Von der Moral, einfach mal den Mund zu halten

Foto: dpa / picture-alliance

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Derjenige, den man eher als ruhig oder introvertiert bezeichnet, wundert sich, worüber seine Mitmenschen den lieben langen Tag schwätzen können. Bei einem Konzert wird nicht den Musikern zugehört, sondern irgendetwas gesagt und je lauter die Musik ist auch geschrien. Die Gespräche, denen man zuhören muss, sind banal bis schwachsinnig. Unwichtige Dinge werden zu einem großen Diskussionsthema aufgebauscht und bei genauerem Hinhören stellt man fest, da wird gar nicht miteinander geredet oder dem anderen zugehört, die Redenden präsentieren sich eigentlich nur und es wird auf die Atempause gewartet, um auch etwas sagen zu können. Was als Antwort oder Gesprächsbeitrag angeboten wird, sind oft nur Ratschläge, die die eigene Bedeutung oder Kenntnis belegen sollen, oder plakative Äußerungen nach dem Motto: Dazu weiß ich auch etwas!

Dem anderen sein Ohr leihen

Die Redensart „sein Ohr leihen / schenken“ weist auf etwas hin, was bei vielen aus der Übung gekommen ist. Es reicht nicht, einem anderen einfach nur zuzuhören, das Gesagte zu verstehen und dann darauf etwas zu sagen. Leihe ich jemandem mein Ohr, so stelle ich ihm etwas von mir zur Verfügung. Ich überlasse mein Hören dem anderen, damit er sich mit meinem Ohr besser verstehen kann. Um dies tun zu können, muss ich weder Fachmann für die angesprochenen Themen noch besonders empathisch oder psychologisch geschult sein. Meine Ohren sind keine Filter, um dem anderen ein Feedback und damit Klarheit geben zu können. Es stehen nicht besondere Gesprächstechniken im Vordergrund wie dies z. B. beim NLP der Fall ist. Leihe ich jemandem mein Ohr, dann überlasse ich dem anderen, was er damit macht. Verleiht jemand Geld, so mag es zwar Absprachen über die Verwendung der geliehenen Summe geben, doch letztlich vertraut der Geldgeber darauf, dass er zurückbekommt, was er gegeben hat. Beim Zuhören ist das Vertrauen ebenso die wichtigste Voraussetzung. Dass ich mein „Ohr“ zurückbekomme, ist nicht zu 100 Prozent garantiert. Das Risiko von Einbußen lässt sich nicht hinweghören.

Zuhören: Nicht bei jedem und bei allem!

Das Bewusstsein über den möglichen Schaden müsste zur Folge haben, dass weniger geredet, genauer überprüft, mit wem und über was gesprochen sowie eine größere Sensibilität entwickelt wird, was man sich zumuten mag und kann, wenn man einem anderen sein Ohr leiht. Man müsste sich ehrlich fragen, wie viel Vertrauen man investieren kann und welche Kräfte man hat, um mit möglichen Enttäuschungen über ein missbrauchtes Vertrauen umgehen zu können. Auf der anderen Seite braucht man die Stärke und den Mut, dem anderen deutlich zu machen, dass das Zuhören eine Investition ist. Der Sprechende muss akzeptieren können, dass ich für ihn oder für ein bestimmtes Thema kein „Kapital“ zur Verfügung stellen will. Ansonsten wäre ich unehrlich, weil ich etwas in Aussicht stelle, von dem ich im Vorhinein schon weiß, dass ich es nicht erbringen kann. Es steht auch die Frage im Raum, ob ich mein Ohr schenke oder leihe und zu welchem Zinssatz. Es wäre ein unmoralisches Angebot, dem anderen zuzuhören, insgeheim einen Dank oder etwas anderes zu erwarten und dies nicht als Konditionen vorher und unmissverständlich zu benennen.

Von der Schwierigkeit, die Dinge beim Namen zu nennen

Zunächst lässt sich fragen, was ein möglicher Schaden sein kann, wenn man einem anderen sein Ohr leiht. Die Beliebigkeit oder das voraussetzungslose Zuhören führen dazu, dass zwischen Smalltalk und tiefergehenden Gesprächen kein Unterschied gemacht wird. Das Anliegen zum Reden fällt auf einen Acker, auf dem alles angepflanzt, aber nicht alles gedeihen kann. Ein ernsthaftes Redebedürfnis wird mit Floskeln erwidert. Der Zuhörende umgekehrt macht sich bereit, investiert Energie und Zeit, glaubt zunächst, da wolle sich jemand öffnen und muss erfahren, dass im Vordergrund das Plauderbedürfnis steht. Wer mehrmals solche Erfahrungen gemacht hat, wird sich bei weiteren „Anfragen“ immer weniger bemühen, die Ernsthaftigkeit sehen zu wollen und zum eigenen Schutz Plattheiten von sich geben oder das erwidern, von dem er meint, dass der Sprechende dann schnell zufrieden ist. Er wird immer weniger investieren und damit seinen Reichtum nicht mehren. Er zieht sich in seine Schutzburg zurück, weil er nicht immer wieder betrogen werden will. Seine eigenen Reichtümer glänzen im Dunkeln nicht mehr. Er zeigt nach außen billigen Modeschmuck, der in den Gesprächen ganz toll funkelt und er gilt als einfühlsamer Gesprächspartner. Das Gefühl für den Wert wahren Reichtums verliert er mit der Zeit. Auch Beziehungen verändern sich. Der Wert des Augenblicks verschwindet hinter dem Slogan „zeitnah“. Eine Bekanntschaft oder eine Freundschaft werden als parallellaufende Bestätigungen von Plattheiten gepflegt. Die so entstandene Immunität lässt nicht mehr erkennen, wo und wie ein anderer mich verletzt oder mir einfach nur meine Zeit raubt.

Erst das Schweigen, dann die Moral

Moralisches Empfinden, ethisches Beurteilen können oder allgemeiner die Gabe der Entscheidungsfähigkeit setzen voraus, dass ich zunächst einmal meine inneren Werte kenne und spürbar wahrnehme, dass ich gelernt habe, diese Werte zu schützen und zu verteidigen, dass ich mich nicht in ein Gespräch begebe, das mein Zuhören zu einem Abnicken macht oder als Selbstverständlichkeit voraussetzt und ebenso durch glitzernde aber wertlose Floskeln zu einem Kitsch macht. Den Mund zu halten, dem anderen erst einmal nicht das Ohr zu leihen, sollten die Bedingungen sein, als Gesprächspartner Akzeptanz zu finden. Wer gleich mit einem moralischen Urteil oder dem Wunsch danach kommt, sollte durch Schweigen und Nichtzuhören zur Räson gebracht werden.

Thomas Holtbernd

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