Die Anmut aus der Tiefe

Foto: Thomas Holtbernd

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Grazie oder Anmut sind Begriffe, mit denen seit Schiller das unwillkürliche Ausdrucksbild einer Harmonie bezeichnet wird, die das Sinnliche und Geistige miteinander verbindet. Im Laufe der Geschichte hat sich die Bedeutung mal mehr zur Auffassung der Anmut als Harmonie von Gnade und Schönheit verschoben, dann war es eher als eine mathematisch verstandene Ästhetik von Symmetrie verstanden worden, deren Regeln allerdings nicht bekannt sind. Mit Anmut versuchte man so etwas wie Naturschönheit auszudrücken, die mehr ist als Natur.

Den verschiedenen Bestimmungen oder Definitionen ist eines gemeinsam, nämlich die Korrespondenz von Innen und sichtbarem Ausdruck. Wenn man von einer natürlichen Schönheit spricht, dann wird darunter meist verstanden, dass ein Mensch dem ihm gegebenen Körper ein weiteres Element hinzufügt, das der sichtbaren Schönheit Leben einhaucht. Er oder sie hilft nicht nach, allenfalls werden bestimmte Aspekte unterstützt, und die Schönheit wird mit einer Scham bedeckt. Es ist keine offensiv gezeigte Schönheit, er oder sie zeigt nicht, wie gut er oder sie ausgestattet ist. Es ist die Schönheit, die man ist und für deren Haben ein Gefühl von Dank oder Demut besteht.

Der verschämte Blick

Ein selbstverliebter Mensch bezieht die Gewissheit seiner Schönheit aus der Reflektion im Spiegelbild. Erst das Hinausgehen aus der eigenen Behausung und der Versicherung im Außen, gibt dem Narzissten die Absicherung seiner Vorannahme, dass er schön ist. Der Blick eines Narzissten verlangt vom Betrachter Bestätigung, er übt Zwang aus und verhindert das ungezwungene Schauen. Ein anmutiges Wesen lässt sich betrachten und entblößt die eigene Verletzlichkeit, die darin besteht, dass der Blick nach außen das innere Band zwischen äußerer Schönheit und dem inneren Gefühl dafür zerreißen könnte. Nimmt der Betrachter diese empfindliche Wechselwirkung wahr, so verstummt sein Wunsch, dem anmutigen Wesen antworten zu wollen. Die Schönheit muss nicht bestätigt werden. Und weil diese Schönheit auch nicht zum Thema mit dem anderen wird, bleibt sie unausgesprochen. Nicht die Begegnung mit der konkreten anderen Person macht die Kommunikation aus, sondern die gemeinsame Erfahrung des Schönen. Für den einen ist es der Blick nach innen, für den anderen der Blick über die Wahrnehmung des Anderen hinaus.

Anmut und Transzendenz

Ohne die Begegnung mit der Schönheit gleich religiös zu überfrachten, kann das Erleben einer anmutigen Schönheit nicht materiell konkretisiert werden. Es entsteht einer Raum, der das Körperliche übersteigt und die Dimension einer Leiblichkeit eröffnet, die von Grenzen oder ästhetischen Regeln unabhängig ist. Solche Erlebnisse lassen sich nicht in Sprache fassen, ohne dass sie vorsprachlich wären. Es ist vielmehr die Gewissheit, dass der Versuch einer Konkretisierung das aktuelle Erfahren dieser Anmut zerstören würde. Dieses Überschreiten des Fassbaren kann später in Worte gebracht werden. Doch genau dieser Prozess ist die Bestätigung dafür, dass Anmut als das Gespürte und Anmut als das Beschriebene zwei voneinander unabhängige Lebenswirklichkeiten sind.

Thomas Holtbernd

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