Bild und Wahrheit

young man looking at an older himself in the mirror

Foto: Tommaso Lizzul/fotolia.de

Hat das Bild eine Eigenständigkeit oder dient es nur der Illustration? Wird ein Bild einfach nur als Bild verstanden oder bedarf es eines Titels oder Kommentars? Wünscht sich mancher Zeitgenosse gar ein Bilderverbot, um von der Bilderflut nicht mehr abgelenkt zu werden? Die moderne Welt ist ohne Fotos, Selfies, Filme, Plakate usw. kaum noch vorstellbar. Das Visuelle bestimmt den Alltag und ein Telefon dient in Form des Smartphones kaum noch zum Miteinandersprechen, sondern zum Empfangen von visuell zu rezipierenden Nachrichten. Die stille und meditative Betrachtung eines Bildes ist zu einer Ausnahme geworden.

Die Fragen nach der Bedeutung der Bilder oder dem beklagten Verlust der Betrachtungsfähigkeit sind nicht zu trennen von der Wahrheitsfähigkeit der Bilder. Folgt man dem Idealismus, dann sind Bilder Abbilder der Ideen und haben nur als solche eine Wahrheit. Sie deuten auf Wahrheit hin. Platon ging davon aus, dass Bilder prinzipiell Lügner seien. Die Aufgabe der Philosophie bestehe darin, die Menschen von der Bildberieselung in der Höhle zu befreien. Über viele Jahrhunderte blieb diese Auffassung der „Bildbetrachtung“ vorherrschend. Allerdings dürfte die Rezeption bei manchen Menschen auch zu einer Wahrheit in einem anderen Sinne geführt haben, was deutlich an der psychedelischen Kunst wird. Das Betrachten eines Bildes führt durch die Kraft der Farben und die suggestive Macht der Formen zu einem rauschhaften Zustand, der als wahrhaftig erlebt wird. Jean Baudrillard stellt für die Moderne die These auf, dass die Medien die Wirklichkeit ersetzen und ein Diskurs über Wirklichkeit gar nicht mehr stattfinden könne. Dies würde jedoch von vornherein einen Unterschied zwischen Bild und Wirklichkeit voraussetzen und das Erleben beim Betrachten z. B. eines psychedelischen Bildes als unwirklich bestimmen.

Jedes Bild ist Zeugnis für die Wahrnehmbarkeit einer Wahrheit

Ludger Schwarte nennt drei Ebenen des Bildersehens: Opsis, Imagination und Intuition. Zunächst ist das Betrachten eines Bildes die Entscheidung, Störungen auszuschalten, tastend und forschend auf das Bild zuzugehen und drittens sich als Betrachter selbst zu reflektieren, was bedeutet, sich zu vergegenwärtigen, dass zwischen Bild und Subjekt eine Distanz besteht. Diese perzeptive Distanz macht es erst möglich, etwas als Bild zu sehen. Das Dargestellte unterscheidet sich von der Darstellung. Daher ist es auch möglich zu erkennen, was die Intention des Bildes ist. Das Bild soll etwas darstellen oder abbilden. Neben ein Erkennen formaler Aspekte tritt daher auch das Erfassen inhaltlicher Absichten des Urhebers eines Bildes. Das Sehen eines Bildes ist immer auch erkennendes Sehen. Die zweite Ebene ist die der Imagination. Das Dargestellte ist als solches gar nicht existent. Erst die Imaginationskraft des Betrachters lässt z. B. aus der zweidimensionalen Darstellung einen Gegenstand dreidimensional entstehen. Eine solche Tiefendimension ist nach Maurice Merleau-Ponty durch das Körperschema bedingt, was vor allem bedeutet, dass die Tiefendimension keine Illusion ist, sondern eine konkrete Erfahrung. Und schließlich ist die Intuition eine Ebene der Bildbetrachtung. Intuition ist die Bestätigung einer Ahnung, die nach Adorno die Erfahrung einer Objektivität gegen das Subjekt ist. Für Henri Bergson ist es ein vorbehaltloses Sich-Einfügen in den lebendigen Impuls des Anderen.

Wenn Bilder aktiv werden

Von Bernhard von Clairvaux gibt es eine Legende, die die Wahrheitsfähigkeit eines Bildes sehr anschaulich macht. Der Heilige soll vor einem Marienbild gebetet haben und dabei in einen tranceähnlichen Zustand geraten sein. In diesem Zustand sah (und erlebte er), wie die Gottesmutter ihre Brust entblößte und aus ihrer Brust einen Milchstrahl presste, der Bernhard von Clairvaux ins Gesicht traf. Diese mystische Erfahrung ist möglich, weil durch das genaue Hinsehen das Bildobjekt außer Kontrolle gerät. Indem sich der Heilige in die Betrachtung versenkt, kann er fassen, was sich im Bild zeigt. In dem Augenblick, wo er die Statue als das ansieht, was sie ist, bekommt sie eine Lebendigkeit, die wiederum eine eigene Wirklichkeit erhält: Das Bild wird aktiv.

Betrachten als ein aktiver Vorgang

Im Unterschied zu heutigen Sehgewohnheiten ist das mystische Erleben eines Bernhards von Clairvaux ein aktiver Vorgang. So kann z. B. das dreidimensionale Kino Regen „sichtbar“ und in manchen Kinos sogar spürbar machen. Intuition, wie oben beschrieben, wird durch Effekte ersetzt. Das genaue Hinsehen und bewusste Ausblenden von Störungen wird überflüssig gemacht. Um sich der Wahrheitsfähigkeit der Bilder oder vielleicht überhaupt der Wahrheit nähern zu können, ist eine Anstrengung wie die des Heiligen vonnöten.

Voraussetzungen im Verständnis

Ludger Schwarte hat mit dem äußerst differenzierten und anschaulichen Buch „Pikturale Evidenz. Zur Wahrheitsfähigkeit der Bilder“ eine breite Basis geschaffen, um sich zu vergegenwärtigen, was die Betrachtung eines Bildes voraussetzt. Ausgehend von der Auffassung des Bildes als Lüge, behandelt er die Wahrheiten im Bild, drei grundlegende bildtheoretische Ansätze und erörtert sowohl das Machen eines Bildes, die Perzeption, wie auch die Evidenzen durch Farbe, Form und Zeit. Zum Schluss wird die pikturale Evidenz als eine Art Ergebnis seiner Untersuchungen vorgestellt: „Sie stellen ein So-Sein aus, das verschiedenen Betrachtern eine gleiche Einsicht in die bildkonstitutiven Relationen von Eigenschaften eröffnet.“

Thomas Holtbernd

Buch: Ludger Schwarte. 2015. Pikturale Evidenz. Zur Wahrheitsfähigkeit der Bilder. München. Verlag: Wilhelm Fink. Preis: 29.90€

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s