Der Himmel auf Erden 

Wie immer, wenn Brückentage anstehen, drohen Mega-Staus auf den Autobahnen und Pfingsten wurde in diesem Jahr, weil die Bahn die Streikfolgen noch zu bewältigen hat und nicht so zügig fährt, ein Fest der Aufregung über das Stehen. Das Fronleichnamswochenende steht bevor. Fragen könnte man, warum dieser Stress?

Kreidefelsen auf der Insel Rügen.

Foto: Rico K. / fotolia.com

Hätte man nicht den Himmel auf Erden, bliebe man völlig entspannt daheim? Was treibt die Menschen dazu, sich von A nach B zu bewegen? Ist es in B schöner oder besser und findet man dort die Erholung, die man gesucht hat? Die Frage, was wirklich der Himmel auf Erden ist, stellen sich nur wenige. Die Antwort hierauf findet man möglicherweise auch eher hinter verschlossenen Türen als unterwegs. Die Angst, etwas zu verpassen, drängt viele Menschen dazu, sich in Bewegung zu setzen. Als Angsthase gilt, wer sich scheu zurückzieht.

Fiele der Himmel auf die Erde, wäre dies eine Katastrophe. Vom Himmel auf Erden reden wir, um etwas Wunderschönes auszudrücken, etwas, was eigentlich unrealistisch ist. Planen oder organisieren lässt sich ein solcher Gefühlszustand nicht. Es ist ein Glück. Das weiß sogar Andrea Berg. Ein Lied von ihr ist als „Himmel auf Erden“ betitelt, verleiht ihr Flügel und die Wunden sind verheilt. Der Himmel auf Erden ist allerdings wesentlich älter als Andrea Berg und stammt aus Österreich. 1935 erschien gleichnamiger Film, eine Komödie, in der es natürlich auch um Liebe geht. Die Wendung „Himmel auf Erden“ verweist jedoch auf mehr als Schlager und Komödie. John Milton, der englische Dichter (1608-1674), schreibt diese Wendung in sein Epos „Das verlorene Paradies“. Im Deutschen wurde die Wendung durch Jean Paul (1763-1825) bekannt.

Der Ort für Menschen ohne Sorgen

Himmel und Paradies, in einer eher oral bestimmten Variante auch das Schlaraffenland, gelten als Orte der Glückseligen. Keine Sorgen, kein Leid, nur unendliches Glück bestimmen das Leben. Dass solche Vorstellungen die Macher seichter Unterhaltung inspiriert, ist nachvollziehbar. Wer leichtgläubig und naiv ist, der mag glauben, dass himmlische Zustände auf Erden herrschen könnten oder will sich in eine solche Vorstellung flüchten. An der Realität orientierte Menschen verwechseln Himmel und Erde nicht. Sie mögen sich wünschen, dass es auf Erden auch mal himmlisch zugeht, doch sie wissen, dass dies kein Dauerzustand sein kann. Einen Ort ohne Sorgen gibt es nicht. „Himmel auf Erden“, die Filmkomödie aus dem Jahr 1935, endet mit der Auflösung der Verwicklungen, die zwei Männer inszeniert hatten, um dem einen seinen Weg als Komponisten zu ermöglichen. Erfolg und das Bekenntnis zur wahren Identität gehen ein Bündnis ein.

Himmel ist der Durchbruch

Ein glückseliger Zustand, der Himmel auf Erden, ist das Ende eines Rückzugs. Jemand, der sich auf den Weg macht und das Glück sucht, wird sich verirren, weil er seinen inneren Schmerz der Suche nach Identität nicht beachtet. Glück ist individuell, für jeden ist es etwas anderes. Das Glück ist nicht Glück als allgemeines Gefühl. Es lässt sich erst erkennen, wenn die Frage, auf die das Glück die Antwort ist, gestellt wurde. Der Himmel ist nur sichtbar, wenn der Glücksucher auf der Erde ist. Fallen Himmel und Erde zusammen, kann nicht mehr unterschieden werden. Der Durchbruch ist die Erkenntnis, dass der Himmel nicht auf Erden ist. Aus einer nicht erfüllbaren Sehnsucht wird die Gewissheit der eigenen Identität. Und in dieser Identität spiegelt sich der Himmel.

Auf in den Stau!

Menschen, die sich aufmachen, um an einem anderen Ort ihren Himmel zu finden, werden immer wieder frustriert sein. Sie suchen eine Befriedigung im Außen. Sie werden erneut in einen Stau fahren und sich über die anderen ärgern, die auch einen himmlischen Ort suchen. Der Himmel wird als etwas Materielles oder konkret Fassbares gedacht. Was sich in einem Spiegel spiegelt, ist nicht konkret oder materiell vorhanden. Dennoch kann z. B. eine Blume, die gespiegelt wird, eine Entzückung über deren Schönheit auslösen. Die Entzückung als eine innerliche Bewegung unterscheidet sich nicht. Und wahrscheinlich fällt es vielen Menschen schwer, sich auf die Entzückung zu konzentrieren. Stattdessen suchen sie nach dem, was die Entzückung auslösen könnte. Je lauter und je äußerlicher, desto weniger spürbar die Entzückung. Der Reiz muss immer stärker werden, damit eine Reaktion erfolgen kann. Also, auf in den Stau! Denn da wird es ruhig, nichts bewegt sich mehr und die Blume, die sich ihren Weg durch den Asphalt bricht, kann bei den zum Stillstand gekommenen Reisenden, vielleicht eine Entzückung auslösen.

Thomas Holtbernd

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