Auf der Suche nach der Männlichkeit in einer vaterlosen Gesellschaft

1963 sprach der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich darüber, dass wir auf eine vaterlose Gesellschaft zusteuern. Was in den 60ern noch weitgehend Zukunftsmusik war, ist im 21. Jahrhundert Wirklichkeit geworden: Viele Mädchen und Jungen wachsen ohne Vater oder männliche Vorbilder auf. Viele flüchten daher in Klischees.

 

Powerlifter with strong arms lifting weights

Foto: Andriy Petrenko / fotolia.com

Es beginnt schon in der Schule

Es geht weniger darum, Kritik an den pädagogischen Methoden zu üben, wie berechtigt oder unberechtigt sie auch sein mag, sondern schlicht darum, festzustellen, dass fast nur noch Frauen im Erziehungssystem arbeiten. Bis auf die Ausnahme des Kindergartens, in dem die Anzahl an männlichen Erziehern zunimmt, sieht man von der Grundschule bis zur Hochschulreife immer weniger Männer als Lehrer und Pädagogen. Das mag dazu führen, dass Jungen Schule und Erziehung vor allem als etwas Weibliches wahrnehmen, als etwas, das mit ihnen nichts zu tun hat. Es kann daher kaum verwundern, dass Mädchen Jungs im schulischen Bildungssystem überholen, da sie durch die Feminisierung des Bildungssystems bevorteilt sind. Die zunehmenden Autoritätsprobleme bei Jungen können auch damit zusammenhängen.

Familie ohne Vater

In den Familien setzt sich der Trend zur weiblichen Erziehung oft fort. Viele Mütter sind heute alleinerziehend oder es bestehen „Patchwork“-Strukturen, in denen die Vaterrolle zweifelhaft ist. Dabei geht es weniger um Rollenbilder, als vielmehr darum, dass einfach ein Vater da ist. Viele Erziehungsarten haben weniger mit angeblichen „sozialen Konstrukten“ zu tun. Wichtig ist schlicht, dass beide Eltern – Mann und Frau – da sind. Wenn nun aber ein Elternteil fehlt, fehlt eine wichtige Dimension im Heranwachsen. Jungs fehlt dann das männliche Vorbild, an dem sie sich abarbeiten oder ihre eigene Identität finden können. Mädchen suchen oft bei anderen erwachsenen Männern nach einem Vaterersatz.

Die Flucht in Klischees

Der Irrtum des Feminismus liegt unter anderem darin, zu glauben, man könne durch die Entmännlichung der Pädagogik und Familien die Gesellschaft so „umerziehen“, dass sie besser werde. Das Gegenteil erweist sich als zutreffend. Die vaterlose Gesellschaft hat zu einem Identitätsproblem geführt, dass vor allem bei Jungen vermehrt die Suche nach der eigenen Männlichkeit ausgelöst hat. In Schule und Familie kann diese meist nicht gefunden werden, aber die Suche ist da und sie bleibt.

So suchen viele junge Männer Halt in Klischees: „Wann ist der Mann ein Mann?“ heißt es in Herbert Grönemeyers Lied „Männer“. Diese Frage wird zunehmend damit beantwortet, dass Männer  traditionelle Klischees bedienen wollen: Der Mann studiert nicht Geisteswissenschaften, sondern BWL oder Maschinenbau. Der Macho ist wieder in, dazu braucht man nur den Fernseher einzuschalten. Anstatt der Entmännlichung der Pädagogik entgegenzuwirken, wird dieser Platz aufgegeben. Die neue, alte Männlichkeit hat ihre Vorbilder in der Wirtschafts- und Finanzwelt. Durchsetzungsfähig, stark, maskulin, dominant – es wird wieder alles rausgekramt, was angeblich „überholt“ ist. Die Medien zeigen, wie beliebt dieses Männlichkeitsbild nach wie vor bei den Frauen ist. Dialektik der Geschichte: Die These des Feminismus ist zur Antithese geworden.

Josef Jung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s