Scham-Los oder Scham los?

Ratlos nach einer Ausstellung in Bonn

Was hat sich in Sachen Sexualität in den Jahren getan? Hierauf will die Ausstellung „Schamlos? Sexualmoral im Wandel“ im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn eine Antwort geben. Der Besucher steht nach dem Durchgang jedoch fragen-los da, weil diese Ausstellung keine Antworten geben will oder es einfach nicht tut und sich daher auch keine neuen Fragen ergeben. Man hat ein paar Bilder gesehen, weiß, dass die Kirche ganz heftig ihre enge Moralvorstellung eingefordert hat und die DDR viel freier war. Doch griffig und nachvollziehbar ist ein Wandel der Sexualmoral nicht. Und auch die Hoffnung, im Museumsshop ein wenig ansprechende Lektüre zu finden, wird schamlos enttäuscht. Irgendwie bleibt der Eindruck zurück, Blümchensex gab es, gibt es und ist allgemeiner Standard.

Wie auch in vielen anderen Bereichen dieser Gesellschaft scheint es üblich geworden zu sein, möglichst politisch korrekt Probleme oder Themen darzustellen. Skandale werden vermieden, Provokationen sind allenfalls so verhalten, dass man nur ein ganz sanftes Kitzeln verspürt. Die Auseinandersetzung mit einem konkreten Sachverhalt wird auf ein neutrales Ja und Nein heruntergebrochen, der Stachel wird gezogen, bevor er wehtut. Damit bleiben die Gefühle außen vor, nur der Verstand darf sich amüsieren.

Vernunft ist mehr
Sexualität ist, das wissen wir seit Sigmund Freud, keine Sache des rationalen Nachdenkens. Man sieht nur die Spitze des Eisbergs. Und eine vorzeitige Deutung dessen, was sich unter der Oberfläche abspielt, führt zu einer Verleugnung oder Verdrängung. Daher lässt sich über Sexualität nur sehr schwer reden. Fällt die Scham, so erscheint das Reden über Sexualität frei und locker. Wird der Eindruck erweckt, man schäme sich nicht, offen über Sexualität zu reden, so wird gleichzeitig angenommen, dass das Reden über Sexualität sehr sachlich sei. Dass dies jedoch tatsächlich zutrifft, dürfte angezweifelt werden. Der Umgang mit Sexualität ist ein besonderes Beispiel dafür, wie der gesellschaftliche Diskurs versachlicht wurde und diese Versachlichung mit der Verarbeitung oder Bewältigung eines bestimmten Problems verwechselt wird. Eine Sache mit der Vernunft anzugehen, schließt das Unbewusste und die Gefühle mit ein. Die vernünftige Versachlichung ist das Ergebnis eines erlernten und an der Realität orientierten Umgangs mit den Gefühlen.

Schamlos? Ja – Frei? Nein
Die Zunahme von Pornografie im Internet und den Medien, die schamlose Darstellung nackter Haut, das Schwinden bestimmter Moralvorstellungen könnte glauben lassen, die westliche Gesellschaft sei endlich die Scham los, die das rigide Moralsystem der Kirche aufgebaut hatte. Sicherlich verhalten sich Menschen, zumindest offensichtlich, nicht mehr so verkrampft und verklemmt wie es frühere Generationen wohl getan haben. Offen gelebte Homosexualität, die Befreiung der Sexualität aus den strengen Moralvorstellungen, die Veränderung der Rollenmuster bestätigen oberflächlich gesehen diese Entwicklung. Allerdings, und dies lässt sich wohl nicht nur für den Bereich der Sexualität beobachten, ist diese Befreiung in der heutigen Gesellschaft kein Reifungsprozess, sondern lediglich das Fehlen unterdrückender Moralvorstellungen. Freiheit ist hingegen auch das Produkt eines Kampfes, bei dem Feinde in die Flucht geschlagen wurden und die Sache, für die gekämpft wurde, klar auf den Fahnen steht. Scham ist eben nicht nur ein negatives Gefühl, sondern auch das Wissen und Fühlen um etwas in der eigenen Entwicklung, was gelebt werden will. Scham ist der Engpass, durch den ein Mensch gehen muss, um zur persönlichen Reife zu gelangen. Gibt es ein solches Nadelöhr nicht mehr, weil eine Gesellschaft schamlos geworden ist, dann fehlt der Zwang zur Orientierungsfindung.

Scham ist ein Los mit Gewinn
Seine eigene Scham los zu sein, mag ein Gefühl von Freiheit nach sich ziehen, andererseits ist Scham das Los des Menschen. Von dieser Aufgabe kann sich ein Mensch nur befreien, wenn er einen Teil seines Wachstumspotenzials aufgibt. Scham ist somit ein Gewinn für den Menschen. Den sexuellen Wandel in einer Gesellschaft allein unter dem Blickwinkel von Scham zu betrachten oder als Veränderung der Moralvorstellungen verengt den Sexualitätsbegriff. Sexualität ist zunächst einmal das Synonym für Lebendigkeit und die hat sich immer schon trotz Moral Bahn gebrochen. Dieser grundlegende Aspekt scheint im gesellschaftlichen Diskurs weniger beachtet zu werden als die Lockerung konservativer Moralvorstellungen und gesetzliche Regelungen für den freien Sexualverkehr. Wie die Ausstellung in Bonn wirkt diese Sexualität wenig lebendig. Damit ist diese Ausstellung möglicherweise ein Symptom für eine erstarrte Gesellschaft, in der Lebendigkeit geregelt wird und nach dem Motto „Sei doch endlich spontan!“ lebendiges Treiben einander zugerufen wird, doch kaum ein Raum ohne Regeln vorhanden ist, in dem ein freies Treiben tatsächlich und real in seiner Chaotik erlebt werden kann.

Thomas Holtbernd

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