Auf den Punkt kommen

Reden, Reden, Wortschwall und scheinbar ganz wichtig. Doch was ist die tatsächliche Aussage? Die meisten Menschen kennen wohl die Situation, dass der eine Lehrer etwas erklärt und kaum jemand versteht etwas. Dann kommt eine anderer Lehrer / eine andere Lehrerin und bringt die Sache mal ganz kurz auf den Punkt. Das Heureka ist da und man bewundert den Lehrer / die Lehrerin nicht nur für sein Wissen, sondern vor allem deswegen, dass er / sie kurz und knapp schwierige Dinge erklären kann.

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Foto: Rawpixel / fotolia.com

Etwas auf den Punkt zu bringen, ist wohl keine besondere Kunst, sondern Ausdruck einer reifen Persönlichkeit. Viele Menschen reden deshalb so viel, weil sie ihre Reden für wichtig halten und sich ihre scheinbare Größe in ihrem Vielreden spiegeln. Das Reden dient damit nicht der Erklärung eines Sachverhalts, sondern dem Darstellen der eigenen Wichtigkeit. Für die Zuhörenden ist Darstellung und Erklärung nicht immer leicht auseinander zu halten. Es klingt das Gesagte gewichtig und logisch. Und zunächst ist der narzisstische Anteil nicht zu erkennen. Rhetorisch geschulte Selbstdarsteller haben Phrasen gelernt, die wie objektive Beschreibungen klingen, doch lediglich dazu dienen, die Größe des Darstellenden zu zeigen.

Die Unterbrechung

Selbstdarsteller verhindern Unterbrechungen, entweder, weil sie laut reden oder weil sie ohne Punkt und Komma sprechen. Eine Unterbrechung stört dagegen denjenigen nicht, der weiß, was er sagen will. Sein roter Faden ist nicht die Klarheit seiner Argumentation, sondern die Grundaussage, die er mit seinem Reden vertritt. Im Grunde genommen sagt er etwas über seine Person aus und wie sich diese „Selbstoffenbarung“ in bestimmten Meinungen über die Welt entäußert. Da ein solcher Mensch diesen inneren Bezug zu seinem existenziellen Dasein spürt, kann ihn eine Unterbrechung nicht von seiner Klarheit abbringen. Für den Anderen ist genau diese enge Beziehung zwischen innerem Kern und Entäußerung spürbar. Menschen, die in sich verunsichert oder ungeordnet sind, scheinen genau durch eine solch enge Bindung zwischen Innerem und Äußerem provoziert zu sein. Um diesen Riss in sich nicht spüren zu müssen, trainieren sie ihre Argumentation und ihr rhetorisches Geschick. So wird ihnen zwar zugehört, sie lösen durchaus auch eine Faszination aus, doch wenn der Spuk vorbei ist, bleibt kein nachhaltiges Berührtsein zurück.

Glaubhaftigkeit

Es mag zwar wie ein Paradoxon klingen, dass jemand, der auf den Punkt kommt, drumherum und teilweise wenig überzeugend redet, doch lässt sich dieser Widerspruch recht einfach auflösen. Ein Mensch, der seine Grundüberzeugungen klar vor Augen hat, legt sich keine starren Argumentationen zurecht, sondern schaut auf seinen deutlich wahrnehmbaren Grund und nähert sich dem mit seinen Ausführungen. Dabei kann es passieren, dass etwas die Sicht behindert, doch nach der nächsten argumentativen Kurve ist der Blick wieder frei und die Richtung kann wieder eingeschlagen werden. Der Energieaufwand für diese „Korrekturen“ ist relativ gering. Jemand, der andere täuschen oder einer bestimmten These unbedingt treu bleiben will, muss nicht nur die Stringenz seiner Argumentation ständig überprüfen, sondern gleichzeitig einen großen Aufwand betreiben, um entweder bei einer Lüge richtig und falsch täuschungssicher auseinander halten zu können. Oder die eigentliche Unsicherheit muss ständig abgeglichen und durch eine starke Argumentation kompensiert werden. Dieser erhöhte Energieaufwand führt an den Schwachstellen zu „Aussetzern“ oder Übersprungshandlungen. Der Zuhörer merkt solche Patzer, auch wenn sie kaum wahrnehmbar sind, und bekommt das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt. Der Redner verliert an Glaubwürdigkeit. Diese Skepsis kann in Gruppen durch den Gruppendruck wieder nivelliert werden. Ein „guter“ Rhetoriker wird daher zunächst das Gruppengefühl ansprechen oder in kritischen Situationen daran appellieren und seine Argumente wie auch seine Argumentation danach ausrichten.

Die Herausforderung

Es verwundert kaum, dass Weltanschauungsfragen zu Konflikten führen und umgekehrt eine riesige Erwartung an die gestellt wird, die tatsächlich oder angeblich ihre Argumentation auf etwas ganz Wichtiges beziehen. Verführungen von Massen sind immer religiös bzw. pseudoreligiös aufgeladen. Wer auf den Punkt kommt und dies als für sich wesentlich ansieht, wird immer wieder die Erfahrung machen, dass er in ein Wespennest sticht. Egal wie unbedeutend dieser Mensch ist oder nebensächlich seine Aussage, das Bemühen, eine Aussage mit dem inneren Pol zu verbinden, entblößt die Mechanismen von Verführung und „Fassadenargumentationen“. Autoritäre oder diktatorische Systeme handeln daher auch totalitär. Ein Rebell ist leicht auszumachen und zu eliminieren. Ein Mensch jedoch, der auf den Punkt kommt, fällt in der großen Masse vielleicht gar nicht auf, betreibt auch keine Agitation, ist politisch nicht aktiv, kann jedoch eine langsame und unmerkliche Wirkung erzielen, indem sein Umfeld ebenso wie er in eher unbedeutenden Dingen die Entäußerungen mit dem inneren Kern stärker verbinden. Hat sich diese Dynamik einmal entwickelt, ist sie der beste Garant gegen Verführungen. Autoritäre Systeme müssen daher den ganz normalen Alltag rigoros beeinflussen, damit möglichst niemand auf den Punkt kommt.

Thomas Holtbernd

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