„Ich weiß: mein Erlöser lebt“ – Wie Hoffnung und Gerechtigkeit wahr werden können

Atheisten scheinen heute medial und gesellschaftlich die Oberhand zu haben. Sie predigen eine Art gottlose Glücksgesellschaft und scheinen damit durchzukommen. Doch der Schein trügt. Ohne Glauben kann es letztlich weder Glück, noch Gerechtigkeit oder Hoffnung geben. Eine philosophische und theologische Annäherung an Glauben und Atheismus.
Foto: Jürgen Fälchle / fotolia.com

Foto: Jürgen Fälchle / fotolia.com

Atheistische Verzweiflung oder glaubende Hoffnung

„Doch ich, ich weiß: mein Erlöser lebt, als Letzter erhebt er sich über dem Staub. Ohne meine Haut, die so zerfetzte, und ohne mein Fleisch werde ich Gott schauen.“ – So wird das Buch Hiob in der Einheitsübersetzung der Bibel (Kapitel 19, Verse 25, 26), übersetzt. Hiob, der Gerechte, der ungerecht leidet, glaubt trotz aller Dunkelheit, Angst und scheinbarer Hoffnungslosigkeit. In seiner größten Not vertraut er auf Gott. Glaube heißt bei Hiob: Selbst die größte Not, aus der es menschlich gesehen keine Hoffnung mehr gibt, kann bei Gott noch zum Heil gewandelt werden. Am Ende wird Hiob belohnt und stirbt als glücklicher Mensch. Sicher, viele leidende Menschen leiden auf Erden bis zum Tod, aber ohne Glauben wird es niemals wieder Hoffnung auf Heil und Besserung geben. Die Sache des Glaubens ist keine des Gefühls oder des Geschmacks, es geht auch nicht darum, wie Habermas es einst sagte, ob jemand „religiös unmusikalisch“ ist, sondern um eine grundlegende Lebensausrichtung: Worauf baue ich mein Leben auf?

Atheisten und Theisten bekennen, dass es ohne Glauben keine Hoffnung gibt

Es ist ja auch nicht so, als wenn prominente Atheisten nicht wissen auf welche Todesfahrt sie sich begeben, wenn sie mit ihrer Anschauung auf Weltmission gehen. Sie tun es dennoch. Warum?  Weil sie ihre scheinbare Wahrheit als wichtiger betrachten als eine Heilsbotschaft, die in ihren Augen falsch ist. Nietzsche, einer der poetischsten Philosophen der Moderne, drückt dies so aus:

„Du wirst niemals mehr beten, niemals mehr anbeten, niemals mehr im endlosen Vertrauen ausruhen […] du hast keinen fortwährenden Wächter und Freund für deine sieben Einsamkeiten du lebst ohne den Ausblick auf ein Gebirge, das Schnee auf dem Haupte und Gluten in seinem Herzen trägt es gibt für dich keinen Vergelter, keinen Verbesserer letzter Hand mehr es gibt keine Vernunft in dem mehr, was geschieht, keine Liebe in dem, was dir geschehen wird […]“  (Nietzsche, Excelsior)
Im Atheismus bleibt nur das vollkommene Geworfensein ins Hier und Jetzt, entweder zum kurzen Glück oder zum Unglück. Heidegger spricht vom „Sein zum Tode“. Auch der zeitgenössische Populäratheist Richard Dawkins erkennt die Wucht des Atheismus und die Aussichtslosigkeit, die damit für Milliarden von Menschen verbunden ist. Anders als Marx sieht er die Lösung jedoch nicht in einer gewalttätigen Revolution, um ein irdisches „Himmelreich“ zu errichten, sondern argumentiert ganz aus seiner Sicht als Evolutionsbiologe:
„In einem Universum der blinden physikalischen Kräfte und der genetischen Replikation werden einige Menschen verletzt, andere glücklich und du wirst darin weder einen Reim noch einen Grund finden oder irgendeine Gerechtigkeit.“ (Richard Dawkins, River out of Eden).
Joseph Ratzinger brachte als Papst Benedikt XVI. in seiner Enzyklika „Spe Salvi“ den Glauben als Ausweg aus Hoffnungslosigkeit und Ungerechtigkeit ins Spiel:
„In der Neuzeit verblaßt der Gedanke an das Letzte Gericht: Der christliche Glaube wird individualisiert und ist vor allem auf das eigene Seelenheil ausgerichtet; die Betrachtung der Weltgeschichte wird statt dessen weitgehend vom Fortschrittsgedanken geprägt. Dennoch ist der tragende Gehalt der Gerichtserwartung nicht einfach verschwunden. Er nimmt nun freilich eine ganz andere Form an. Der Atheismus des 19. und des 20. Jahrhunderts ist von seinen Wurzeln und seinem Ziel her ein Moralismus: ein Protest gegen die Ungerechtigkeiten der Welt und der Weltgeschichte. Eine Welt, in der ein solches Ausmaß an Ungerechtigkeit, an Leid der Unschuldigen und an Zynismus der Macht besteht, kann nicht Werk eines guten Gottes sein. Der Gott, der diese Welt zu verantworten hätte, wäre kein gerechter und schon gar nicht ein guter Gott. Um der Moral willen muß man diesen Gott bestreiten. So schien es, da kein Gott ist, der Gerechtigkeit schafft, daß nun der Mensch selbst gerufen ist, die Gerechtigkeit herzustellen. Wenn der Protest gegen Gott angesichts der Leiden dieser Welt verständlich ist, so ist der Anspruch, die Menschheit könne und müsse nun das tun, was kein Gott tut und tun kann, anmaßend und von innen her unwahr. Daß daraus erst die größten Grausamkeiten und Zerstörungen des Rechts folgten, ist kein Zufall, sondern in der inneren Unwahrheit dieses Anspruchs begründet. Eine Welt, die sich selbst Gerechtigkeit schaffen muß, ist eine Welt ohne Hoffnung. Niemand und nichts antwortet auf das Leiden der Jahrhunderte. Niemand und nichts bürgt dafür, daß nicht weiter der Zynismus der Macht, unter welchen ideologischen Verbrämungen auch immer, die Welt beherrscht. So haben die großen Denker der Frankfurter Schule, Max Horkheimer und Theodor W. Adorno Atheismus und Theismus gleichermaßen kritisiert. Horkheimer hat radikal bestritten, daß irgendein immanenter Ersatz für Gott gefunden werden könne, zugleich freilich auch das Bild des guten und gerechten Gottes abgelehnt. In einer äußersten Radikalisierung des alttestamentlichen Bilderverbotes spricht er von der „Sehnsucht nach dem ganz Anderen“, das unnahbar bleibt – ein Schrei des Verlangens in die Weltgeschichte hinein. Auch Adorno hat entschieden an dieser Bildlosigkeit festgehalten, die eben auch das „Bild“ des liebenden Gottes ausschließt. Aber er hat auch und immer wieder diese „negative“ Dialektik betont und gesagt, daß Gerechtigkeit, wirkliche Gerechtigkeit, eine Welt verlangen würde, „in der nicht nur bestehendes Leid abgeschafft, sondern noch das unwiderruflich Vergangene widerrufen wäre“. Das aber würde – in positiven und darum für ihn unangemessenen Symbolen ausgedrückt – heißen, daß Gerechtigkeit nicht sein kann ohne Auferweckung der Toten. Eine solche Aussicht bedingte jedoch „die Auferstehung des Fleisches; dem Idealismus, dem Reich des absoluten Geistes, ist sie ganz fremd“. [vollständiger Text]

Es ist nicht sinnvoll, der Hoffnungslosigkeit den Vorzug zu geben

Natürlich ist es kein Gottesbeweis, dass es ohne diesen keine letzte Hoffnung und Gerechtigkeit gibt. Aber ebenso wenig ist die Leiderfahrung ein Atheismusbeweis. Beide Auffassungen – Glaube und Atheismus – haben ihre Gründe und nachvollziehbaren Argumente. Niemand kann dem anderen die Wahrheit auf den Tisch legen. Es bleibt dabei, dass es zutiefst menschlich und sinnvoll ist zu glauben, denn nur so kann das in Erfüllung gehen, was wir alle ersteben: ein erfülltes Leben und Gerechtigkeit.

Josef Jung

2 Gedanken zu “„Ich weiß: mein Erlöser lebt“ – Wie Hoffnung und Gerechtigkeit wahr werden können

  1. Die Atheisten haben weder die mediale und gesellschaftliche Oberhand, noch scheint es so. Auch wenn es immer wieder Religiöse gibt die meinen sie würden nicht gehört, so hat die scheinbare mediale Unterlegenheit der Religion damit zu tun, das selbst die Katholiken, die sich als direkt von Jesus gestiftete Kirche sehen, sich nicht einig sind, was sie nun zu glauben haben und das obwohl sie seit über tausend Jahren hunderte von Menschen beschäftigen die hauptberuflich darüber nachdenken was es heißt katholisch zu sein.
    Für Nietzsche mag die Feststellung gelten das er ihm Atheismus nur ein vollkommenes Geworfensein ins Hier und Jetzt sah.
    Aus dem Zitat von Dawkins, lese ich nur das es für ihn keinen tieferen Grund für Glück oder Gerechtigkeit gibt, d.h. aber nicht das er meint das der Mensch nichts an seiner Situation ändern könne und auch nicht glücklich werden können.
    Ratzinger pessimistische Feststellung, das eine Welt, „die sich selbst Gerechtigkeit schaffen muß“, ohne Hoffnung ist, kann ich gar nicht nachvollziehen. Für mich ist die Aussage kontrahistorisch.
    Die Hoffnung auf Gerechtigkeit ist sicherlich förderlich, beim erreichen dieser, aber wieso der christliche Glaube nun da besonders förderlich sein soll erschließt sich mir nicht. Schließlich hat der christliche Gott die Hoffnung mehrmals enttäuscht, zu Lebzeiten Jesus bestand die Hoffnung darin, das Jesus handfeste politische Fakten schaffen würde und die Unabhängigkeit des damaligen Israels wiederherstellen würde, so stellte man sich die Erlösung vor. Als Jesus starb, hofften seine Anhänger darauf das er wiederkehren würde und ein neues Königreich unter seiner Herrschaft errichten würde, dabei glaubte man daran das dies noch zu den Lebzeiten der ersten Jünger geschehen würde. Als auch das Gottesreich nicht errichtet wurde und somit die erhoffte Erlösung wieder nicht stattfand, hoffte man das die Seele durch die Taufe zumindest wiedergeboren wurde. Da aber auch getaufte Christen krank wurden und auch von Übeln nicht verschont wurden, verschob sich die Hoffnung darauf das man im Jenseits endlich vollständig erlöst werden würde.
    Die Erlösungsvorstellung und die damit einhergehende Vorstellung von Gerechtigkeit hat sich mehrmals gewandelt, rückblickend gesehen wurden die Erwartungen an die Gerechtigkeit korrigiert, weil sie nicht wie vorgestellt hergestellt wurde. Die aktuelle Vorstellung ist für keinen Menschen prüfbar, aber die Entstehung der Vorstellung zeigt, das es nicht auszuschließen ist das der Mensch sich wieder falsche Vorstellungen macht.
    Für mich bietet das Christentum keine Hoffnung, sondern eher ein verzweifeltest festhalten, an diffusen Erwartungen an einen Gott, der keine Anstalten macht, eine brauchbare Beziehung zu den Menschen aufzubauen.

  2. Pingback: Atheismus ist nicht hell. Warum Gottesleugnung kein Glück bringt | hinsehen.net

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s