Begeisterung oder Starrummel 

Ereignisse, bei denen Stars auftreten, sind davon gekennzeichnet, dass eine große Menge von Menschen einem oder wenigen Personen zujubeln, kreischen oder ausflippen. Personen, die in der Öffentlichkeit stehen, können sich einer solchen Dynamik kaum entziehen, selbst wenn sie von ihrem Image eher Demut und Bescheidenheit vermitteln wollen. Wie kommt es zu solchen Massenphänomenen? Rührt so ein Starrummel an primitive Triebe des Menschen? Oder ist es echte Begeisterung für eine Sache, für die der Star nur als Projektionsfläche dient?

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Foto: Thomas Holtbernd

Gerät man in eine Situation, wo viele Menschen in aufgeregter Stimmung sind, Kameras bereithalten, sehnsüchtig in eine Richtung gucken und dann anfangen zu schreien, wenn der Star erscheint, kann man sich zwar entziehen, doch lässt sich die Ahnung nicht abstreifen, dass da etwas Großes passiert. Und selbst wenn man den Star für unwichtig und unbedeutend hält, trägt die Atmosphäre etwas Bedeutsames.

Begeisterung

Vor jedem Starrummel steht zunächst die Bewunderung. Da macht irgendeine Person etwas, was in der Wahrnehmung einiger Menschen etwas Besonderes ist. So wie diese Person kann es kein anderer. Es ist eine besondere Leistung oder eine besondere Art, etwas zu tun. Die Frage ist, wie sich eine solche Bewunderung in eine Dynamik verwandelt, die dann fast nur noch die Person im Fokus hat, die das Bewundernswerte tut? Möglicherweise ist die Erklärung ganz einfach. Dass ein Mensch unter anderen herausragt, weil er etwas kann, was die meisten nicht können, führt zu einer narzisstischen Kränkung. Diese Kränkung kann jedoch verwandelt werden, indem ein Leib gebildet wird, von dem ich als einzelner ein Teil bin. Die Begeisterung, die Aura, die Atmosphäre, die Gefühle schaffen einen Raum, eine Verdichtung, einen eigenen Leib. Je mehr der Einzelne diesen Leib festigt und vergrößert, desto stärker wird das Gefühl des einen Leibes. Aus der Bewunderung ist eine gemeinschaftliche Begeisterung geworden und der Körper dieser Begeisterung ist stark, haltend und verlässlich, da nur der Star auftreten muss. Die einzige Bedingung für dieses große Gefühl ist dieser Star.

Starrummel

Die gemachte Erfahrung mit diesem Star würde zwangsläufig wieder zurück in die narzisstische Kränkung führen, wenn nicht eine Zelle, ein Anteil aus diesem Leib der Begeisterung herausgebrochen wird. Das kann sehr virtuell sein, nämlich als Foto oder Film, es kann aber auch fassbar sein, man hat den Star angefasst, ein Autogramm ergattert, ein Kleidungsstück bekommen oder einen „Fanartikel“ erworben, durch den man die Anwesenheit des Stars und damit die Fühlbarkeit dieses Leibes herstellen kann. Der Starrummel ist der Schutz davor, wieder hinter die Begeisterung schauen zu müssen. Denn da steht der Mensch, der sieht, wie unbedeutend er ist. Die Hoffnung der Fans hingegen bezieht sich darauf, dass der Star zu ihm kommt, ihn quasi erwählt und damit für einen kurzen Augenblick in den strahlenden Glanz der Öffentlichkeit bringt.

Bewunderung

Wer die Leistungen eines Menschen bewundert und anerkennt, der kann dies nur, weil er eine eigene innere Stärke kennt. Weil er vielleicht selber z. B. Musik macht und eine gewisse Fertigkeit entwickelt hat und gerade deswegen neidlos anerkennen kann, dass der bewunderte Star einfach besser ist. Man spürt den Stachel, weiter zu üben, besser zu werden, den Star vielleicht zunächst zu imitieren und dann über ihn hinauszuwachsen. Aus einer Bewunderung kann sich eine Begeisterung entwickeln. Sie wird jedoch immer begrenzt sein, weil das Wissen nicht verdrängt wird, dass eine bestimmte Gabe oder Begabung von vielen weiteren Faktoren abhängig ist. Ein Starrummel dagegen blendet solche Möglichkeiten aus und muss daher die Leistung oder die Begabung einzig an den Star binden. So könnte man als Aphorismus zusammenfassen: Wer zur Bewunderung zu schwach ist, der braucht den Starrummel.

Thomas Holtbernd

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