebern, den Verfassern, nicht zuletzt den den Übersetzern sowie dem Herder Verlag ist für alle Mühen der jahrelangen Vorbereitung zu danken. Diese Mühen haben sich gelohnt. Man möchte dieses Handbuch nicht mehr missen und ihm eine weite Verbreitung in einer aufgeschlossenen Leserschaft wünschen. Es führt zurück zu den gerade im westlichen Denken heute oft verschütteten Quellen und bestärkt auf wissenschaftlich eindrucksvolle wie sachlich maßgebende Weise jene Sympathie mit dem Denken der Orthodoxie, die Grundlage jeder trotz mancher Rückschläge hoffentlich immer weiter voranschreitenden theologischen Ökumene ist.

Christoph Böhr

Handwörterbuch Theologische Anthropologie. Römisch-katholisch / Russisch-orthodox. Eine Gegenüberstellung, hrsg. im Aufrag der Stiftung Pro Oriente, Wien, und der Stiftung Russische Orthodoxie, Moskau, v. Betram Stubenrauch u. Andrej Lorgus, Freiburg im Br. 2013, Herder Verlag, 669 Seiten, ISBN 978-3-451-3418-0, 68 Euro.

orthodox, katholisch

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