Ist Moral Luxus oder Luxus Moral?

Die Konsumwelt vermittelt den Käufern, Luxus sei für jeden möglich. Etwas Überflüssiges kann jeder im 1 Euro-Shop erwerben. Und viele Menschen, die sehr viel Geld haben, kaufen sich Luxusgüter fernab guten Geschmacks. Wichtig ist bei diesem Luxus vor allem, den anderen zu zeigen, dass man es sich leisten kann, auch wenn man für den Kauf einen Kredit aufgenommen hat. Luxus verbinden viele Menschen mit materiellen Gütern. Muße, Bildung, Kultur, Kunst und wohl auch eine moralische Gesinnung schreibt man eher Spinnern zu.

Foto: Tabea Holtbernd

Foto: Tabea Holtbernd

 

Wahrer Luxus stört. John Stuart Mill meinte: „Es ist besser, ein unzufriedener Mensch als ein zufriedengestelltes Schwein zu sein; besser ein unzufriedener Sokrates als ein zufriedener Narr.“ Der Mensch kann als Mensch überleben, ohne dass er sich bewusst macht, was er als Mensch ist. Materielle Luxusgüter können dem Einzelnen das Gefühl geben, mehr als der Durchschnitt und damit mehr als nur einfach Mensch zu sein. Eine Moral, die sich auf diese Steigerung des schlichten Menschseins bezieht, ist lediglich eine Festlegung dessen, was als Durchschnitt und was als materiell wertvoll im Vergleich zu anderen Gütern gilt. Ein immaterieller Bezugspunkt als Versuch, das eigene Menschsein genauer zu bestimmen, brächte die Konsumenten in einen nicht lösbaren Konflikt. Norbert Bolz formuliert dies folgendermaßen: „Die Bußpredigt der Kulturkritik lebt vom schlechten Gewissen des Konsums. Sie suggeriert uns, Konsum sei Schuld. Angesichts dessen hat die Werbung eine viel wichtigere Aufgabe, als naive Gemüter zu bestimmten                                                                                                               Genussmitteln zu verführen.“
Luxus ist Moral
Stehen auf der einen Seite die Kulturpessimisten, die den Konsum und angeblichen Luxus geißeln, sind auf der anderen Seite die Marketingexperten, die den Konsumenten vermitteln, dass das, was sie kaufen, eigentlich gar nicht etwas Überflüssiges, sondern ganz normal und nichts Besonderes sei. Luxus kann es in der Warenwelt nicht geben, weil Waren im Prinzip für jeden ein zu kaufendes Gut sein müssen. Die einzige Bedingung für den Erwerb von „Luxusgütern“ ist die Menge des Geldes, die man aus welchen Quellen auch immer aufbringen muss. Diese „Luxusgüter“ wiederum signalisieren anderen, dass Geld für den Käufer kein Problem ist. Die Kritiker richten ihre Kritik kaum auf die Luxusgüter, sondern darauf, wie jemand zu dem Geld gekommen ist, mit dem er diese Waren erworben hat. Die Konsumenten sollen ein schlechtes Gewissen bekommen, weil sie unrechtmäßig so viel Geld haben und dies ungerecht sei. Die Schere zwischen den Reichen und Armen sei größer geworden; also werden „Luxusgüter“ verdeckt gekauft, der Reichtum wird nicht oder nur unter den ebenso Reichen gezeigt, um die Armen nicht zu erregen. Eine Auseinandersetzung über den Sinn oder Wert bestimmter „Luxusgüter“ wird vermieden. Sobald jedoch jemand anfängt, seinen Luxus nicht nur als Resultat seiner liquiden Mittel, sondern inhaltlich als einen Ausdruck oder symptomatisches Produkt für das, was sein Menschsein ausmacht, zu definieren, wird jeder Luxus zu einer moralischen Aussage. Luxus kann eine moralische Aussage sein oder eben nur ein Statusbefund.

Moral ist Luxus
Geht es nur um das Überleben, ist Moral eine zynische Zumutung. Wird Hartz-IV-Empfängern, Asylanten o. a. von Wohlhabenden vorgeworfen, sie würden sich unmoralisch oder kriminell verhalten, so bleiben Erschleichen von Sozialleistungen, Diebstahl usw. trotz alledem nicht zu akzeptierende Taten, der Vorwurf jedoch ist zynisch, weil die, die sich „Luxusgüter“ leisten können, die Zeit und das Geld haben, sich über Moral Gedanken zu machen, während die anderen um ihr Überleben und die Teilhabe an der Gesellschaft kämpfen. Moral ist ein Luxus, der zwar nicht das alleinige Privileg der Wohlhabenden ist, der jedoch die zu fordernde Aufgabe für diese Gruppe in der Gesellschaft wäre. Die Auseinandersetzung müsste dann über das geführt werden, was möglich wird, wenn die Überlebensfragen geklärt sind. Das können Güter sein, die nach ihrem Wert an sich und ihrer Bedeutung für ein gelungenes Leben befragt werden, das können ebenso immaterielle Dinge sein, die für das Menschsein des einzelnen Menschen bedeutend sind. Eine Moral, die vor allem Verhältnisse oder die „Richtigkeit“ bestimmter Handlungen regelt und reglementiert, wird Widerstände hervorrufen, weil die Luxusseite des Menschseins mit einer solchen Moral nicht assoziiert wird. Und diese Widerstände wiederum führen dazu, dass sich Gruppen in der Gesellschaft aufgrund der Sorge um ihre Privilegien gar nicht auf einen ehrlichen Diskurs einlassen.

Thomas Holtbernd

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