„Gewalt gehört zum Islam“

Ayaan Hirsi Ali ist in Somalia geboren, wuchs in Saudi Arabien und Kenia als gläubige Muslima auf. Sie lebt in Amerika und schreibt aus der inneren Kenntnis des Islam. Als Jugendliche stimmte sie mit Wertvorstellungen fundamentalistischer Strömungen überein. Jedoch nimmt sie als Autorin heute einen westlichen Standpunkt ein. Um einer Zwangsheirat zu entkommen, hatte sie in den Niederlanden Aufnahme gesucht, dort ein Studium absolviert und sich dabei vom Islam getrennt.
Islambuch

Bestandsaufnahme durch eine Somalierin

Ihr Buch „Reformiert Euch, Warum der Islam sich ändern muss“, ist ein dreihundert Seiten langer Aufruf an den Westen, den Dschihadismus nicht mit Waffen, sondern intellektuell zu bekämpfen. Das Buch zeigt die dringende Notwendigkeit, ihm fehlen aber genau die geistigen Inhalte, die helfen könnten, den Islam wirklich zu reformieren. Trotzdem ist das Buch lesenswert und wird die meisten Leser dazu führen, den gewalttätigen Islam ernst zu nehmen. Was lernt der nicht-muslimische Leser:

  1. Es gibt zwei Richtungen im Islam, eine, die sich an den Suren des Korans orientiert, die in Mekka entstanden sind. Diese Mekka-Muslime suchen ihr Leben entsprechend den religiösen Überzeugungen zu leben. Sie stellen die Mehrheit des Islam dar. Die andere Richtung, die für bewaffneten Kampf gegen die Feinde des Islam wie gegen Abweichler eintritt, ist in den letzten 20 Jahren selbstbewusster geworden und findet unter jungen Muslimen vermehrt Anhänger. Sie ist weltweit aktiv, ob mit Anschlägen in Kanada, den USA, in England oder Paris, als al-Qaida, Taliban, Boko Haram oder Islamisches Kalifat. Hirsi Ali nennt sie die Medina-Muslime, denn aus der Zeit Muhammads in Medina stammten die Aufrufe zum bewaffneten Kampf.
  2. Die Rechtfertigung von Gewalt belegt die Autorin mit vielen Zitaten aus dem Koran und dem Hadith, der Zusammenstellung von Aussprüchen und Handlungen des Propheten. Sie will damit nachweisen, dass die Gewalthandlungen nicht nur durch die religiösen Schriften des Islam gebilligt werden, sondern aus einer strikten Anwendung des Korans unmittelbar folgen. Sie wendet sich an vielen Stellen des Buches gegen die Unterscheidung von „wahrem Islam“ und den Gewalthandlungen islamistischer Gruppierungen. Ihre zentrale These: Die Attentate und Terrorakte entspringen direkt der Lehre des Medina-Islam.
  3. Rechte der Frauen: Die Autorin stellt anhand vieler Beispiele und Entwicklungen dar, dass die Rechte der Frauen in islamischen Staaten wie Gemeinschaften in den letzten Jahren eingeschränkt wurden, sie weist auf die hohe Dunkelziffer bei Ehrenmorden hin, dem Recht des Mannes, die Frau zu schlagen, dass Frauen ohne männliche Begleitung das Haus nicht verlassen dürfen und ihnen Bildung verwehrt würde.
  4. Menschenrechte: Die Autorin erklärt, nicht zuletzt im Hinblick auf die Situation der Frauen ab, dass die strikte Auslegung des Korans sich nicht mit der Idee der Menschenrechte verträgt. Sie fordert eine Trennung der politischen Sphäre von der religiösen, so dass staatliches Recht allein aus der Vernunft und nicht aus den religiösen Schriften abgeleitet werden müsse.

Das Buch ist nicht als rationaler Diskurs angelegt, sondern stellt über weite Strecken die Ereignisse zusammen, die der westliche Leser aus Medienberichten bereits entnehmen konnte. Die Autorin ordnet alle diese Vorkommnisse in einen größeren Zusammenhang, der aus einem Erstarken des Medina-Islam entstanden sei. Daraus ergibt sich eine Sicht der religiösen Kräfte, die den Leser ratlos zurücklässt. Es scheint so, dass aus dem Islam selber nur die Kräfte hervorzugehen scheinen, die ein Zurück in die Gründungsphase mit einer strikten Auslegung der Vorgaben des Korans und damit zur Anwendung von Gewalt fordern. Es gibt dann auch einige Passagen, die eine andere Perspektive aufzeigen, nämlich eine Reformbewegung innerhalb des Islam (S.63 ff). Ab Seite 254 zeigt sie, dass Reformbestrebungen, nämlich den Islam auf die Basis der Menschenrechte zu stellen, zu beobachten sind. Im Anhang listet sie muslimische Dissidenten und Reformer auf. Sie sieht die dringende Aufgabe westlicher Intellektueller, diese Reformkräfte zu unterstützen, so wie der Westen die Dissidenten in den ehemals kommunistischen Ländern unterstützt habe. Liest man die vielen Namen, die die Autorin zusammenstellt, ist keiner so bekannt wie einst Alexander Solschenizyn, Andrei Dmitrijewitsch Sacharow oder Vaclav Havel (S. 250 ff.). Es braucht also sehr viel mehr Informationen über diese Kräfte im Islam.

Zustandsbeschreibung – keine Lösungen

Das Buch ist aus einer Innensicht des Islam geschrieben. Der Leser, der nicht in dieser Religion aufgewachsen ist, wünscht sich zuerst einmal weitere Stimmen dazu, ob die Zustandsbeschreibung der Autorin zutrifft. Es sind aber auch einige kritische Fragen an das Buch zustellen, die die Reformagenda der Autorin infrage stellen.

  1. Gewalt kann nicht allein religiös erklärt werden. Zwar berufen sich die Islamisten auf den Koran, aber sie leben heute und kommen heute auf die Idee, sich für ihre Handlungen auf uralte Texte zu berufen. Es muss Faktoren in der Gegenwart geben, die zur Gewalt führen. Wenn die Autorin aus einer westlichen Perspektive für Menschenrechte und die religiöse Toleranz plädiert, um von dieser Basis aus eine konstruktive Auseinandersetzung mit den Gewaltpotentialen des Islam zu leisten, dann müsste sie die Gewaltpotentiale in diesen Entwicklungen näher untersuchen. So bezieht sie sich einmal auf die Reformation, die, so wird insinuiert, das Christentum friedfertiger gemacht habe. Aber waren die Religionskriege nicht Katastrophen, die dem Ausmaß der Zerstörung im Zweiten Weltkrieges und dem Holocaust gleich kommen? Die Bauernkriege verwoben sich mit reformatorischen Anliegen, waren jedoch sozial bedingt. Es ist nicht festzustellen, dass gerade die Reformation zu einer Beförderung des Gewaltverzichts geführt hat. Der Westfälische Frieden kam nur deshalb zustande, weil die Kriegsparteien erschöpft waren. Hassprediger auf beiden Seiten bestimmten damals  den Verlauf – verbunden mit komplexen politischen Bruchstellen des mittelalterlichen staatlichen Systems. Auch die Französische Revolution schlug in eine Gewaltorgie um, zuerst in die Herrschaft der Jakobiner und dann in die Kriege Napoleons. Europa kam nach dem Sieg über Napoleon zu der Erkenntnis, dass Restauration die Antwort auf die Französische Revolution sein müsse, auch wenn es zu einer Neuordnung Mitteleuropas kam. Das Gewaltpotential folgt nicht einfach aus der strikten Auslegung religiöser Schriften, es muss etwas mit der Gegenwart zu tun haben. Psychologische und soziologische Erklärungen sind dringend notwendig. Auch die islamische Welt befindet sich in einem Umbruch. Gewalt mag Geburtshelfer des Neuen sein. Die Frage ist nur, ob Gewalt begrenzt oder durch Warlords und religiöse Prediger verstärkt wird.
  2. Wo liegen die Ressourcen des Islam? Das Plädoyer der Autorin orientiert sich an der Auseinandersetzung des Westens mit dem kommunistischen Systems (S. 262 ff.). Zwar hatte diese Auseinandersetzung auch eine religiöse Komponente, weil sich das Sowjetsystem ausdrücklich als atheistisch erklärte und eine Art Ersatzreligion mit entsprechenden Riten wie Jugendweihe entwickelte. Jedoch war es im Kern ein Kampf um das humanere System, das allen weniger schadet, sowie um das erfolgreichere Wirtschaftsmodell. Der Kalte Krieg wurde zwar auch intellektuell ausgefochten, entscheidend für die Abkehr der Bevölkerung vom kommunistischen Modell waren jedoch die Versorgungsmängel, deren Ursache die offensichtliche Unmöglichkeit war, das kommunistische System zu reformieren. Im Islam hat die Religion jedoch einen anderen Stellenwert. Wenn die Muslime sich gegen den westlichen Säkularismus auflehnen, nämlich den Menschen aus seiner Beziehung zu Gott herauszunehmen, wie sollen sie sich zu Gewaltverzicht durchringen, wenn die Dschihadisten genau das umsetzen, was sich viele Muslime wünschen, ein religiöses Leben führen zu können. Faktisch wünschen sie ein ungestörtes, möglichst Ausländer-freies Leben als Zurück in die Vormoderne. Damit muss sich der Westen auch auseinandersetzen und eine Lösung anbieten. Die Autorin gibt auf Seite 208 selbst zu, dass die Medina- Muslime im Moment die überzeugendere Agenda vertreten. Es muss schon eine religiöse Antwort geben und die muss aus dem Islam selbst kommen, wenn die Gewalt überwunden werden soll. Diese Antworten müssen nicht unbedingt von der Autorin verlangt werden. Islamische Theologen bleiben sie nicht erst seit dem Attentat auf die Redaktion von Charlie Hebdo schuldig. Es fehlt auch eine Reaktion des gemäßigten Islam darauf, dass der Islam faktisch nur im Zusammenhang mit Terrorakten auf sich aufmerksam macht und sich damit durch den Islamismus repräsentieren lässt. Es gibt auch eine dringende religiöse Frage: Wird der Islamist, der andere mit in den Tod reißt, tatsächlich von Allah als Märtyrer in den Himmel aufgenommen und werden die Getöteten der Hölle überantwortet? Das Christentum ist hier vorsichtiger. Es beansprucht kein letztes Wissen darüber, ob Gott einen Menschen für die Hölle bestimmt hat.

Auch wenn die Autorin entscheidende Fragen nicht beantwortet, die Lektüre des Buches zeigt, dass es nicht genügt, über Gewalthandlungen und Terrorakte zu berichten. Es braucht eine viel gründlichere Beschäftigung mit dem Islam. Die Autorin kann mit ihrer These überzeugen, dass der Einsatz von Waffen sinnlos ist und damit die US-Politik der letzten 15 Jahre. Wir müssen sehr viel mehr über die Gottesvorstellung, die Sicht des Menschen, die Staatstheorie des Islam wissen. Es ist festzustellen: Die Gewaltakte islamistischer Gruppierungen haben die intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Islamismus nicht in Gang gesetzt. Das gelingt Ayaan Hirsi Ali mit ihrem Aufruf „Reformiert Euch!“, der sich eigentlich an westliche Leser richtet, nämlich diese Reform einzufordern, indem die Reformkräfte im Islam nachhaltiger unterstützt werden.

Eckhard Bieger S.J.

Ayaan Hirsi Ali, Reformiert Euch! Warum der Islam sich ändern muss. New York 2015, München 2015, 302 Seiten

Eine Darstellung des Islam und des Islamismus findet sich bei Bernard Lewis / Buntzie Ellis Churchill: Islam. The Religion And The People, Upper Saddle River: Wharton School Publishing 2008, 238 S., ISBN 978-0-1322-3085-8, hier die Rezension von Wolfgang G. Schwanitz  

Zur Biographie Mohameds: Tilman Nagel, Mohammed, Leben und Legende, München 2008, Rezension von Wolfgang Schwanitz 

7 Gedanken zu “„Gewalt gehört zum Islam“

  1. gemessen am „bodycount“ ist der gewalttätigste Kriegstreiber, Massenmörder( Hunger) und Ressourcenvernichter nicht der Islam ,sondern der Kapitalismus…
    Die 10 Gebote gelten für beide gleichermassen !

  2. „O die ihr glaubt, geben Sie in einen der Frieden immer. Wobei die Schritte der Satan unterzogen. Denn er ist euch ein offenkundiger Feind „(Koran-Quran – Vers 208). Der Islam ist eine Religion des Friedens und der Liebe. Immer Kriege, Leid, Ungerechtigkeit, Hunger, hat Kolonialismus Feinde Allahs gemacht. Wenn nicht korrelieren mit Islam Muslime begehen Fehler. Wenn Sie den wahren Islam verstehen wollen, dann sind die Zeichen Gottes (des Koran und des Propheten Mohammeds Leben) lesen

  3. Quran (Das Haus Ìmráns)
    31. Sprich: «Liebt ihr Allah, so folget mir; (dann) wird Allah euch lieben und euch eure Fehler verzeihen; denn Allah ist allverzeihend, barmherzig.»
    32. Sprich: «Gehorchet Allah und dem Gesandten»; doch wenn sie sich abkehren, dann (bedenke), daß Allah die Ungläubigen nicht liebt.

    Quran (Die Frauen 13-14-59)

    13. Dies sind die Schranken Allahs; und wer Allah und Seinem Gesandten gehorcht, den führt Er in Gärten ein, durch die Ströme fließen; darin sollen sie weilen; und das ist die große Glückseligkeit.
    14. Und wer Allah und Seinem Gesandten Gehorsam versagt und Seine Schranken übertritt, den führt Er ins Feuer; darin muß er bleiben; und ihm wird schmähliche Strafe

    59. O die ihr glaubt, gehorchet Allah und gehorchet dem Gesandten und denen, die Befehlsgewalt unter euch haben. Und wenn ihr in etwas uneins seid, so bringet es vor Allah und den Gesandten, so ihr an Allah glaubt und an den Jüngsten Tag. Das ist das Beste und am Ende auch das Empfehlenswerteste.

    Quran (8 – Die Verderblichkeit des Krieges-20)
    20. O die ihr glaubt, gehorchet Allah und Seinem Gesandten, und wendet euch nicht von ihm ab, während ihr zuhört.

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