Am Anfang der Religion steht Gewalt

Terror wächst aus Unzufriedenheit
Gewalttaten im Namen der Religion zwingen uns, über diesen Zusammenhang nachzudenken und dies nicht nur als eine politische Frage zu sehen. Europa hat eine religiöse Gewaltgeschichte, die letzten religiös aufgeladenen Konflikte, ob in Nordirland oder auf dem Balkan, erinnern an die Konfessionskriege. Religion ist nahe an der Gewalt gebaut. Ist sie geeignet, Gewalt zu überwinden? Offensichtlich nicht einfachhin.

Herauslösung der Religion aus den gesellschaftlichen Bezügen
Die Konfessionskriege am Beginn der Neuzeit haben in Europa, anders als in den USA, zu der Lösung geführt, Religion aus dem öffentlichen Bereich herauszudrängen, sie zur „Privatsache“ zu machen. Genau diese Lösung akzeptiert der Islam nicht. Die Islamisten bekämpfen diese Trennung mit Gewalt und mit Berufung auf ihre heiligen Texte. Religiöse Abstinenz ist auch kaum das Heilmittel, die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts lehren, dass säkulare Ideologien die Zahl der Toten noch einmal in die Höhe treiben können.. Aber erwarten die Menschen, ob religiös oder nicht, von der Religion Lösungen, die sie aus eigenem Bemühen nicht zustande bringen? Gewalt ist eines der Phänomene, das durch keine Fortschrittsidee aus der Gesellschaft ausgetrieben werden konnte. Gewalt ist nämlich ein Phänomen, das in menschlichen Gruppen immer wieder neu aus Unmut entsteht, die sich zu Antipathien entwickelt und schließlich, wenn die Emotionen nicht mehr zu beherrschen sind, in Mord umschlägt. René Girard, ein französischer Literaturwissenschaftler hat den Zusammenhang von Gewalt und Religion eingehend untersucht und seine Erkenntnisse in mehreren Werken dargestellt.

Wie kommt es zum Opfer
Die Opfer halten die Gewalt im Bewusstsein der Menschen. Keine Religion stellt wie das Christentum ein Gewaltsymbol in den Mittelpunkt. Weil die Unzufriedenheiten immer neu entstehen, trocknet die Quelle für Gewalt nicht aus. Dass sie sich leicht bis hin zur Gewalt steigern können, liegt nach Girard in der menschlichen Natur begründet.
Die unbestimmte Offenheit des Handlungsrahmens auf der einen Seite und die Sozialität des Menschen auf der anderen Seite sind nach Girard die Situation, aus der erst einmal ein ständiges Sich-Vergleichen folgt, das dann leicht wie bei Kain in Eifersucht, Neid, Streit, Enttäuschung umschlägt. Weil der Mensch das begehrt, was der andere will, also gerade nicht durch den Trieb gesteuert wird, sondern durch das Auswahlverhalten anderer, funktioniert z.B. Mode. Leistungsanreize entstehen ebenfalls durch das Sich-Vergleichen mit anderen. Weil wir ständig andere beobachten und unsere Entscheidungen danach treffen, was andere anstreben, entsteht nicht nur Gerede. Es verhaken sich die Beziehungen. Das geschieht schon allein dadurch, dass über einen anderen in dessen Abwesenheit „hergezogen“ wird. Unzufriedenheit wird so geschürt, die Stimmung wird schlechter. Aus diesem Sumpf heraus entstehen die Untaten. Es fängt nicht mit bösen Absichten an, sondern mit schlechter Stimmung. Diese entsteht durch Neid, Eifersucht, durch sich Zurückgesetzt fühlen, durch enttäuschte Erwartungen.

Dom In Hildesheim Foto: E.Bieger

Dom In Hildesheim Foto: E.Bieger

Der Abbau der schlechten Gefühle: Suche nach einem Sündenbock
Wenn die Beteiligten sich in ihren negativen Gefühlen verharkt haben, muss irgendetwas geschehen, um die Stimmung zu ändern. Das gelingt nun nicht dadurch, dass man zusammen etwas Schönes macht, z.B. ein Fest feiert. Dadurch werden die negativen Gefühle nicht weggeblasen, sie verdichten sich eher in Formen der Gewalt. Diese Gewalt muss sich allerdings kanalisieren. Denn die menschliche Sippe wäre in ihrem Bestand gefährdet, wenn die Gewalt sich wahllos gegen jeden richten würde. Das passiert nur in Umbruchsituationen, dass jeder mit seinen Feinden abrechnet. Bürgerkriege erklären sich in ihrer Heftigkeit dadurch, dass alte nachbarschaftliche Konflikte so beglichen werden. Hätte die Menschheit nach diesem Muster die mit Notwendigkeit entstehenden schlechten Gefühle nicht herausgeschafft, hätten die ersten Sippen nicht überlebt. Girard stellt dazu eine einfache Überlegung an: Wenn in einem Stamm, in dem alle Männer für die Jagd mit Waffen ausgerüstet sind, diese nicht für die Jagd eingesetzt, sondern gegeneinander erhoben würden, wäre der Stamm in seiner Existenz gefährdet. Das Gleiche gilt aber auch für eine Abteilung in einem Unternehmen, einer Institution – wenn jeder gegen jeden „Rechnungen begleichen“ würde, wäre das Ganze gefährdet. Die Lösung besteht darin, dass man einen sucht, auf den sich alle unguten Gefühle richten können. Wenn dieser gefunden und ausgestoßen oder vernichtet wurde, hat er die schlechten Gefühle weggetragen. Die Luft ist wieder klarer, man kann atmen. Zudem sind alle überzeugt, dass der Gemobbte tatsächlich der Schuldige gewesen sein muss, denn die Gefühle haben sich zum Positiven verändert. Die besseren Gefühle nach der Ausstoßung des Mobbingopfers werden als Beweis erlebt, dass die Ausstoßung rechtmäßig erfolgte.
Zum Mobbingopfer wird meist derjenige, der sich am wenigsten wehren konnte. Als Rechtfertigungsmechanismus kann auch nach dem Satz erfolgen: “Wir haben ein Gesetzt und nach diesem Gesetz muss er sterben.“ Ein solches Delikt ist z.B., sich an der „Braut“ des anderen zu vergreifen. In den meisten Bevölkerungskreisen wird das Mobbingopfer nicht physisch umgebracht, es genügt die Absetzung, die allerdings eine Art „soziale Enthauptung“ darstellt.

Das Opfer bändigt die Gewalt
Das, was wir heute als Mobbing bezeichnen, liegt bei Girard am Beginn der menschlichen Kultur und damit auch vor einer Verhaltensordnung. Die Zeit ohne kulturelle Regeln war äußerst bedrohlich für den Fortbestand des Menschen, denn nur diejenigen Gruppen haben überlebt, die sich nicht gegenseitig umgebracht haben. Das ist gelungen, indem sie die angestauten Unzufriedenheiten, die sich zu Aggressionen verdichten, auf einen einzelnen Sündenbock leiten konnten, diesen ausstießen, um dann Verbote gegen das Begehren aufzustellen. Girard geht davon aus, dass es eine reale Tötung am Anfang der menschlichen Kultur gibt, die sich in den Opferriten niedergeschlagen hat. Wie sind die Schritte in dem psychischen Prozess zu sehen?
Der Effekt des Mobbing, der realen Tötung ist erst einmal eine Entlastung von den negativen Gefühlen. Jetzt ist die Gruppe wieder handlungsfähig. Sie hat die Gefährlichkeit der durch Stimmungen und Gefühle bewirkten Gewaltbereitschaft erlebt und konnte sie gerade noch einmal loswerden. Es werden jetzt Regeln eingeführt, die die Objekte der Nachahmung mit einem Verbot umgeben. So können Männer nicht mehr mit Gewaltandrohung um eine Frau rivalisieren. Eigentumsrechte werden eingeführt. Auch eine Instanz, die für Streitfälle eine Autorität hat, kann etabliert werden. Eine Gesellschaft ist darauf angewiesen, dass das Böse nicht als verborgener Giftherd weiter wirkt. Die Mittel, die zur Verfügung stehen, sind begrenzt. Ein einfacher Weg, die zersetzende Kraft der bösen Taten nach außen zu lenken, ist ein Krieg. Dieser eröffnet die Möglichkeit, die unguten Gefühle auf einen äußeren Feind zu lenken. Der Falklandkrieg ist ein klassisches Beispiel im Miniaturformat. Beide Kriegsparteien mussten mit inneren Schwierigkeiten fertig werden. Die jüdische Religion hatte für die Entlastung von dem Bösen einen jährlichen Ritus, von dem sich der Begriff „Sündenbock“ herleitet.
„Aaron soll seine beiden Hände auf den Kopf des lebenden Bockes legen und über ihm alle Sünden der Israeliten, alle ihre Frevel und alle ihre Fehler bekennen. Nachdem er sie so auf den Kopf des Bockes geladen hat, soll er ihn durch einen bereitstehenden Mann in die Wüste treiben lassen und der Bock soll alle ihre Sünden mit sich in die Einöde tragen.“ Levitikus, 16, 21-22

Girard hat durch eine Analyse der kultischen Opfer gezeigt, dass das ursprünglich reale Opfer rituell wiederholt wird, damit es so seine Wirkung behält, ohne dass neu ein Mobbingopfer gefunden werden muss. Das schließt Menschenopfer nicht aus. Die Azteken haben Kriegsgefangene geopfert. Ein anderer Ausweg sind Tieropfer. Das sind die gängigsten Formen. Es gibt aber auch andere. So wird in einer afrikanischen Kultur der König einmal im Jahr mit den schlimmsten Verbrechen beschuldigt, so, seinen Vater umgebracht und seine Mutter geschwängert zu haben. Der König muss nicht sterben, sondern wird einem Spießrutenlauf ausgesetzt. Die Anschuldigungen mit den schlimmsten Verbrechen sollen beweisen, dass er sich schuldig gemacht hat und daher umgebracht werden muss. Wenn der König angespuckt, mit Ruten geschlagen und mit Anschuldigungen überhäuft worden ist, hat er die Schuld aller weggetragen. Neben den Opfern hat bereits das Alte Testament eine Gegenstrategie gegen die Gewalt entwickelt:

Das Begehren muss gezähmt werden.
Wenn das Begehren und die Enttäuschung, das Begehrte nicht zu erhalten, den Boden für das Verbrechen bereiten, weil es im Kampf um das, was der andere hat, zur Gewaltanwendung kommt, dann muss das Begehren zurückgedrängt werden. In der jüdischen Gebotstafel wird ausdrücklich auf das Begehren abgehoben. Zum Abschluss der 10 Gebote heißt es:
„Du sollst nicht nach dem Haus deines Nächsten verlangen. Du sollst nicht nach der
Frau deines Nächsten verlangen, nach seinem Sklaven oder seiner Sklavin, seinem
Rind oder seinem Esel oder nach irgendetwas, das deinem Nächsten gehört.“
Exodus 20,17

Dass es um die Bändigung des Begehrens geht, kann man übrigens bei allen spirituellen Schulen nachlesen. Der Buddhismus hat für den Weg zur Vollkommenheit, d.h. zum Ablegen jedes Begehrens, 8 Stufen. Es gibt die Entwicklungslehre der ägyptischen Mönche, die dann wesentlich die abendländische Kultur mit geformt hat, bis hin zu der Entwicklung der Moralität, für die Kohlberg 6 Stufen gefunden hat.

Der Koran rechtfertig, ist aber nicht Ursache der Gewalt
Wenn man für die wachsende Gewaltbereitschaft von Muslimen auf verschiedenen Kontinenten eine Erklärung sucht, dann kann die nicht einfach in einigen Koranversen liegen. Auf die Unzulänglichkeit des Erklärungsversuchs bei Ayaan Hirsi Ali wurde hingewiesen. 

Zieht man die Analysen von Girard zur Rate, dann muss es im Islam eine große Unzufriedenheit geben. Die ist sicher zu einem guten Teil in dem Unterlegenheitsgefühl gegenüber dem Westen begründet. Die Arabellion zeigt allerdings, dass die Muslime vielleicht noch mehr mit ihren Gesellschaften unzufrieden sind. Da es keine Reformideen gibt, die die Muslime in die Globalisierung führen, scheint die strikte Einhaltung der Rechtsvorschriften die einzige Reformidee.

Für den Westen erübrigt sich jede Überheblichkeit Der Drache der Gewalt lauert unter den demokratischen Gesellschaften. Der Nationalsozialismus war ein Phänomen nicht des Mittelalters, sondern des 20. Jahrhunderts, das sich aus den Ideologien des 19. Jahrhunderts speiste.
Eines ist auch deutlich: Gewalt mit Gewalt zu beantworten, ist sicher keine Lösung. Dass die Christen aus dem Nahen Osten vertrieben hat, ist sicher auch eine Folge der beiden Irakkriege.

Eckhard Bieger S.J.

Die Analysen von Girard sind auf Deutsch zugänglich
Figuren des Begehrens. Das Selbst und der Andere in der fiktionalen Realität. LIT, Münster 1999;

Das Heilige und die Gewalt. Fischer, Frankfurt a. M. 1994, zuletzt Düsseldorf, Patmos 2006 (La Violence et le sacré, 1972,)

Das Ende der Gewalt. Analyse des Menschheitsverhängnisses. Erkundungen zu Mimesis und Gewalt mit Jean-Michel Oughourlian und Guy Lefort. Herder, Freiburg 2009;

Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz. Eine kritische Apologie des Christentums. Hanser, München 2002, Girard zeigt auf, dass die Evangelisten den Bericht über den Prozess Jesu nach dem Sündenbockmechanismus strukturieren.

 

 

5 Gedanken zu “Am Anfang der Religion steht Gewalt

  1. Gewalt,Ohnmacht,Macht…

    wie der Futterneid beim Tier
    gehört Gewalt zur „dunklen Seite“ des Menschen:
    ist es nicht doch die frühe Erfahrung von Ohnmacht,
    die Adaption misslingen ,Exklusion gelingen –
    und die „ISS, Hitler und Co.“ gebiert…?

    Die zumeist nur „rituell “ ausgetragenen Machtpoker im Rudel/der Herde lässt die Tiere, was die Erhaltung der Art angeht intelligenter erscheinen als den Menschen !

  2. Ursache von Gewalt seien im Wesentlichen schlechte, negative, ungute Gefühle.
    Diese entstehen durch Neid, Eifersucht, durch sich Zurückgesetzt fühlen, durch enttäuschte Erwartungen. ???

    Die Wucht solcher „negativer Gefühle“ führt nach meiner Überzeugung gewöhnlich erst dann zu Gewalt, wenn sie durch negative Kindheitserfahrungen und durch systemische Belastungen (unverarbeitete Schicksalsschläge und ungelöste Konflikte der Vorfahren) verstärkt werden und damit der Zusammenhang zwischen subjektiv erfahrener Gefühlsenergie und aktuellem Ereignis (als Auslöser der Gefühle) ein Stück verloren geht.
    Deshalb konnten die modernen Erkenntnisse der Psychologie und Pädagogik im Zusammenhang mit der gesellschaftspolitischen Verwirklichung von Arbeiter-, Frauen- und Kinderechten und durch den Abbau der entsprechenden Unterdrückungsformen schon viel Gewaltpotential in den Ländern abgebaut werden, in denen diese Erkenntnisse und Rechte greifen.
    Aber die psychologischen Erkenntnisse und ihre Anwendung sind auch in den Ländern mit einem hohen Bildungsniveau noch keineswegs schon wirklich Allgemeingut. Und auch die Katholische Kirche hat im Bereich in der Entwicklung einer zeitgemäßen Glaubenslehre im Dialog mit den Erkenntnissen der Psychologie gravierende Defizite, die sich nicht zuletzt bei ihren Gebeten in der Hl.Messe zeigen.
    Es sind heute sehr viele verschiedene Auslöser von vermeidbaren Frustrationen bei Kindern bekannt und ebenso die Möglichkeiten, solche Frustrationen nachträglich zu bearbeiten und ihre Wirkung als Verstärkung späterer Frustrationen abzuschwächen, um das darin schlummernde Gewaltpotential aufzulösen.
    Wenn sich die Kirche wirklich als „Seel“-Sorgerin verstehen will, müsste sie sich intensiver auch mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen über die „Seele“ beschäftigen und eine entsprechende Glaubenslehre entwickeln und entsprechende heilende Gebete formulieren. Die dafür notwendige Mühe und die dafür notwendige Bekehrung wäre das zeitgemäße „Opfer“, das die Gewalt reduzieren könnte.
    Man stelle sich vor, die Kath. Kirche hätte im Bereich Psychologie eine ähnlich geachtete und überzeugende Glaubenslehre wie im Bereich der Sozialethik mit ihrer „Kath. Soziallehre“!
    Manfred Hanglberger (www.hanglberger-manfred.de)

  3. Jesus spricht:“Es gibt keine groessere Liebe,als wenn ein Mensch sein Leben fuer andere hingibt“.
    Wir duerfen daraus ableiten:Es gibt keinen groesseren Hass,als wenn ein Mensch sein Leben in
    selbstmoerderischen Absicht einsetzt,um so viel als moeglich andere zu toeten und zu verletzen!
    Das erstere ist goettlichen Ursprungs,das zweite ist teuflischen Ursprungs,das muss klar unter-
    Schieden werden!

  4. Pingback: Die Gewaltbereitschaft der Vernunft | hinsehen.net

  5. Pingback: Was will Gott mit den Flüchtlingen? | hinsehen.net

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