Allah verbietet das

Jasmin Merdan  - fotolia.com

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Welche Funktion haben religiöse Vorschriften für muslimische Kinder? Es geht um soziale, emotionale und kognitive Bedürfnisse.

Es ist Mittagszeit. Man riecht Großküchen-Gulasch und den Schweiß von 60 präpubertären Jungs und Mädchen. Als hätten sie seit Tagen nicht gegessen, rennen die Kinder zu den Buffetwagen, füllen hastig ihre Teller. Andere Kinder sitzen schon an den Tischen und haben begonnen, zu essen. An der Rückwand des lichtdurchfluteten Speisesaals hinter den Tischen hängt ein großes Kruzifix. Die Kinder kreischen und lachen, die Lehrer und Pädagogen versuchen lautstark, für Ruhe zu sorgen. Der Lärmpegel ist gewaltig. An einem Tisch nahe der Tür übertönt eine Stimme das Getöse: „Das darfst du nicht essen, Allah wird dich bestrafen!“

Ist das Essen hier ‚halāl‘?

Erschrocken lässt Muhammad* seine Gabel sinken. Gedroht hat ihm sein Gegenüber, sein Klassenkamerad Muhrad*. Beide Jungs sind 11 Jahre alt, etwas kleiner als andere in ihrem Alter, beide haben kurzgeschorene schwarze Haare und einen dunklen Teint, beide haben ihren Teller bis zum Rand voll geschaufelt mit Nudeln, denn sie konnten zuhause vor Aufregung nicht frühstücken und jetzt haben sie großen Hunger. Muhammad und Muhrad besuchen die 5. Klasse eines Gymnasiums im Frankfurter Westen. Mit ihrer Klasse und der Parallelklasse sind sie für drei Tage in einem Jugendhaus im Westerwald. Die Klassenfahrt dient pädagogischen Zielen. Diesen Ausdruck kennen die Jungs nicht. Sie haben aber gehört, dass sie sich besser kennenlernen und vertragen sollen, und irgendetwas mit Regeln. In Wirklichkeit bewegen sie aber nur drei Fragen: Wann haben wir Freizeit? Wann können wir süße Getränke kaufen? Und: Ist das Essen hier ‚halāl‘?

Religiöse Vorschriften

Während Muhamad seine Gabel mit Gulasch und Nudeln in den Mund schieben wollte, liegt auf Muhrads Teller nur ein großer Berg trockener Nudeln. Er weiß, dass es sich um Rindergulasch handelt, aber er ist überzeugt, dass ihm die Speisevorschriften seiner Religion den Verzehr verbieten. Dann isst er lieber gar kein Fleisch. Er kann auch erklären, wo das steht. Ob der Islam tatsächlich vorschreibt, dass ein Kind in einem nicht-islamischen Land auf einer Reise in einem fremden Haus die strengen Speisevorschriften einhalten muss? Muhrad glaubt das jedenfalls. Und das genügt erstmal als Begründung. Er darf das Fleisch nicht essen, auch wenn es Rindfleisch ist, weil es nicht nach den entsprechenden religiösen Vorschriften geschlachtet wurde.

Regelkonformismus oder Identitätssuche

Diese Szene ist kein Einzelfall. Die meisten 11-Jährigen, wie Muhrad, fallen sowohl im Unterricht als auch in der Freizeit vor allem dadurch auf, dass sie Schwierigkeiten haben, sich an Regeln zu halten. Beim Essen jedoch halten sie sich nicht nur übermäßig streng an Vorschriften, sondern fühlen sich auch befugt, diese lautstark zu verteidigen. Hinter dem vermeintlichen religiösen Regelkonformismus steckt die Suche nach Identität. Die Kinder entdecken durch die Vorschriften, die den anderen Kindern und vor allem den Pädagogen so fremd sind, die Möglichkeit, sich zu profilieren. Sie können zeigen, dass sie einzigartig sind. Es ist nicht nur eine emotional-soziale Ebene, die sie damit bedienen. Es geht auch um kognitive Elemente.

Ich kann etwas, ich weiß etwas

Die muslimischen Kinder, die nur ‚halāl‘ essen möchten, können häufig ziemlich genau erklären, wo im Koran oder anderen wichtigen Texten die entsprechenden Vorschriften zu finden sind. Sie wissen, wie ein Tier geschlachtet werden muss, damit sie dessen Fleisch essen dürfen. Sie haben das Bedürfnis, zu zeigen, dass sie etwas gelernt haben, es wiedergeben und sogar praktisch anwenden können; eigentlich die Wunschvorstellung jedes Pädagogen. Die Kinder wollen demonstrieren, dass ihre kognitiven Fähigkeiten besser sind als ihre Schulnoten das nahelegen.

Kinder wollen wahrgenommen werden

Es ist, als wollten sie den schulischen Autoritäten beweisen, dass sie die wesentlichen Dinge des Lebens schon begriffen haben. Als Kinder einer religiösen Familie und Tradition, haben sie deren Regeln verstanden und übernommen. Die Kinder wünschen sich, dass die Autoritäten in der Schule das anerkennen: sie, die Kinder, haben sehr wohl etwas vom Konzept ‚Autorität‘ kapiert. Nur fällt es ihnen oft so schwer, das im Unterricht und auf dem Pausenhof zu zeigen. Die Einhaltung ihrer religiösen Regeln schützen die Kinder vor der Angst, einseitig, vielleicht nur negativ wahrgenommen zu werden.

Ein Zeichen von Respekt

Wenn die Pädagogen am Abend durch die Schlafzimmer der Kinder im katholischen Jugendhaus gehen, um eine Gute Nacht zu wünschen, finden sie meistens ein Zimmer, in dem die Kinder das einfache Holzkreuz von der Wand genommen haben. „Unsere Religion verbietet uns das“ lautet die Begründung – oder: „Wir haben Angst davor“. Es ist ein Zeichen von Respekt als Gast in einem christlichen Haus, die Kreuze nicht abzuhängen – diese Begründung akzeptieren die Kinder. Denn Respekt davor, wer sie sind und was sie brauchen, wünschen auch sie sich.

Ich will gerade das Licht im Zimmer ausschalten, da fragt Muhrad plötzlich: „Herr Schmidt, Entschuldigung, wo ist denn hier Norden?“ „Willst Du das für Dein Gebet wissen?“, frage ich zurück, „dann meinst Du sicherlich Osten, oder?“ Der Junge lächelt unsicher und sagt dann: „Ja, wir wollen heute Nacht zusammen hier im Zimmer beten.“ In dem Zimmer schläft auch ein christlicher Junge. Später höre ich durch die verschlossene Zimmertür leises Getuschel. Muhrad fragt: „Was betet ihr denn abends?“ Während mehrere Kinder gleichzeitig ihr „Allahu akbar“ anstimmen, höre ich leise eine einzelne Stimme heraus: „Vater unser im Himmel…“.

Matthias Alexander Schmidt
hinsehen.net-Redaktion

*Alle Namen wurden redaktionell geändert.

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