Fliehen wir vor dem Abgrund?

Zeitstress und Ausgebrannt-Sein
Viele spüren, dass der Druck stärker wird. Wir beobachten eine Beschleunigung der alltäglichen Abläufe. Die Digitalisierung durchdringt immer mehr Lebensbereiche. Das neue Handy, die neue Kamera, der neue Wagen sind mit immer mehr Steuerungstechniken ausgestattet. Hersteller, die nicht mithalten, verschwinden bald vom Markt. Die schnelleren Züge, die billigeren Flugtickets sparen zwar Zeit, trotzdem meinen wir, dass wir weniger Zeit haben. Die E-Mail ist nicht nur in Sekunden beim Empfänger, sie muss auch gleich beantwortet werden. Das Handy macht uns bis in den späten Abend beruflich erreichbar.

bergab geht es nur rückwärts Foto: E.Bieger

bergab geht es nur rückwärts
Foto: E.Bieger

Der Soziologe Hartmut Rosa beschreibt die gegenwärtige Zivilisation so:
„Wir laufen in Zeiten der beschleunigten Beschleunigung nicht mehr auf eine Verheißung zu, sondern vom Abgrund weg. Die Idee des Wachstums ist nicht mehr: Wir müssen uns steigern, die Ressourcen besser nutzen oder fleißiger sein, um was Neues realisieren zu können. Sondern die Idee ist: Wir müssen jedes Jahr einen Zahn zulegen, damit alles bleiben kann, wie es ist.“
Wir gehen nicht freudig auf etwas Besseres zu, vielmehr verlangen wir uns beruflich und privat deshalb die Anstrengungen ab, um nicht zu scheitern. Flucht vor dem Abgrund, nicht das Zugehen auf ein verheißungsvolles Ziel erzeugt den quälender werdenden Druck. Würden die Anstrengungen durch eine hoffnungsgeladene Perspektive beflügelt, wäre die Ermattung durch das Ausgebranntsein kein so häufiges Phänomen.

Wo droht der Abgrund?
Die technischen Mittel erleichtern den Alltag. Mit dem Handy kann ich problemlos unterwegs einen Termin vereinbaren. Über WhatsApp erreiche ich Einzelne und Gruppen und kann gleich ein Dokument oder ein Foto mitschicken. Zug- und S-Bahnverbindungen muss ich nicht mehr mühsam in einem Kursbuch nachschlagen, sondern kann sie mir auf den Bildschirm holen. Das Navi zeigt mir nicht nur den Weg, sondern kündigt auch frühzeitig den nächsten Stau an. Obwohl Vieles leichter zugänglich ist, mit geringerem Aufwand organisiert werden kann, erleben gerade Jüngere eine Anfrage, ein Projekt als nicht mehr möglich. Die Zeit reicht nicht für die normalen Pflichten, deshalb muss man Weiteres ablehnen.
Auch wenn die technischen Mittel trotz der Zeitersparnis nicht mehr Zeit schenken, empfinden wir sie nicht als Bedrohung. Selbst die totale Überwachung, die das Handy auf Schritt und Tritt ermöglicht, bewirkt noch kein Bedrohungsgefühl. Zudem werden wir älter, so dass uns mehr Lebenszeit zur Verfügung steht. Wer aus dem Arbeitsprozess ausgeschieden ist, gewinnt jedoch oft kein neues Zeiterleben. Es sitzen alte Muster in uns fest.

Epidemien als Wurzel des modernen Zeitempfindens
Katastrophen wirken über Generationen nach und prägen sogar das Erleben. So haben die Pestepidemien des 14. Jahrhunderts das Zeitempfinden tiefgreifend geändert. Damit hat die Pest wesentlich zur Herausbildung der Moderne beigetragen; s. Egon Friedell, „Kulturgeschichte der Neuzeit: Die Krisis der europäischen Seele von der Schwarzen Pest bis zum Ersten Weltkrieg“. Weil das Leben so bedroht ist, muss man aus der augenblicklichen Lebensspanne möglichst viel herausholen. Da die Epidemie das Leben einfach wegraffen kann, verbindet sich das Zeitempfinden mit dem Knappheitsgefühl. Auch wenn immer noch Grippe-Pandemien tödliche Gefahr beinhalten, es sind andere Bedrohungen, die uns in das Joch der zu geringen Zeit zwingen und uns ständige Anstrengung abverlangen. Für die Menschen in der ehemaligen DDR verfiel mit der Übernahme der freien Marktwirtschaft die Sicherheitsgarantie für den Arbeitsplatz, die im Westen der Republik schon mit dem Zechensterben Realität geworden war. Da der technische Wandel sowie der ständigem Umbau der Firmenstrukturen, Fusionen und dann wieder Aufspaltungen den Arbeitsplatz wegrationalisieren oder so verändern können, dass die Arbeit wenige befriedigt, hat sich die Sorge um den Arbeitsplatz potenziert.

Die Renditegetriebenheit erzeugt das bedrohliche Zeitgefühl
Viele Arbeitsplätze sind durch die Globalisierung einer zahlenmäßig größeren Konkurrenz und den geringeren Lohnkosten in anderen Ländern ausgesetzt. Die Digitalisierung  verändert ganze Branchen. Konnten die Printmedien bis in die neunziger Jahre noch hohe Gewinne verbuchen, ist selbst der Journalismus nicht mehr bezahlbar, seit das Anzeigengeschäft sich zu großen Teilen ins Internet verlagert hat. Der Handel, die Taxis, inzwischen auch Banken und Versicherungen sind großem Veränderungsdruck ausgesetzt. Das alles wird von der Maxime der Fondsgesellschaften und Hedgefonds vorangetrieben, mit jedem Quartal einen immer größeren Gewinn auszuwerfen. Die Faktoren, die unser Zeitgefühl bestimmen, sind greifbar. Aber warum können wir die Herausforderung nicht anders meistens, als dass wir unser Leben als Flucht verstehen?

Zeit gewinnen durch Schlafverzicht
Burnout ist zu der charakteristischen Erkrankung geworden. Herzinfarkt und Schlaganfall bleiben bedrohlich, werden jedoch von der Ermattung abgelöst. Diese hängt eng mit dem gefühlten Zeitmangel zusammen. Schlaf erscheint als im Blick auf die eigene Optimierung als ineffektiv genutzte Zeit. Wenn Zeit fehlt, kann ich diese vom Schlaf nehmen. Wenn dann noch der Tag- und Nachtrhythmus zerfällt, weil man beliebig lange aufbleibt, um das zu erledigen, wozu man tagsüber nicht gekommen ist, dann gerät der Biorhythmus aus dem Takt. Die Abfälle des Stoffwechsels werden nicht entsorgt, das Entzündungslevel steigt. Die Nervenzellen haben zu wenig Zeit, die Neurotransmitter neu zu bilden. Schließlich werden die Impulse für die Hormonproduktion nicht mehr umgesetzt, das betrifft vor allem die Nebennierenrinde, die vom Gehirn ihre Impulse bekommt. Burnout wird deshalb so psychologisiert, weil es dagegen kein Medikament gibt, sondern nur Bewegung, genügend Schlaf und die Einhaltung des Tag- Nachtrhythmus, alles Verhaltensweisen, die keine Erhöhung der Effektivität versprechen. Da Entzündungen zu Serotoninmangel führen und  dieser unmittelbar in eine depressive Stimmung führt, wird Burnout zu einem Teufelskreis und zugleich zu einem deutlichen Indikator, was mit unserer Epoche passiert ist. Die Biologie ist direkt mit unserem Lebensstil verwoben.

Die Zeit dient der Effektivität
Frühere Generationen haben wahrscheinlich härter und meist auch länger arbeiten müssen. Sie lebten allerdings in einer Welt, die nicht wie die Maschinen- und noch mehr die digitale Welt allein vom Menschen gemacht waren. Man lebte in den ersten Jahrzehnten des Industriezeitalters, weil es erst nach dem Ersten Weltkrieg in den Büros und Wohnungen elektrisches Licht gab, mit dem Tag- und Nachtrhythmus. Der Jahresablauf war von den Jahreszeiten geprägt. Weil Gott es wachsen lässt, konnte man die Feste in Ruhe feiern. Heute werden wir nur mit von Menschen gemachten Anforderungen, einer getakteten Zeit und den Anforderungen des Marktes konfrontiert. Alles, was wir konsumieren, müssen wir selbst herstellen. Selbst die Landwirtschaft ist durch die Düngemittelindustrie und den Pflanzenschutz zu einem Menschenwerk geworden. Der Abgrund wäre dann die Angst, die wir tatsächlich haben müssen, weil die von der Finanzindustrie getriebene Arbeitswelt keine Barmherzigkeit kennt. Alle guten Ratschläge, sich Zeit zu nehmen, mal eine Pause einzulegen, „Mut zur Muße“, treffen den Menschen nicht in seiner Angst. Muße erscheint uns nur dann sinnvoll, wenn wir damit unseren Erfolg optimieren können. Denn unser Leben muss gelingen. In der Zivilisation, die wir uns geschaffen haben, erfordert das hohen Arbeitseinsatz und ständige Bereitschaft. Der Sport, eingeschlossen das Doping,  spiegelt  nur diese Lebenswelt. Wenn nur ich selbst das Gelingen meines Lebens betreiben kann, bleibt für anderes keine Zeit.

Eckhard Bieger S.J.

Links:
Das Zitat von Harmut Rosa wie überhaupt der Anstoß zu diesem Beitrag ist einer Predigt des Bischofs von Osnabrück, Dr. Franz-Josef-Bode entnommen
Zu den physiologischen Faktoren von Burnout: Serotoninmangel und Burnout

 

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