Religionen – Abkehr vom Liberalismus

Foto: UbjsP / fotolia.com

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Jesus war kein Rigorist

Das Votum der Iren für die Anerkennung homosexueller Partnerschaften als Ehe liegt voll im Trend der Liberalisierung: Frei entscheiden, frei wählen, in seiner Entscheidung anerkannt werden, möglichst kein normativer Einfluss, schon gar nicht von einer Religionsgemeinschaft. Das Private soll ganz dem Einzelnen überlassen bleiben. Wer sich als „liberal“ einschätzt, kann sich von der öffentlichen Meinung bestätigt fühlen. Aber das gilt nur für den westlichen Denkhorizont. Wir blenden die weltweiten Entwicklungen aus. Viele Kulturen fühlen sich durch die westliche Lebensweise bedroht. Sie greifen gerade deshalb auf ihre religiösen Traditionen zurück, um ihre Identität zu verteidigen.

Der Hinduismus

Indien gilt für den Westen als wichtiger Wirtschaftsfaktor und wird zugleich wegen seiner Demokratie als auf dem Weg hin zu westlichen Ideal gesehen. Inder machen Karriere in global agierenden Firmen. Das gilt nicht nur für die Industrialisierung und die Informationstechnologien. Die Mittelschicht im Hinduismus hat sich der westlichen Vorstellung von Familie angenähert: Die Paare bekommen nur noch zwei Kinder im Durchschnitt, für die sie eine gute Ausbildung suchen. Ebenso entscheiden christliche Ehepaare, nicht jedoch die muslimischen. Nicht registriert wird, dass der Hinduismus Indien mit dieser Religion identifiziert. Nur ein Hindu kann echter Inder sein. Christen und sogar die 135 Millionen Muslime des Landes gelten für diese Kreise des Hinduismus eigentlich als Ausländer. Dieses Religionsverständnis wird von den Brahmanen gefördert, die nicht nur Dienst an den Tempeln leisten, sondern auch in den Medien bestimmend sind; s. dazu Hinduistischer Fundamentalismus.  Hinter der regierenden Bharatiya Janata Party (BJP) steht eine nationalistisch geprägte hinduistische Bewegung. Auch wenn der Ministerpräsident Narendra Modi auf der Hannover-Messe für Kooperation wirbt, im eignen Land sind die Nicht-Regierungsorganisationen weitgehend verboten. Das leitet zu Russland über:

Abkehr vom Westen mit langer Tradition in Russland

Russland wird als Schöpfung Peters d.Gr. gesehen, der das Land zum Westen hin öffnete. Das ist aber nur die westliche Sicht, die sich als Falsch erwiesen hat. Dagegen haben sich immer nationalistische Kreise gewandt. Diese prägen die Kultur Russlands und beziehen sich dabei auf die orthodoxe Kirche des Landes. Deren Patriarch Kyrill distanziert sich vom „dekadenten Westen“. Die kulturellen wie sozialen Aktivitäten der Nichtregierungsorganisationen werden verboten, um so ihren politischen Einfluss abzuwehren. „Westlich“ ist nicht mit dem Russischen zu vereinbaren. Sicher ist einer der Gründe, dass Russland, würde es sich als Teil des Westens verstehen, einer von vielen Staaten sein müsste. Damit würde es den Anspruch auf das Gewicht einer „Großmacht“ aufgeben. Wenn Russland seine Identität durch Abgrenzung zum Westen neu zu bestimmen sucht, ist das aber nicht nur ein politischer Schwenk. Dahinter stehen kulturelle Traditionen und eine Kirche, die bisher eine Begegnung mit dem Patriarchen des Westens, dem römischen Papst, immer ausgeschlossen hat.

Die antiwestlichen Kräfte im Islam

Die fundamentalistischen Gruppen im Islam einigt die Ablehnung des Westens. Auch hier suchen die Menschen ihre Identität im Rückgriff auf die Religion. Das gilt für die Taliban wie für andere fundamentalistische Gruppen. Der tragende Gedanke dieser Bewegungen wird im Westen nicht wahrgenommen: Eine muslimisch geprägte Gesellschaft hat nicht die Menschenrechte als Basis, sondern die von Gott gewollte Scharia. Es ist der Auftrag des Islam, dieses Gesetz Gottes in jeder Gesellschaft durchzusetzen. Obwohl sich viele Muslime durch die industrielle wie auch die intellektuelle Überlegenheit des Westens bedroht fühlen, sehen sie den Islam als die endgültige bestimmende Macht. Denn weil der Islam die ganze Welt bestimmen soll, muss er überall die Scharia zur Geltung bringen, damit die Menschen ein gottgefälliges Leben führen. Sie sehen den endgültigen Erfolg des Islam als garantiert und werden alles andere tun, als sich den Prinzipien des Westens anzupassen. Auch aus ihrer Sicht ist der Westen dekadent und damit zum Untergang verurteilt. Die völlig fehlgeleitete Einschätzung des Islam im Westen zeigt der Erfolg von „Reformiert euch“ der somalischen Autorin Ayaa Hirsi Ali, die den Westlern die Sicherheit zu geben scheint, dass der Islam sich dem westlichen Konzept von Gesellschaft und Kultur annähern wird, wenn man die Reformer des Islam nur mehr unterstützt. Kenner des Islam halten das für eine Illusion.

Homosexualität als Merkmal der Dekadenz

In allen hier beschriebenen Kulturen wird Homosexualität als deutlichster Ausdruck der Dekadenz gesehen. Was im Westen als „political correctness“ gilt, ist für den größeren Teil der religiös geprägten Kulturen absolut „not correct“. Die massive Verfolgung Homosexueller ist sicher ein Verstoß gegen die Menschenrechte. Aber zu hoffen, dass mit der Anerkennung der homosexuellen Partnerschaften die westliche Zivilisation in den Ländern mehr Akzeptanz finden wird, ist eine Illusion. Zwar wird die Gleichberechtigung Homosexueller als ein Zeichen der Überlegenheit des Westens gesehen, aber nur von denen, die im Horizont dieser Konzeption denken.

Europa hatte die besseren Konzepte

Der Westen fühlt sich überlegen. Mit dem Aufbau der Kolonialreiche im 19. Jahrhundert, dem industriellen Vorsprung und der überlegenen Staatsform westlicher Demokratie ist es Europa gelungen, Einfluss auf die ganze Welt zu nehmen. In den USA haben diese Ideen eine große Weltmacht geformt. Dieses Land ist aber nicht nur christlich geprägt, in ihm gewinnen fundamentalistische religiöse Kräfte einen immer größeren Einfluss auf die Politik. Was Europa nicht wahrhaben will: Diese erfolgreiche westliche Gründung kontrolliert alle Daten derjenigen, die sich auf einer der digitalen Plattformen eingeloggt haben. Vielleicht ist Europa einmal auf die Länder angewiesen, die heute als unterentwickelt gelten, wenn es diese Kontrolle aufbrechen will. So überlegen die technischen Systeme des Westens sind, ob im Zusammenhang mit Verkehr, Gesundheit oder Information, sie sind auch eine Provokation, die zum Wachstum fundamentalistischer Strömungen führen

Das Christentum ist nicht fundamentalistisch

Jede religiöse Renaissance folgt dem Imperativ: Nimm die Religion ernster, besinne dich auf ihre Ursprünge und folge diesen entschiedener. Die geforderte Strenge führt leicht zu einem Mehr an Kontrolle, schärfere Strafbestimmungen, Eindämmung der sexuellen Freizügigkeit. Verbindet sich eine religiöse Renaissance mit nationalistischen Strömungen, kommt es zu heftiger und auch oft gewaltsamer Abgrenzung gegenüber anderen Bekenntnissen.
Was heißt aber im Christentum „religiöse Strenge“? Es ist anders als im Islam und auch im Judentum nicht die striktere Befolgung und damit der Urgierung religiöser und moralischer Gesetze. Auch wenn das Kopftuch nicht einfach als Symbol für die Unterdrückung der Frau abgestempelt werden kann, die Rückkehr auch junger Frauen zu diesem Kleidungstück zeigt die verstärkte öffentliche Kontrolle im Zusammenhang mit der Rückbesinnung auf die eigene Religion. Im Christentum ist auch Entschiedenheit gefragt, ein geordneter Tagesablauf, Befolgung der 10 Gebote, Zeit für das Gebet. Jedoch spielt die Sorge für den Nächsten eine große Rolle. Ohne Nächstenliebe keine religiöse Vertiefung. Entscheidend kommt hinzu, dass der Sünder von Menschen nicht verdammt werden darf. Weiter gibt es auch keinen Auftrag, Gott gegenüber seinen Beleidigern zu rächen. Schon die jüdische Bibel kennt das Verbot, im Namen Gottes gewalttätig zu werden: Gott sagt: „Mein ist die Rache.“

Neuer religiöser Auftrag für Europa

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts sind aus Europa und den USA viele Missionare und Missionarinnen aufgebrochen. Inzwischen gibt es in allen Ländern christliche Kirchen. Heute kommen aus Europa allenfalls Entwicklungshelfer, die nur zeitweise in einem Land tätig werden. Missionare stellt inzwischen Indien. In China, wo das Christentum am schnellsten wächst, achtet die Partei darauf, dass ausländische Missionare nicht zum Einsatz kommen.  Wenn die Religionen weltweit rigider werden, könnte es Aufgabe des Christentums sein, ein religiöses Gleichgewicht zu vermitteln. Dieses besteht darin, dass Entschiedenheit nicht zu Rigorismus umschlägt und die Tendenzen, andere Bekenntnisse auszugrenzen und sogar mit Gewalt zu bekämpfen, durch das Gebot der Nächstenliebe aufgefangen werden. Europa hat über Jahrhunderte mit diesen Fragen gerungen, es könnte diese Erfahrungen „exportieren“ und damit einen Beitrag zur religiösen Entwicklung leisten, für den vor allem der Islam kaum Ressourcen in seiner Tradition hat. Ein offensiv verfochtener Liberalismus wird in anderen Teil der Welt als Angriff auf die religiöse und moralische Identität gesehen.

Eckhard Bieger S.J.

Ein Gedanke zu “Religionen – Abkehr vom Liberalismus

  1. Projektionen…
    Der im-und exportierte Liberalismus ,lässt er nicht die korrumpierten Eliten deren Länder ausbluten ?
    Und provoziert er nicht die sich gerade deswegen bei den „Religiösen“ aus ohnmächtiger Wut speisenden Gewaltexzesse ?

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