Islamisches Recht – pluraler als gedacht

Das Wort Madhhab - bedeutet

Wie der Islam aus Koran und der Überlieferung Rechtssysteme entwickelt hat

Wir werden mit Sätzen aus dem Koran konfrontiert, die z.B. die Zerstörung von religiösen Skulpturen rechtfertigen sollen und sogar den Tod so genannter Ungläubiger als Auftrag an Muslime nahelegen. Was ist das für ein Recht und wie soll man es verstehen? Wie im Alten Testament gehören die Rechtsvorschriften zum Corpus der religiösen Texte. Obwohl es eine jahrhundertealte Rechtswissenschaft gibt, erscheint der Islam wenig auskunftsfreudig, wenn es über Behauptungen von Islamisten zur Rechtfertigung ihrer Taten geht. Die Theologen dieser Religion halten sich auch dann zurück, wenn wie nach dem weltweiten Aufsehen nach dem Attentat in Paris und neuerdings bei der Zerstörung von Kulturdenkmälern, nach der Begründung solcher Handlungen gefragt wird. Aber nicht alle schweigen. Es gibt Stimmen, die über den Islam Auskunft geben. Die Phil.-Theol. Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt hat eine Reihe zum Islam auf Video dokumentiert. Der in Tübingen lehrende Tunesier Mouez Khalfaoui  stellt das islamische Rechtsverständnis vor. Hier einige zentrale Punkte, die zumindest einen Einblick geben, wie Anhänger des Islam zu der Erkenntnis kommen können, die Kulturdenkmäler von Palmyra oder vor Jahren die Buddha Statuen in Afghanistan müssten zerstört werden.

Der Koran ist nicht als Rechtsbuch konzipiert

Wie die anderen Schriftreligionen stand auch im Islam nicht der Text am Beginn, sondern die Predigt. 610 beginnt Mohammed in Mekka als Prophet zu wirken. 622 geht er von Mekka nach Medina. Dort ist er nicht mehr nur Prophet ist, sondern übt auch politische Funktionen aus. Ab 632 werden die mündlichen Traditionen aufgeschrieben. Das Rechtssystem innerhalb des Islam hat sich schrittweise entwickelt. Anders als von Vertretern der Religion behauptet wird, im Koran liege bereits die Rechtsordnung vor und es könne in einzelnen Fällen unmittelbar aus den Texten die Entscheidung abgelesen werden, machen von den etwa 6.000 Versen des Korans die juristischen Texte nur 500 Verse aus. Das ist im Alten Testament anders. Dort gibt es mehrere Gesetzessammlungen, so im Buch Exodus, in Leviticus und dann noch einmal im Deuteronomium, das im Titel schon als „Zweites Gesetz“ bezeichnet wird. Im Islam gab es, wie vorher im Judentum, eine längere Entwicklung, die sich nicht allein aus dem Koran, sondern von den Aussagen und Handlungen des Propheten herleitet. Da Mohammed in seiner Zeit in Medina nicht nur als religiöser Führer wirkte, sondern politische Macht ausübte, musste er Recht sprechen. Es sind einzelne Entscheidungen wie auch Aussagen von ihm überliefert, Hadith genannt. Aus dem Koran und den Entscheidungen Mohameds ist die Scharia abgeleitet, die jedoch nie als Gesetzessammlung existierte, sondern eher die Methodik der Rechtsfindung bestimmte. Als dann Mohammeds Nachfolger große Reiche zu verwalten hatten, entstand immer mehr juristischer Regelungsbedarf. Die frühen Theologen des Islam haben jeweils zur Entwicklung des Rechts beigetragen.

Die vier großen Rechtsschulen des sunnitischen Islam

Aus der kontinuierlichen Entwicklung des islamischen Rechts bildeten sich ab 750 vier Schulen heraus. diese setzen jeweils andere Akzente. Die ḥanafitische Richtung wurde zur offiziellen Schule unter den Abbasiden, die ab 750 das Kalifat innehatten. Sie wurde dann auch von den türkischen Kalifen übernommen. Sie entwickelten eine Methodik, die zuerst von der Situation ausgeht und dann in den Rechtsquellen eine Antwort suchen. Die schafiitische Schule sucht zuerst, die Texte richtig zu verstehen. Sie sucht mit Analogieschlüssen zu Lösungen zu kommen. Diese Schule ist in Ägypten und unter den Kurden verbreitet. Die mālikitische Schule  erkundet zuerst nicht den Koran, sondern wie der Prophet die Frage gelöst hat und bezieht sich damit vor allem auf sein Reden und Handeln in Medina. Sie ist vor allem in Nordafrika vertreten. Die hanabalitische Schule sucht zuerst im Koran oder in der Überlieferung des Propheten nach einer Reglung. Diese wird direkt umgesetzt, ohne dass andere Rechtsauslegungen herangezogen werden. Dieser Schule folgten Teile von Syrien und heute vor allem Saudi Arabien.

Die heutige Rechtsverständnis entstand erst im 16. Jahrhundert

Nach Aussage des Referenten setze sich im 16. Jahrhundert die hanabalitsiche Schule als gültig anerkannt wird. Das ist erstaunlich. Denn obwohl der Islam keine Konzilien noch eine Lehrautorität kennt, die verbindlich Regelungen erlassen kann, hat sich das Rechtsverständnis auf die heute immer wieder formulierte Methodik verengt, nur die direkte Auslegung des Koran und der Worte und Handlungen des Propheten führe zum Recht. Das ist zwar ein Zurück zu den ersten Quellen, aber nicht zur Entwicklung des Rechts im Islam.

Muslime und das deutsche Recht

Die Mehrheit der Muslime und ihrer Organisationen erkennen das geltende Recht und die Verfassung der Länder, in denen sie leben an. Die DITIB u.a. Vertretungen des Islam erkennen ausdrücklich das Grundgesetz und die Rechtsordnung der Bundesrepublik an. Es gibt Gruppen im Islam in Deutschland, die diese Rechtsordnung ablehnen, so die Salafisten. Der Referent ordnete diese Gruppen so ein wie links- oder rechtsextreme Gruppierungen, die z.B. die Demokratie ablehnen.

Der Islam ist seit Jahrhunderten anders als in seiner Entstehungszeit

Es gibt auch in diesem Referat die Feststellung, dass der Islam zu Beginn auch in seinem Rechtsdenken breiter angelegt war, es aber im Mittelalter zu einer starken Verengung gekommen ist. Obwohl Salafisten u.a. es behaupten, werden wir heute nicht mit dem Islam der Frühzeit, sondern mit einer Engführung konfrontiert, die irgendwann entstanden ist. In den ersten Jahrhunderten gab es einen offenen Diskurs. An der hanafitischen Rechtssammlung sollen bis zu 500 Gelehrte beteiligt gewesen sein. Wenn es also um unterschiedliche Sichtweisen in der Auslegung der religiösen Texte, also um theologische wie auch juristische Diskussionen geht, muss der Westen dem Islam nicht sein System aufzwingen. Das ist die Aussage des Buches von  Ayaan Hirsi Ali,. Man sollte den Titel des Buches ergänzen: „Reformiert euch, indem ihr zu eurer Geschichte zurückkehrt!“  Für den christlich-islamischen Dialog heißt das, die ersten Jahrhunderte der Geschichte der Religion zu erkunden und zu vergleichen.

Zusammengestellt von Eckhard Bieger

 Link zum Vortrag über Islamisches Recht 

Hinweis: Dem Vortrag ist eine Begrüßung von etwas 5 Minuten vorgeschaltet. Erst dann erscheint der Redner auf dem Bildschirm

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